Wer das Wort "Landleben" googelt, findet Idyllen. Eine Zeitschrift, die exakt so heißt, bildet haufenweise Verklärtes in plakativ bäuerlichem Ambiente ab. Eine andere, die mit mehr als 800.000 Exemplaren erfolgreichste, trägt den Namen Landlust. Eine dritte verspricht LandLiebe, eine vierte heißt Mein schönes Land. Die Gazetten sind gefüllt mit Fotos blühender Landschaften und traumhaften Anwesen, auf denen glückliche Menschen sinnreichen Beschäftigungen nachgehen: gärtnern, züchten, ernten, färben, flechten. Die Zeitschriften haben es auf die Städter abgesehen: Landleben als Sehnsuchtsort.

Nun ist ein Buch erschienen, das auch so heißt: Das Landleben. Nüchtern ausgedrückt geht es im jüngsten wissenschaftlichen Werk von Werner Bätzing, dem emeritierten Professor für Kulturgeografie, um Strukturwandel. Jahrzehntelang hat er an der Universität Erlangen-Nürnberg gelehrt (und sich einen Namen als herausragender Kenner des Alpenraums gemacht). Wenn er sich nun des Landlebens annimmt, dann bleibt nach einer gnadenlosen Analyse nicht viel Idylle übrig. Wird das Landleben verklärt, so könne es nur noch "auf eine fingierte Weise" gelebt werden, "nämlich als Idyll", schreibt er. Und: "Als falsches Versprechen führt es letztlich in den Abgrund."

Zwar erzählen seine Berichte auch von kreativen Menschen, die verlotternde Gutshöfe in hübsche Bausubstanzen verwandeln und so den Zerfall zumindest verzögern – aber Bätzing übersieht nicht: Trotz frischer Farbe und Heckenschere geht hier eine Kulturlandschaft vor die Hunde. Die Schaffung angeblich "moderner Strukturen" führte ab den 1960er-Jahren zu einer massiven Entwertung der Dörfer, vor allem ihrer Kerne. Früher hatten Leben und Arbeit dort eine intakte Einheit gebildet, die Dörfer waren zuverlässige Motoren der Konjunktur. Die Industrialisierung schwächte diese Strukturen, nach und nach wurden die Arbeitsplätze weniger, Infrastrukturen verschwanden.

Parallel dazu erodierte der Zusammenhalt. Der Fernsehabend ersetzte den Schnack mit den Nachbarn, Telefon und Tageszeitungen machten Kontakte überflüssig. Zwischen 1990 und 2010 verschwanden auf dem deutschen Land acht von zehn kleinen Läden. Von 1994 bis 2018 schlossen die Hälfte der Wirtshäuser, Bäckereien, Metzgereien und Bankfilialen. Nicht einmal mehr das Bier der kleinen Dorfbrauerei tranken die Menschen, sie schluckten das billige Kaltgetränk der Großen.

So schonungslos Bätzing analysiert, er hat auch Hoffnung für das Land. Er will der "gefährdeten Lebensform" eine Zukunft geben. Auch der Stadt wegen – weil sie ohne das Land nicht existieren könne. Solange Urban Farming in einer Nische bleibt, nährt das Land die Stadt. Nicht umgekehrt.

Der ehemalige Hochschullehrer (und leidenschaftliche Wanderer) Bätzing mutet den Lesern seine zähe und seine unterhaltende Seite zu. Da ist der sture Lehrmeister, der darauf aus ist, dass man seine Szenarien nach 302 Seiten auch wirklich im Kern kapiert hat. Dafür muss man lernen. Viel! Zum Beispiel, welche Möglichkeiten es gibt, "Landleben" zu definieren. Und dass er sich selber an der Bevölkerungsdichte orientiert. Als Land gelten dann Orte, an denen nicht mehr als 150 Einwohner auf einem Quadratkilometer leben.

Minutiös kümmert er sich um wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Entwicklungen, die vor mehr als zehntausend Jahren im Neolithikum ihren Anfang nahmen. Und erst zum Schluss verrät der Professor in einem programmatischen Kapitel, wie es heute anders laufen könnte, nämlich besser. In größter Kürze formuliert: Das Landleben ist unverzichtbar, braucht aber wieder eine solide wirtschaftliche und vor allem multifunktionale Basis. Das Land muss ländlicher werden und die Stadt städtischer: Denn auf dem Land sind dezentrale Strukturen nachhaltig – und effizient verdichtete Städte verbrauchen wenigstens nicht so viel schönes Land.