Wenn der Satz stimmt, dass alle Wahrheit konkret ist, dann ist dies für Ursula von der Leyen eine Woche der Wahrheit. Als die Präsidentin der Europäischen Kommission vor ein paar Wochen ihr Amt antrat, stellte sie ein Regierungsprogramm vor, wie es in der Geschichte der Union wenige gegeben hat. Im Zentrum ihrer Überlegungen: ein Green Deal, mit dem die EU umgebaut, die Wirtschaft erneuert und der Klimadebatte der apokalyptische Stachel genommen wird.

Wo andere Gefahren sehen, identifizierte von der Leyen Chancen: Zukunftsmärkte, Technologien, Arbeitsplätze. Um diese Chancen zu nutzen, brauche es einen europäischen "Mann-auf-dem-Mond-Moment" – eine Anspielung auf die Mondlandung der Amerikaner in den Sechzigerjahren, die viele Skeptiker damals für unmöglich gehalten hatten und die dennoch gelang. Kann so etwas Ähnliches heute wieder funktionieren? Und wenn ja, wie?

In dieser Woche nun gibt es eine erste Antwort. Formal präsentiert Ursula von der Leyen an diesem Mittwoch nach einem Treffen mit Greta Thunberg (und nach Redaktionsschluss) nur den Entwurf für ein Klimagesetz. In Wirklichkeit aber stellt sie die Systemfrage. Denn das, was sie da skizziert, geht weit über ein einzelnes Gesetz hinaus. Von der Leyen will nicht nur Macht und Geld neu verteilen. Sie will den Umweltschutz in der DNA der EU speichern, er soll künftig bei jedem Gesetz und jedem Programm mitbedacht werden. Das könnte Wirtschaft und Gesellschaft stärker verändern, als es einst der Euro getan hat.

Wer einen Mann auf den Mond bringen will, muss zugleich waghalsig und pedantisch sein. Es braucht die große Idee und die vielen kleinen Stellschrauben – und genau so muss man sich auch den Green Deal vorstellen. In dieser Woche kommt das Klimagesetz, in der kommenden Woche die Industriestrategie, der Haushalt soll grün werden, ein Milliardenfonds den Umbau benachteiligter Regionen erleichtern, eine neue Agrarpolitik die Landwirtschaft ergrünen lassen, der Ausbau des Emissionshandels die Wirtschaft und ein Klimazoll die Handelspolitik. Wenn alles gut geht.

Der allererste Aufschlag, Anfang des Jahres, bestärkte erst einmal die Pessimisten. Vollmundig hatte die Kommissionspräsidentin da verkündet, dass Europa bis 2030 eine Billion Euro für den Green Deal ausgeben müsse. Das Geld solle aus drei Quellen kommen: direkt aus dem Budget der EU, von den Mitgliedsstaaten und der Europäischen Investitionsbank. Doch die Regierungschefs ließen sich davon nur wenig inspirieren. Zwar diskutierten sie auf einem Sondergipfel im Februar 36 Stunden lang übers Geld, sie feilschten wie in einem Krämerladen. Um die Umwelt oder gar die Frage, wie die EU insgesamt grüner wirtschaften könne, ging es dabei aber kaum.

Die sogenannten "sparsamen Vier" (Niederlande, Dänemark, Schweden, Österreich) beharrten darauf, dass das EU-Budget auf keinen Fall mehr als ein Prozent der Wirtschaftsleistung der einzelnen Mitgliedsstaaten betragen dürfe – vor allem weil sie mehr in den EU-Haushalt einzahlen, als sie herausbekommen. Geleitet von ebenso offensichtlichen Interessen wollten andere Regierungen, die von den Zahlungen aus Brüssel profitieren, mehr Geld für Europa - und damit für sich.