In der Corona-Krise mit ihrem enormen Verheerungspotenzial steckt zugleich eine Chance für die politische Vernunft. Das klingt paradox: Was könnte für den rationalen, besonnenen Gang der öffentlichen Dinge bedrohlicher sein als eine panikträchtige Notlage? Doch so einfach ist es nicht. Denn in einer ernsten Gefahrensituation wächst zugleich das Bedürfnis nach Professionalität und Erwachsenheit. Während die Stimmungspolitik der Demagogen, Fantasten und Maulhelden auf einmal sehr viel weniger attraktiv wirkt.

So ist es kein Zufall, dass die Sars-CoV-2-Epidemie sofort als hochriskant für Donald Trump empfunden wurde. Nicht nur, weil der amerikanische Präsident für seine Wiederwahl im November auf gute Wirtschaftszahlen baut und daher einen ökonomischen Einbruch durch die Virusfolgen fürchten muss. Sondern vor allem, weil Trump für diese Lage den erkennbar falschen Politikertypus verkörpert.

Dies ist nicht der Augenblick, in dem man von einem schwadronierenden Entertainer regiert werden möchte, der nachts im Weißen Haus vor dem Fernseher hängt und in manischem Eifer Tweets absetzt. Von einem Wissenschaftsverächter, der seit Jahren Etatkürzungen für die großen US-Forschungseinrichtungen fordert, unter anderem für die Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH). Man wüsste gern, wie viele Trump-Wähler sich jetzt heimlich, für ein paar Monate wenigstens, die kühle Präzision von Barack Obama zurückwünschen, dem jeder zutraute, dass er zur Not um sechs Uhr früh am Schreibtisch sitzen und trotzdem spätabends noch konzentriert einem Meeting folgen konnte.

Coronavirus - Donald Trump verteidigt Einreisesperre für Europäer Für eine Absprache mit der EU habe die Zeit nicht gereicht, teilte Trump mit. Zu den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sagte er, die Märkte würden sich bald erholen. © Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Populismus ist ein Luxus, den man sich leisten können muss

Es geht jedoch nicht nur um das richtige politische Personal. Vielmehr wirkt der gesamte populistische Affekt im Moment der Krise eigentümlich fehl am Platz. Eben wurde noch (etwa von Brexit-Befürwortern, denen pessimistische ökonomische Prognosen für Großbritannien nach dem EU-Austritt missfielen) über die angebliche Überschätzung von Experten und Expertise hergezogen. Aber wird nun irgendjemand im Ernst seine Gesundheit lieber laienhaften Gesinnungsfreunden als erfahrenen Ärzten, also Experten, anvertrauen? Will man seine Informationen über die Corona-Epidemie wirklich eher von ideologisierten Bloggern aus dem eigenen Meinungslager beziehen als von den "Mainstream-Medien", die von Trump und seinesgleichen als Stimme einer volksfernen Elite attackiert werden? Die ganze Fantasie von einer besseren, authentischen Alternativwelt im Gegensatz zum verhassten Establishment bricht im Angesicht einer echten Herausforderung zusammen. Populismus ist ein Luxusphänomen, das man sich leisten können muss. Er verhält sich parasitär zu einer Normalität, die ihm als langweilig oder korrupt gilt, von der er aber komplett abhängig bleibt. Im Ausnahmezustand dagegen, wenn die Börsenkurse abstürzen, steigen die Aktien der Sachlichkeit.

Zwei Vorbehalte bei den Chancen der Krise muss man allerdings anbringen. Der eine betrifft den Systemwettbewerb zwischen Demokratie und autoritärer Herrschaft, der sich gegenwärtig, vor allem mit Blick auf China, fühlbar zuspitzt. Eine Renaissance von Rationalität und Professionalität heißt leider nicht unbedingt, dass es sich dabei um demokratische Rationalität und Professionalität handeln muss. Das abschließende Urteil über den chinesischen Umgang mit dem Coronavirus steht noch nicht fest. Sollte es trotz der anfänglichen diktaturtypischen Lügen im Ergebnis eher günstig ausfallen (während womöglich die Vereinigten Staaten ein abschreckendes Beispiel des Versagens liefern), dann wäre die politische Bilanz der Epidemie für den Westen und für die Idee der Demokratie negativ. Nicht nur ein freiheitlicher, sondern auch ein autoritärer Antipopulismus könnte von den Ereignissen dieser Wochen profitieren.

Damit ist auch der zweite Vorbehalt schon berührt: Es kommt am Ende auf die Resultate, auf den Erfolg an. In der Krise erhalten eine traditionelle Regierung und Verwaltung noch einmal wohlwollendes Gehör, es stellt sich heraus, dass sie immer noch auf einen gewissen Vertrauensvorschuss zählen können. Sie müssen jetzt aber auch liefern. Wenn sie das nicht schaffen, wenn sich herausstellen sollte, dass es sich bei ihnen um überschätzte Scheingrößen handelt, mit deren Leistungsfähigkeit es in Wahrheit nicht weit her ist – dann würde sich die unerwartete Chance in ein Desaster verwandeln. Dann wäre die Freude der Populisten doch noch groß.