Am Ende dieses 600 Seiten langen Debütromans, nachdem alle Berge, Wälder und Dörfer Liechtensteins fertig bestaunt sind und der Erzähler sich höflich beim Leser verabschiedet hat, bedarf es offenbar einer Klärung. Auf einer klein bedruckten Seite erklärt der Autor Benjamin Quaderer recht umschweifig, dass sein Buch zwar mit etlichen Realien jongliert, an tatsächliche Vorkommnisse und Personen anknüpft, aber alles "unter Anlegung des gebotenen kunstspezifischen, ästhetischen Maßstabs als Fiktion" zu betrachten sei. "Dieses Buch", so steht es dort, "ist ein Roman." Die entschuldigende Eindringlichkeit des Textchens, das lapidar als "rechtlicher Hinweis" annonciert ist, könnte einen glauben lassen, das Lesepublikum sei mittlerweile untüchtig geworden, Literatur als solche zu erkennen, und müsse fürderhin darauf hingewiesen werden, wenn es dann mal mit ihr zu tun hat.

Literatur ist der Roman Für immer die Alpen ja ohne Frage, gelegentlich sogar sehr gute. Und sein Stoff ist wahrhaft brisant: Als Grundlage der Geschichte von Johann Kaiser leiht Quaderer sich den realen Fall des ehemaligen Liechtensteiner Bankmitarbeiters Heinrich Kieber, der im Verdacht steht, vor einigen Jahren deutschen Behörden Informationen über mutmaßliche Steuerhinterzieher zugespielt zu haben. Aus Kieber macht Quaderer ebenjenen Lebenslügenkünstler Johann Kaiser, der aus der gut begüterten Einsamkeit des Zeugenschutzprogramms nun rückblickend seine Sicht auf die Ereignisse erzählt: wie er vom höchst begabten, höchst belesenen, höchst durchtriebenen Waisenjungen zum Kleinstaatsfeind Nummer eins wurde, dessen abenteuerliches Herz immer schon drei Nummern zu groß für ihn gewesen ist.

Es steckt viel Dichtung, viel Unwahrheit und viel durchtriebener Schalk in diesem Buch, nicht selten im allerbesten Sinn. Wenn Johann Kaiser seine unglaublichen Lebensstationen in spanischen Klöstern und Waisenhäusern schildert, von seinen brutalen Zwillingsschwestern erzählt, die ihn umbringen wollten, wenn er sich als Sohn eines Bohrmaschinenfabrikanten ausgibt oder eine von Flugzeugen besessene Schweizer Reiseverkehrsfrau trifft. Und besonders: wenn er von seiner innigen Beziehung zur Liechtensteiner Fürstin Gina berichtet, der er einst beim Kauf von Sauerkirschmarmelade begegnet sei. Vieles sind Versatzstücke, die man so ähnlich aus der Literaturgeschichte kennt. Aber Quaderer ist hier ein begabter Arrangeur.

Und besonders in der ersten Hälfte ist es ein Vergnügen, wie hier ein junger Autor seinem Ideenüberschuss, seiner Neigung zu vorwitzigen Kanonaden von Blitzgescheitheiten einfach nachgibt. Kaiser schweift andauernd ab, zitiert sich in Fußnoten durch die Weltliteratur und am meisten sich selbst. Der ansteckenden ontologischen Heiterkeit des Erzählers kann man sich kaum entziehen. Und wie nebenbei entsteht so ein moderner Liechtensteinroman, der die Dörfer liebevoll abfährt, die himmellose 160 Quadratkilometer kleine Welt zu Füßen der Alpen, in die Kaiser immer, wie mesmeristisch angezogen, zurückkehrt. Liechtenstein tritt uns hier als nahezu magische Gemeinschaft entgegen. "Es waren einmal die Alpen. Es waren einmal Ortschaften, die hießen: Mels, Walenstadt, Quinten, Uznach, Brugg, Möriken-Wildegg, Neuendorf, Niederbipp, Lyss ..." Und immer so weiter.

Benjamin Quaderer, Jahrgang 1989, ist selbst dort aufgewachsen. Er hat vor einigen Jahren den zweiten Platz des Nachwuchswettbewerbs OpenMike gewonnen, hat am Literaturinstitut in Hildesheim studiert, was man seinem Debüt in seinen stärksten ebenso wie in seinen schwächsten Passagen anmerkt, in denen der Roman sich ein wenig selbst angeberisch hintertreibt. Je länger die Geschichte dauert, je mehr der Autor sie mit strapaziösen Metamätzchen, Perspektivwechseln und parallel geführten und sogar parallel gesetzten Erzählungen aufmöbelt, desto mehr verliert der Roman seine Leichtigkeit. Er spielt ein wenig mit der Möglichkeit des Erzählens und Erinnerns herum, ohne dass es dem Buch diente oder aus der Handlung heraus motiviert wäre. Denn dass hier ein Hochstapler erzählt, ist ja allen von vornherein klar.

In seinen besten Momenten ist Für immer die Alpen ein postmoderner Schelmenroman. In seinen nicht so guten verzettelt sich sein Autor ohne Not in metafiktionalen Fragen, und viele seiner Einfälle, die er anfangs zauberhaft einführt, versanden oder werden unauffällig wegmoderiert. So stellt sich der Eindruck ein, dass Benjamin Quaderer sich ein wenig verausgabt hat in seinem Willen, ein besonders originelles Buch zu schreiben, das unbedingt Eindruck machen will. Und das, wenn es an seinem Höhepunkt ankommt, dem Diebstahl der Bankdaten, so wirkt, als sei es selbst an sich ein wenig müde geworden.

Andererseits: endlich ein echter Liechtensteinroman, mit mehr Buchstaben, als es dort Einwohner gibt! Das gab’s ja bisher auch nicht so oft.

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen
Roman; Luchterhand, München 2020; 592 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €