Wenn Sie denken, mit einer Depression lasse sich kein Portfolio veredeln, stöbern Sie wohl selten im Internet. Bei Twitter, Facebook und so weiter übt man nämlich das bezaubernde Ordnungsprinzip der Konkurrenz mitunter auch mal in Sachen psychischer Gesundheit ein: Meine Depression ist viel authentischer als deine! Und wenn Sie nun wiederum denken, solch Versuch, eine seelische Beschädigung zum Alleinstellungsmerkmal aufzutürmen, rühre halt vom Internet her, diesem merkwürdigen Identitätsinkubator mit seiner hysterischen Debattenkultur (man kennt die talking points) – dann haben Sie wohl noch nie ein Buch des vor drei Jahren verstorbenen englischen Kulturwissenschaftlers Mark Fisher aufgeschlagen. Von dem kommt jetzt ein neues Werk in die Regale.

k-punk heißt das Buch und ist so dick, dass es, stellte man sich drauf, fast als Rednerpodest taugt, von dem aus es sich über die 624 Seiten mit einer passionierten Hibbeligkeit predigen ließe, wie man sie auch bei Mark Fisher beobachten konnte; bei seinen Lesungen und Seminaren (schauen Sie doch mal bei YouTube). "Ich erinnere mich daran, wie seine Hände zitterten, während er leidenschaftlich referierte. Obwohl er leise und ruhig sprach, spürte man bereits die Aura eines im Entstehen begriffenen Redners", schreibt der US-Bestsellerautor Simon Reynolds im Vorwort über seine ersten Begegnungen mit Fisher, diesem "Dynamo, niemals um eine Provokation verlegen, voll von Ideen". Eine dieser Ideen: Depression niste deshalb in unserer Gegenwart wie die Pest im Mittelalter, weil unsere Wirtschaftsordnung ihre unsichtbare Hand im Spiel habe. Fisher hat selber viele Jahre an einer Depression gelitten, 2017 nahm er sich im Alter von 48 Jahren das Leben.

k-punk, angelehnt an das Genre Cyberpunk (k wegen des griechischen Ursprungsworts Kyber), kuratiert nun Texte, die er auf seinem gleichnamigen Blog veröffentlicht hat, und sie handeln auf den ersten Blick von Batman-Filmen und Nietzsche, von Stephen-King und Hillary Clinton und auf den zweiten von wirklich allem: unserem verkümmerten Gefühlsleben, der Gesellschaft, von Ihnen und mir.

Wenn Fisher einleuchtend abwägt, ob der Untergang des Techno-Raves das Symptom einer umfassenden Kulturkrise ist und die Romanverfilmung Shining eine psychoanalytische Metareflexion unserer Gegenwart – dann ist es genau dieses erst einmal irritierende Umherschweifen im popkulturellen Dämmmaterial unseres gesellschaftlichen Unbewussten, das für Klarheit sorgt wie Spritzer Wasser ins Gesicht nach einem Haschkeks zu viel.

Zum intellektuellen Star einer Generation, die statt mit dem Kalten Krieg mit Deregulierung und Finanzkrise, mit Billigjobs und Studienschulden aufgewachsen ist, wurde Fisher im Großbritannien der Zehnerjahre vor allem wegen seines Essays Kapitalistischer Realismus (in Buchform 2013 auf Deutsch erschienen). Darin führt er aus, dass unser Wirtschaftssystem nie mit der Behauptung für sich werben musste, toll zu funktionieren: Es reichte die Suggestion, dass sowieso nix anderes denkbar sei.

Depression passiert, wenn magischer Voluntarismus auf eingeschränkte Möglichkeiten stößt.
Mark Fisher

Nachdem Maggie Thatcher mit ihrem Schlachtruf "There is no alternative" die Gewerkschaften als Ort der Solidarität niedergerungen habe und der Neoliberalismus jeden Fitzel der Welt und dann unser Inneres kolonialisiert habe, seien auch Burn-out und Depression privatisiert worden wie zuvor Wasserwerke, Krankenhäuser, Sozialwohnungen. Die Gründe für Leiden? Suchen die Vereinzelten nun bloß noch "in der Chemie ihres Gehirns oder ihrer persönlichen Biographie". In einem Zustand ständiger Erreichbarkeit, durch Smartphones und E-Mails, die Arbeitstag und Zwang zur Dauerkommunikation ins Unendliche verlängern, werden wir unfähig, jemals abzuschalten: "Das Leben verkommt zu einer Reihe von Angstanfällen, mit der Aussicht, diesen Arbeitsbedingungen niemals genügen zu können." Und selbst im Wartezimmer des Therapeuten begreifen wir – alles ist Wettbewerb unsere Mitmenschen als Konkurrenten. Dass wir uns heutzutage eher das Ende der Welt vorstellen können als das Ende des Kapitalismus, so lautet das wohl bekannteste Aperçu, das Fisher uns überliefert hat. Und geben ihm die aktuellen Debatten nicht recht, in denen effektiver Klimaschutz als profithemmend geschmäht wird?

Das linke US-Hipster-Magazin Jacobin schrieb neulich über Fisher, mit Blick auf den Sozialismus-Hype unter Millennials und die Möglichkeit, dass bald der Möbelwagen von Bernie Sanders vor dem Weißen Haus vorfahren könnte: "Hätte Mark nur lange genug durchhalten können, um zu sehen, dass sich die Depression endlich von der Welt löst. Vielleicht hätte es ihm geholfen, den Kopf nicht hängen zu lassen."

Vielleicht eignet sich ja auch k-punk als Antidepressivum, denn schon Brecht wusste schließlich: Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein.

Mark Fisher: k-punk. Ausgewählte Schriften (2004–2016); aus dem Englischen von Robert Zwarg; Edition Tiamat, Berlin 2020;  624 S., 32,– €