Man hätte erwarten können, dass Mario Wolf schlecht gelaunt sein würde, dass er schimpft und zetert. Schließlich ist er der Geschäftsführer der Moritzbastei – und die ist nicht nur Leipzigs bekanntester Studentenclub, sondern auch einer der Orte, die besonders von der Buchmesse profitieren: Hier finden große Partys statt, hier lernen sich Aussteller und Autoren kennen, hier gibt es Dutzende Lesungen innerhalb weniger Tage – eigentlich. Eigentlich ist die Moritzbastei auch eines der Zentren der Buchmesse außerhalb des Messegeländes. Aber jetzt ist die Messe abgesagt, so wie viele Großveranstaltungen in Zeiten von Corona. Ist das nicht grausam, Herr Wolf? "Ich bin nicht schlecht gelaunt", sagt er. Und dann kann man sich drei Gründe anhören, wieso das so ist. Wieso er die Absage der Messe zwar schmerzlich, aber auch richtig findet – und zugleich das Gefühl hat: Sie hat auch sogar Gutes.

Na klar, sagt er aber erst, sei ein Jahr ohne Messe ein gewaltiger Einschnitt für sein Haus. Es geht Umsatz verloren, es geht Inspiration verloren. Für Leipziger Bars, Hotels und Gastronomen zählen diese Tage Mitte März sonst zu den Höhepunkten des Jahres: Kultur und Geld kommen in die Stadt, es gibt dieses besondere Flair, wenn Hunderttausende Gäste in einen 600.000-Einwohner-Ort reisen. Allein dass der sogenannte Ausstellerabend mit rund 1000 Gästen in der Moritzbastei ausfällt, kostet das Haus richtig Geld: Im März 2019 hat man damit etwa 20 Prozent des Monatsumsatzes erwirtschaftet. Das fehlt jetzt.

"Aber was mir Hoffnung gibt, ist: dass wir die Buchmesse im nächsten Jahr jetzt gleich doppelt zu schätzen wissen werden", sagt Wolf.

Häufig habe es in den vergangenen Jahren die Debatte gegeben, ob man für all die Verlage und Besucher zu viel Aufwand betreibe, ob es so ein riesiges Event überhaupt brauche. Und jetzt, mit einem Mal, merkten alle, was fehlt, wenn es nicht da ist: "Es ist eben eine ganze Stadt, die im Normalfall von diesen Messetagen profitiert", sagt Wolf. "Leipzig ist an diesen Buchmesse-Abenden belebt wie sonst nicht einmal im Sommer." Einfach weil es auf dieser Messe nicht ums Geschäft gehe, sondern ums Publikum. Dass das in diesem Jahr nun wegbricht, dämmere mit einem Mal allen.

Und da, findet Wolf, komme man dann zu seinem zweiten erfreulichen Erlebnis der vergangenen Wochen: der Solidarität, die er so schon lange nicht mehr gesehen habe.

Viele eigentlich traurige Telefonate habe er in diesen Tagen führen müssen, sagt Wolf. Aushilfen musste abgesagt, Musiker mussten ausgeladen, Ticketkäufer mussten vorgewarnt werden. Aber niemand, wirklich niemand habe sich beklagt. Überall nur: Verständnis. Na klar – wenn die Messe ausfällt, was soll man machen? Na klar – da könne doch niemand was dafür. Kaum einer, sagt Wolf, beharrt auf den geschlossenen Verträgen, die Musiker verzichten auf ihre Gage. Es gebe kaum Regressforderungen, und die Moritzbastei versuche ebenfalls, sich, zum Beispiel mit der Leipziger Messe, gütlich zu einigen. "Es ist wohl ein Ausdruck der gemeinsamen Trauer, dass man nicht um jeden Cent schachert." Man bedaure zusammen, dass es die Messe nicht gibt.

Dass man eine Veranstaltung absagt und überall stößt das auf Verständnis? Das sei schon eine neue Erfahrung, erklären die Leute von der Moritzbastei.

Ein kleines Happy End hatten sie sich trotzdem noch erträumt, einen Rest Hoffnung hatten sie in den vergangenen Tagen gehegt: Zumindest an einem Abend hätte es die "Lange Leipziger Lesenacht" geben sollen. Die ist inzwischen eine Institution in Leipzig, an eigentlich zwei Abenden stellen hier Autoren in schneller Folge ihre neuesten Werke vor.

Alles war schon vorbereitet, und dann aber ging es doch nicht: Die wichtigsten Autoren sagten ab, reihenweise.

Jetzt also gar keine Lesung, gar keine Bücher mehr. Bis auf den kleinen französischen Krimi-Abend. Der soll, nach jetzigem Stand, stattfinden. Genau wie die Party am Samstag, wie immer. Die gehört nicht offiziell zur Buchmesse, fällt also nicht aus, Corona hin oder her.

Wie es in den nächsten Monaten weitergeht mit dem Virus, darauf schaut Mario Wolf besorgt. Zu Pfingsten findet das zweite Groß-Event des Jahres statt, auf das die Moritzbastei zählt: das Wave-Gotik-Treffen. "Wenn wir das nicht haben, wird es wirklich schwierig", sagt Wolf. Aber stand nicht in den Zeitungen, dass es Grund zu Optimismus gibt, dass Corona sich im Sommer abschwächt?

Er will seinen Beitrag dazu leisten, einen kleinen. Bald können sich seine Gäste direkt am Eingang die Hände desinfizieren, er hat gerade das Mittel bestellt. "Kann ja nicht schaden", sagt Wolf, "wenn sich die Hygienestandards in unserem Land verbessern."