Wie ein Verbrecher fühlt er sich manchmal. Wenn er seine Taschen ausleeren soll zum Beispiel, auf dem Gehweg hinter dem Jugendtreff. Wenn sie jeden Schlitz seines Geldbeutels auf Drogen untersuchen, in seinen Taschen nach Messern kramen. Und wieder nichts finden. Dann fragt sich Emin, ob er hier überhaupt willkommen ist, ob er irgendwann mal ganz dazugehören wird in Österreich. Oder ob er und die anderen Tschetschenen doch lieber unter sich bleiben sollten.

Es ist ein grauer Mittwoch, Emin und sein Freund Asu gehen über Stiegen hinauf zu einem kleinen begrünten Hügel in einem jener Wiener Außenbezirke, die Zeitungslesern als "Brennpunkt" bekannt sind.

Emin, 17, trägt Pelzkragen und einen leichten Flaum über der Oberlippe, Airpods hängen ihm aus den Ohren. Er geht aufs Gymnasium in die dritte Oberstufe. Sein Freund Asu, 15, die Haare an den Seiten kurz rasiert, läuft neben ihm durch den kalten Wind, Kapuze im Gesicht, Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Die Polytechnische Schule hat er abgeschlossen, bald will er sich auf Lehrstellen bewerben. Beide sind Einwanderer der ersten Generation, vor mehr als zehn Jahren mit ihren Familien aus der autonomen Republik Tschetschenien im Nordkaukasus nach Österreich geflohen. Und damit Teil einer Minderheit, über die im Land so erbittert debattiert wird, dass in diesem Text weder ihre echten Namen stehen noch der genaue Ort, an dem sie leben.

In den Medien tauchen Tschetschenen nur auf den Blaulicht-Seiten auf, es geht um Jugendgangs, blutige Schlägereien oder Islamismus. Die FPÖ Wien wettert in Aussendungen gegen den "Tschetschenen-Terror". In den Sicherheitsberichten des Innenministeriums spielen sie jedes Jahr eine Rolle. Auf den Straßen läuft der Verdacht gegen Jungs wie Emin und Asu immer mit.

Jugendliche registrieren das natürlich. Die Stadt Wien befragte in einer Studie aus dem Jahr 2016 junge Tschetschenen mit Diskriminierungserfahrungen – drei Viertel von ihnen gaben an, sich wegen ihrer Herkunft stigmatisiert zu fühlen.

Emin und Asu sind oben auf dem Hügel angekommen. Grosny nennen sie ihn, wie die Hauptstadt ihres Heimatlandes. "Hier treffen sich eigentlich nur Tschetschenen", erzählt Asu, "die Alten und die Jungen." Grosny ist ein wenig ab vom Schuss. Zwei Bänke und ein Tisch stehen nahe einer unverputzten Mauer. Der Vorteil ist, dass sie vor Blicken schützt.

Nicht aber vor der Polizei. Mindestens 30 Kontrollen habe er allein im letzten Jahr erlebt, sagt Emin. Asu kommt auf ungefähr 20. Beide haben keine Vorstrafen, trotzdem gehören Personenkontrollen zu ihrem Alltag.

Emin sagt, er schäme sich vor seiner Familie, wenn die höre, dass er wieder durchsucht wurde. Und vor den Passanten, die die Szene beobachten. In Parks, auf Bänken, vor Schulen, an Bahnhöfen, überall dort sollten sich Leute wie er nicht aufhalten, meint er. Dann werde man nun mal kontrolliert, wenn man Tschetschene sei.

Ethnisches Profiling lautet der Fachbegriff dafür, er transportiert den Vorwurf, dass bestimmte ethnische Gruppen öfter als andere kontrolliert werden. Alfred Schön hört das nicht gern. Er leitet das Polizei-Referat für Minderheitenkommunikation im 15. Wiener Bezirk. Schön ist ein Mann mit klarem Blick und sorgfältig gescheiteltem Haar. Die Kontrollen müsse man über sich ergehen lassen, dabei jedoch keine Angst haben, sagt er. Die Polizei müsse ja nicht freundlich sein, "aber korrekt sollte es ablaufen".