Anfang März, als das Coronavirus von den meisten Deutschen noch nicht so ernst genommen wurde, wie es vielleicht gut gewesen wäre, kursierte in den sozialen Medien eine Deutschlandkarte. Was sie zeigte: Als das Virus schon alle westdeutschen Bundesländer erreicht hatte, war es in Ostdeutschland, laut Statistik des Robert-Koch-Instituts, kaum angekommen. Mit der Karte erlebten alte Witze ihr Comeback: Jaja, nicht mal Corona will in den Osten. Es gab aber auch einige ernsthafte Thesen, woran das liegen könnte. Wäre es möglich, dass es Gründe dafür gab, dass Corona in Ostdeutschland später auftrat als in den alten Bundesländern?

Man findet Experten, die Antworten auf diese Fragen wagen. Aber fast alle betonen auch sofort eines, das man in diesem Text an den Anfang stellen muss: Auch der Zufall spielte eine große Rolle. Es hätte schließlich nur eine infizierte Person in einer Stadt wie Potsdam, Erfurt oder Dresden gebraucht, und die Karte hätte nicht so eindrücklich den Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze nachgezeichnet.

Dennoch: Es scheint ein paar Faktoren zu geben, die dem Zufall gewissermaßen nachgeholfen haben.

Und andere, die es womöglich weniger taten, als man gedacht hätte.

Wirtschaft

Eine Sache kam vielen angesichts der deutschen Corona-Landkarte der ersten Wochen schnell in den Sinn: die wirtschaftliche Kluft zwischen Ost und West.

Ostdeutschland hat immerhin deutlich weniger Großunternehmen als Westdeutschland, hat weniger Wirtschaftskraft, ist weniger exportorientiert. Das geht mit weniger Konzernzentralen einher, womöglich auch mit weniger internationalen Meetings, weniger Austausch mit Kollegen, die aus dem Ausland einfliegen. Hat das eine Rolle gespielt?

Wenn man Oliver Holtemöller, Ökonom am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, am Telefon fragt, sagt der gleich entschieden: "Nein, ich sehe da keinen Zusammenhang." Die Unternehmensstruktur sei in Ost und West zwar eine andere. "Aber die meisten der ersten Infizierten in Deutschland haben sich, soweit bekannt, nicht in Konzernen angesteckt."

Ausgerechnet beim allerersten deutschen Corona-Fall handelte es sich allerdings doch um die Folge von deutsch-chinesischem Wirtschaftsaustausch: Ende Januar nahm eine Chinesin, die mit dem Coronavirus infiziert war, an Seminaren und Meetings bei einem Autozulieferer in der oberbayerischen Gemeinde Gauting teil. Und sie steckte zwei Kollegen an – die wiederum Kollegen ansteckten.

Nur: Das hätte auch in Ostdeutschland passieren können, sagt Joachim Ragnitz, Vize-Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo in Dresden. Denn für den Osten sei China einer der wichtigsten Handelspartner, für Sachsen sogar der wichtigste.

Ragnitz hat eine andere mögliche Erklärung: Westdeutsche Bundesländer trieben eher Handel mit Österreich und mit Italien – mit Staaten also, in denen das Coronavirus schon früher grassierte. Der Osten hingegen habe viele Wirtschaftskontakte zu Osteuropa, beispielsweise nach Tschechien und Polen. "Weniger wirtschaftliche Bindung bedeutet weniger Besucher und weniger kulturelle Bindung, deshalb könnten die Infektionszahlen anfangs geringer gewesen sein", sagt Ragnitz.

Mobilität

Eine Frage, die mit der Wirtschaftskraft einhergeht – und für die Corona-Ausbreitung relevanter sein könnte –, ist die der Mobilität. Denn was für die Ansteckung entscheidend ist, ist menschlicher Kontakt. Und wo mehr Menschen unterwegs sind, da treffen sie auch mehr Menschen.

Deshalb sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin: "Dass Corona später in Ostdeutschland ausgebrochen ist, liegt aus meiner Sicht daran, dass die Menschen dort weniger in Bewegung sind." Und das habe auch mit der Wirtschaft zu tun: "Je mehr Wirtschaftswachstum, desto mehr Personen- und Güterverkehr gibt es in einer Region – und desto mehr Begegnungen." Da, so Knie, lägen Süd- und Westdeutschland weit vor dem Osten.