Neben der behördlich verordneten Ratio, neben Reiseverboten und Ausgangssperren, neben Hygienestandards und Seuchenschutzrichtlinien gibt es die Verzweiflungstaten, mit denen die Menschen sich gegen das Virus stemmen. Die Menschen in Deutschland kaufen Klopapier. Die Menschen in Italien singen Lieder, abends auf dem Balkon. Die Menschen auf Lesbos nähen.

Am Wochenende, irgendwann zwischen den stündlichen Updates der nationalen Infiziertenstatistik, schwappte ein Video von den griechischen Inseln in den deutschen Nachrichtenstream: Es zeigt ein Zelt im Flüchtlingslager Moria, darin sitzen Frauen und nähen Mundschutzmasken, im Schichtsystem. Die Masken, so erzählt es ein Flüchtlingshelfer, seien nicht nur für die Insassen des Lagers bestimmt. Sie würden auch an die griechischen Inselbewohner verteilt – schließlich hätten auf Lesbos nun alle große Angst.

Kurz zuvor hatten die griechischen Behörden den ersten Corona-Fall auf der Insel bestätigt, bei einer Griechin, die sich auf einer Pilgerreise infiziert haben soll. Seitdem tickt auf Lesbos die Uhr. So laut wie nirgendwo sonst in der EU.

Noch – zumindest bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe – ist das Virus nicht bis ins Lager Moria vorgedrungen. Doch glaubt man Ärzten und Polizisten vor Ort, ist dies nur eine Frage der Zeit. Dann droht in Griechenland ein humanitäres Desaster.

In Deutschland werden Kindergeburtstage abgesagt, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. In Moria leben mehr als 20.000 Menschen, an einem Ort, der eigentlich nur Platz für 3000 Menschen hat. In Deutschland müssen Restaurantbesucher einen Abstand von anderthalb Metern einhalten. In Moria stehen Tausende für eine Mahlzeit an. In Deutschland wurden Inseln gesperrt, um die kleinen Krankenhäuser dort zu entlasten. Auf Lesbos und anderen Ägäis-Inseln, wo es ebenfalls kaum Intensivbetten gibt, sitzen 40.000 Menschen fest, die wegen der restriktiven Asylpolitik nicht aufs Festland dürfen. In Moria wohnen sechsköpfige Familien in einem Iglu-Zelt. Wenn es regnet, wird die Enge erdrückend, dann liegen die Menschen nicht mehr nebeneinander, dann stapeln sie sich.

Nachts, wenn es still wird in Moria, hört man die Menschen husten. Viren haben sich hier schon immer schnell verbreitet, laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen leiden viele Bewohner an chronischen Atemwegserkrankungen. Offiziell stehen im Lager pro Schicht zwei Ärzte bereit. Zwei für 20.000.

Viele Bewohner sind so geschwächt, dass das Virus sie töten könnte. Sie bekommen nun Ratschläge erteilt, die sie nicht befolgen können. Sie sollen Abstand halten, aber sie stehen für jeden Toilettengang in einer Schlange an. Sie sollen sich die Hände waschen, aber sie haben keine Seife.

Griechische Polizisten haben kürzlich in einem offenen Brief vor den katastrophalen hygienischen Bedingungen gewarnt, unter denen die Menschen auf den Ägäis-Inseln leben. Ärzte fordern, sie zügig aufs Festland zu evakuieren. Sonst könne nicht nur das Virus, sondern auch eine Massenpanik ausbrechen. Wie schwer es schon heute ist, das Lager zu kontrollieren, konnte man am Montag sehen. Da brach ein Feuer aus und griff binnen kürzester Zeit auf umstehende Zelte über. Eine Stunde brauchte die Feuerwehr, um den Brand zu löschen. Ein kleines Mädchen starb, es war sechs Jahre alt.

Spätestens jetzt, da Europas asylpolitischer Krisenherd zu einem Seuchenherd werden könnte, sollten Europas Staats- und Regierungschefs die Lage auf den Inseln als das begreifen, was sie schon lange ist: nicht nur ein politisches Problem. Sondern ein humanitärer Notfall, der einer Intervention bedarf. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Dafür aber müssten sie zwei Reflexe unterdrücken. Sie müssten aufhören, auf eine gesamteuropäische Lösung zu pochen, an die kaum jemand mehr glaubt. Und sie müssten sich trauen, ihre Politik nicht am Radau der Rechtspopulisten auszurichten. Sondern am Rat der Ärzte.