Als die Journalistin Carrie Gracie erfuhr, dass ihr Arbeitgeber sie seit Jahren um viel Geld prellte, kam sie gerade von einer anstrengenden Dienstreise zurück. Es war der Juli 2017, und die BBC war von der britischen Regierung gezwungen worden, ihre Spitzengehälter offenzulegen: Sieben Männer führten die Liste an, auf der rund hundert Namen standen. Die Nummer eins, Starmoderator Chris Evans, erhielt 1,7 Millionen Pfund mehr als die bestverdienende Kollegin. Sarah Montague, die Moderatorin der bekanntesten Radiosendung am Morgen, war nicht auf der Liste – wohl aber ihr Co-Moderator, mit rund 600.000 Pfund Jahresgehalt. Die Moderatorin Samira Ahmed bekam sogar nur ein Sechstel der Gage ihres Kollegen. Und China-Korrespondentin Carrie Gracie hatte nun schriftlich, dass ihr mindestens 65.000 Pfund zum Salär ihres Kollegen in Washington fehlten. Erst verfiel die 58-Jährige in Schockstarre, dann wurde sie zur Galionsfigur des britischen Equal-Pay-Protests.

"Für die BBC-Frauen geht es hier nicht nur um ein oder zwei Jahresgehälter", schrieb Gracie in einem Protestbrief, sondern "um eine Kluft, die ein Leben lang anhält". Gemeinsam mit 200 Kolleginnen reichte sie Beschwerde in der Zentrale in London ein und trat von ihrem Posten in Peking zurück. Als der Sender hartnäckig bestritt, dass die Gehälter irgendetwas mit dem Geschlecht zu tun hätten, eskalierte der Konflikt: Das britische Unterhaus lud zu einer öffentlichen Anhörung, eine unabhängige Organisation begann, alle Gehälter der BBC zu überprüfen, nicht nur die der Spitzenverdiener.

Ein Jahr nachdem die Liste öffentlich wurde, entschuldigte sich der Intendant bei Gracie und zahlte ihr 361.000 Pfund entgangenes Gehalt. Dann einigte sich die BBC mit Sarah Montague auf eine Nachzahlung von 400.000 Pfund. Jüngst gewann Moderatorin Samira Ahmed vor Gericht: Bei ihr geht es um 700.000 Pfund.

Es ist also möglich.

Weltweit erzielten Frauen in den vergangenen Jahren Erfolge im Kampf um gleiche Bezahlung. Französischen Firmen drohen seit 2019 empfindliche Strafen, wenn sie ihre Lohnlücken nicht schließen. Die Schweizerinnen erstreikten ein Gesetz für Lohntransparenz. Und in Los Angeles entschieden Behörden, dass rund tausend Mitarbeiterinnen des Computerspielherstellers Riot Games 400 Millionen Dollar zustehen – auch wegen unfairer Bezahlung.

In Deutschland: Worte statt Taten

Gerade erst geißelte UN-Generalsekretär António Guterres die "dumme" Diskriminierung von Frauen weltweit und verglich sie mit historischen "Schandflecken" wie Sklaverei und Kolonialismus. Nur in Deutschland scheint es immer noch so, als seien Frauen selbst schuld, wenn sie weniger verdienen – wie das in der ZEIT vergangene Woche der Essay "Ändert euch, dann helft ihr euch!" von Bärbel Boy suggerierte. Ganz so, als sei gleicher Lohn für gleiche Arbeit keine Selbstverständlichkeit. Sondern so etwas wie eine Gehaltserhöhung, die Vorgesetzte gewähren können oder auch nicht.

Zwar gaben alle Regierungen unter Kanzlerin Merkel vor, Frauen gerechter bezahlen zu wollen. Zwar trifft man sich jährlich am Equal-Pay-Day zum gemeinsamen Wundenlecken. Was jedoch immer noch fehlt: ein wirksames Gesetz.

Wieso haben wir uns in Deutschland damit abgefunden, dass weniger Gehalt zum weiblichen Leben dazugehört wie Menstruation und Menopause?

Hartnäckig hält sich der Glaube, Frauen verdienten weniger, weil sie das Falsche studieren, Kinder bekommen, weniger leisten, schlechter verhandeln. Oder alles gleichzeitig. Das Fachvokabular tut sein Übriges, um jedes Interesse im Keim zu ersticken: bereinigte Lohnlücke, Entgelttransparenzgesetz, kurz EntgTranspG. Dabei ist die haarsträubende Ungerechtigkeit offensichtlich.

In Deutschland verdienen Frauen 20 Prozent weniger als Männer. Nur in Estland ist die Lohnlücke größer. Knapp drei Viertel davon lassen sich unter anderem so erklären: Frauen arbeiten häufiger in schlechter bezahlten Branchen und Berufen, haben seltener gut dotierte Führungspositionen, dafür aber öfter unterbezahlte Minijobs. All das ist unfair, aber meist legal.

Heikel wird es beim sogenannten angepassten Gender-Pay-Gap: Bei vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erfahrung verdienen Frauen nämlich immer noch sechs Prozent weniger. Deshalb geht die Bundesregierung auch davon aus, dass das Equal-Pay-Gebot "in der Praxis nicht verwirklicht ist". Dieses besagt, dass eine Frau bei derselben Firma für einen vergleichbaren Job nur weniger Geld bekommen darf, wenn es dafür gute Gründe gibt. Ansonsten wäre das, noch so eine Vokabel: Entgeltdiskriminierung. Und die ist verboten.

Frauen, die gleichen Lohn einfordern, werden häufig angefeindet

Vergangenes Jahr folgten rund 1500 Frauen einem Leseraufruf der ZEIT, anonym über Diskriminierung am Arbeitsplatz zu berichten. 40 Prozent von ihnen gaben an, weniger zu verdienen als gleichrangige Kollegen. Doch nur wenige trauten sich, offen darüber zu sprechen. Kein Wunder: Frauen, die gleichen Lohn einfordern, werden häufig angefeindet: "Für eine Frau ganz schön geldgeil", bekam eine Angestellte in der IT-Branche zu hören.

Frauen können aber auch ganz nebenbei benachteiligt werden, ohne dass sich jemand etwas Böses dabei denkt. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schickte vor einigen Jahren drei Transgender-Personen mit vergleichbaren Lebensläufen in Bewerbungsgespräche, einmal als Mann und einmal als Frau. Am Ende der Gespräche hatten dieselben Menschen als Männer ein bis zu einem Drittel höheres Gehalt verhandelt – und obendrauf noch Boni versprochen bekommen.

Eine Gehaltsverhandlung ist eben kein neutraler Marktplatz, sondern ein Gespräch, in das auch unbewusste Zuschreibungen einfließen. Was einem Mann als zielstrebig und durchsetzungsfähig angerechnet wird, disqualifiziert Frauen im Job. Treten sie auf wie ein Kerl, hat man sie lieber nicht im Team. Verhalten sie sich rollenkonform, verdienen sie halt weniger.