DIE ZEIT: Herr Lüscher, Sie sind heute von Wien nach Zürich gereist. Was haben Sie gesehen, als Sie siebeneinhalb Stunden im Zug saßen?

Jonas Lüscher: Nicht viel. Es war gruusig und neblig und bergig. Mir fiel wieder einmal auf, wie groß Österreich ist. Geografisch.

ZEIT: Sie sind oft im Zug unterwegs. Woran merken Sie, ob Sie in Deutschland sind, wo Sie leben, in der Schweiz, wo Sie herkommen, oder in Österreich, wo Sie gerade für einen Monat weilen?

Lüscher: An den Bahnhöfen. In der Schweiz ist alles gepflegt, sogar die Gleisfelder, da wächst kein Unkräutlein. Sobald es wuchert, ist man in Deutschland.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, es sei für Sie wie heimkommen gewesen, als sie vor bald zwanzig Jahren von Bern erst nach Köln, später nach München zogen. Wird Ihnen noch immer wohl ums Herz, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Lüscher: Das Gefühl des Heimkommens bezog sich auf die Sprache. Das war tatsächlich eine Befreiung, in derselben Sprache leben, denken, träumen, zählen zu können, die ich auch schreibe. Wohl ums Herz wird mir weder wegen Deutschland noch der Schweiz, noch irgend eines anderen Landes. Aber ich fühle mich zu Hause in Deutschland. Mit dem Wort Heimat hab ich es nicht so.

ZEIT: Warum?

Lüscher: Weil es so aufgeladen ist.

ZEIT: Mit Patriotismus?

Lüscher: Ja. Aber auch weil ich mit dem Begriff der Heimat, der an einen geografischen Ort gekoppelt ist, wenig anfangen kann. Ich fühle mich unter bestimmten Menschen zu Hause, die ähnlich denken, dieselben Hoffnungen, Wünsche und Ängste teilen. Das kann dann auch weit weg von daheim sein. Das der Begriff der Heimat für andere aber wichtig ist, kann ich auch verstehen. Denken Sie nur an den Bauer, der natürlich einen ganz anderen Bezug zum Land hat.

ZEIT: Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Heimat und daheim?

Lüscher: Daheim ist, wenn ich die Wohnungstür öffne und mir meine Katze entgegenkommt. So simpel. Und unpolitisch.

ZEIT: Steckt in Ihrem Heimatbegriff auch ein Abwehrreflex gegen den Lokalpatriotismus, der gerade in Bern sehr ausgeprägt ist?

Lüscher: Ja. In Bayern gibt es dieses "Mia san mia!", das ist grauenhaft.

ZEIT: Ihr neustes Buch, das kürzlich erschienen ist, heißt Ins Erzählen flüchten. Es ist die schriftliche Fassung ihrer Poetikvorlesung in St. Gallen. Aber auch Ihre Novelle Frühling der Barbaren und Ihr Roman Kraft handeln in unterschiedlicher Art und Weise von Fluchten.

Lüscher: Aber es geht eigentlich immer um eine Flucht vor sich selbst oder vor dem, was einen im Denken bedrängt. Geografisch bin ich ja dann doch erstaunlich beständig; seit zwanzig Jahren in München. Aber das Flüchten vor der eigenen Person ist immer wieder ein Thema.

ZEIT: Als Kind, haben wir gelesen, haben Sie sich ins Lesen geflüchtet, nachdem Ihre Familie aus dem kleinen Aargauer Dorf Oberwil-Lieli in die Stadt Bern gezogen ist.

Lüscher: Das war eine Flucht vor der Langeweile. Ich kannte ja niemanden und tat mich in der Schule erst mal schwer, mit meinem Aargauer Dialekt, den die Berner doof fanden.

ZEIT: Sind Sie nun, mit dem neuen Buch, am Ende Ihrer Flucht angekommen?

Lüscher: Es fühlt sich zumindest richtig an, dass ich durch das Buch gezwungen war, diese Gedanken einmal schriftlich zu formulieren. Aber das Thema wird mich weiter begleiten, so wie andere Gedanken, die mich umtreiben, eigentlich seit meiner Jugend.

ZEIT: Was sind das für Gedanken?

Lüscher: Grundsätzliche Zweifel, auch an mir, am Denken überhaupt, an der Sprache. Ich glaube, dass es wichtig ist, immer wieder am eigenen Vokabular zu zweifeln, zu hinterfragen, ob man die richtige Sprache hat.

ZEIT: Ist das nicht anstrengend?

Lüscher: (lacht) Doch! Und darum rührt manche Fluchtbewegung daher, dass es mir zu anstrengend wird. Dann wünsche ich mir, ich könnte mich auf festen Grund retten.

ZEIT: Ins Erzählen flüchten, der Titel verrät es, ist ein Plädoyer fürs Erzählen. In welchem Land, Deutschland, Österreich oder der Schweiz, wird am besten erzählt?

Lüscher: Ich glaube, dass das in jedem Land geht.

ZEIT: Das war nun die gut schweizerische, diplomatische Antwort.

Lüscher: (lacht)

ZEIT: Was erleben Sie in Wien?

Lüscher: Auch in Österreich wird vielfältig erzählt, in Wien findet man diesen typischen Schmäh. Der kann sehr charmant und amüsant sein und dann aber auch wieder unglaublich nerven, wenn es so ibizamäßig wird.

ZEIT: Wann wird es zum Geschwätz?

Lüscher: Wenn es mit so einer bräsigen Selbstsicherheit daherkommt.

ZEIT: Eine österreichische Autorin hat neulich bei uns geschrieben, die Zürcher könnten keine Geschichten erzählen. Hat das was?

Lüscher: Das glaube ich nicht. Geschichten sind Teil der menschlichen Persönlichkeit. Wir sind, wie es Wilhelm Schapp ausgedrückt hat, in Geschichten verstrickt. Jeder von uns ist gezwungen, eine Geschichte seiner eigenen Biografie zu erzählen, die einigermaßen konsistent zu sein hat. Wobei es in neuerer Zeit möglich geworden ist, auch ganz unterschiedliche Geschichten seiner selbst zu erzählen.