Neulich haben sie es wieder getan. In Thüringen wählten Anfang Februar Konservative und Liberale einen neuen Ministerpräsidenten, gemeinsam mit der dortigen AfD des rechtsradikalen Björn Höcke. Die allermeisten deutschen Kommentatoren verurteilten das als Tabubruch. Nicht so die Schweizer. Die fanden das alles mal wieder gar nicht schlimm.

"Das ist Demokratie!", deklamierte Benedict Neff, Deutschland-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung. "Es gibt keinen plausiblen Grund, das Ergebnis moralisch zu verurteilen." Und überhaupt sei die Einhelligkeit der Empörung irritierend und die "Scham der Bürgerlichen unnötig".

Die AfD jubelte, Twitter drehte durch, die Kollegen im Zürcher Hauptsitz der Zeitung schüttelten den Kopf. Die NZZ-Masche hatte wieder funktioniert. Wobei sie das nie so nennen würden. Sie sagen: Das ist Haltung.

In den vergangenen drei Jahren ist die Schweizer Zeitung zur merkwürdigsten Stimme des deutschen Journalismus geworden. Mittlerweile acht Redakteure produzieren in Berlin ein Medium, das aus der Schweiz kommt, aber für Deutschland schreibt; das von rechts bejubelt wird, sich aber als Festung der bürgerlichen Mitte versteht; das sich auf den Liberalismus und die Nüchternheit der NZZ beruft, aber vor allem gern und oft weiß, was in Deutschland alles falsch läuft. Neff, der Autor des Thüringen-Kommentars, erklärte in einem anderem Text, er verstehe sich als "Psychiater" für den Patienten Deutschland.

Man muss sich das mal andersrum vorstellen: Da kommt eine deutsche Zeitung in die Schweiz oder nach Österreich, nach Frankreich gar, und erklärt den Nachbarn, was bei ihnen alles falsch läuft. Sie würde wegen Selbstgefälligkeit und Arroganz verlacht oder gleich verjagt werden. (Die ZEIT musste sich das zu Beginn ihrer Österreich- und Schweiz-Expansion immer mal wieder anhören.) Aber die NZZ darf das. Die Deutschen legen sich offenbar gern auf die Couch, wenn der Therapeut nur möglichst bürgerlich daherkommt und ihnen die Scham nimmt.

An einem Freitagnachmittag sitzt Marc Felix Serrao in einem Café im Berliner Regierungsviertel und versucht zu erklären, was er da macht. Serrao leitet das Berliner NZZ-Büro seit 2017. Er ist 42 Jahre alt, Deutscher, hat lange bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet und dann bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, er hat in Berlin Politik studiert und in Köln eine Journalistenschule besucht. Viel mehr betriebstypische deutsche Medienbiografie geht nicht. Jetzt aber bewegt sich Serrao mit seiner Mannschaft hart am Rand dieses Betriebes. Er spottet in seinen Kommentaren über die "anbiedernden Lobhudeleien" vieler deutscher Journalisten für Bundeskanzlerin Angela Merkel, beklagt ein "politisch-mediales Trommelfeuer" von linksgrüner und bürgerlicher Presse und findet es überhaupt oft betonenswert, dass sich alle anderen vermeintlich einig sind – was es dann umso wertvoller erscheinen lässt, wenn er und seine Kollegen anderer Meinung sind. Und das sind sie oft. Von Frauenquoten halten sie ebenso wenig wie vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, und den Umgang mit der AfD finden sie übertrieben alarmistisch. Die meisten dieser Texte erscheinen nicht in der gedruckten NZZ, sondern online. Auf einer eigens für die deutschen Leser zusammengestellten Homepage.

Für alle, die mit den Rechtsradikalen in der AfD wenig anfangen können, mit Merkel aber ebenso wenig und mit den Grünen erst recht nichts. Die Greta Thunberg für ein durchgedrehtes Kind halten und lieber über kriminelle Ausländer als übers Klima reden wollen – für sie ist die NZZ eine neue publizistische Heimat. Serrao sagt, das sei keine Absicht. Die NZZ biete ihren Lesern "die nötigen Diskussionsgrundlagen, aber kein intellektuelles Betreuungsangebot". Eine Meinung könne sich der Leser dann schon selbst bilden. "Das ist ein zentraler Teil des Schweizer Bürgerverständnisses, das wir auch vertreten." (Der vorletzte Schweizer hat das Berliner Büro allerdings gerade verlassen, Benedict Neff wird persönlicher Referent von Mathias Döpfner, dem Vorsitzenden des Springer-Verlags.)

Serrao sagt jetzt über sich und seine Kollegen, davon vier Deutsche und zwei Österreicher: "Jeder, der im Berliner Büro arbeitet, verschweizert von Tag zu Tag ein bisschen mehr, und das im besten Sinne." Die Ausrichtung des Berliner Büros sei die gleiche wie die der NZZ in der Schweiz, erklärt er bestimmt.

Aber genau das bestreiten viele Kollegen in Zürich. Dort heißt es, die Zusammenarbeit mit den Berlinern sei professionell, aber belastet. "Die passen nicht zu unserem Stil", sagt einer. "Ich kann es nicht ab, wenn man sich dümmer stellt, als man ist", kritisiert ein Zweiter. Ein Dritter ärgert sich über den "schreierischen" Ton. Den Schweizern sind die Berliner Kollegen zu aggressiv, zu deutsch. Abgewehrt werde das, heißt es in Zürich, von der Chefredaktion mit dem Hinweis auf die NZZ-eigene Meinungsvielfalt und damit, dass es den Lesern ja gefällt. Im gesamten Monat Februar wurden nur drei andere Online-Artikel mehr gelesen als der Thüringen-Kommentar. Bemerkenswert für ein Schweizer Medium, für das Deutschland nur ein Nebenmarkt ist.