© Illustration: Natsko Seki für DIE ZEIT

Katharina Krenn biegt in einen Kreisverkehr ein: "Es ist schon schiach hier." Seit zwanzig Minuten fährt sie in ihrem Peugeot kreuz und quer durch Leibnitz. "Schon hässlich hier." Wollte man eine österreichische Durchschnittsstadt beschreiben, Leibnitz wäre ein gutes Beispiel. 12.300 Einwohner. Die Innenstadt darbt, am Ortsrand stehen zwei große, schmucklose Einkaufszentren, getrennt durch eine Straße und keinen Kilometer entfernt das Fachmarktzentrum der Nachbargemeinde.

"Jeder Meter wird mit dem Auto gefahren", sagt Krenn. Fast keiner geht hier zu Fuß, auch in den Tagen, bevor die Bundesregierung den Coronavirus-Lockdown ausrief. Einen öffentlichen Verkehr gibt es nicht.

Die 33-Jährige, die in einem Reisebüro in Graz arbeitet, ist in Leibnitz aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus. "Fast alle in meiner Schule wohnten so, wer in einer Wohnung lebte, der galt als arm", erzählt sie. Leibnitz ist an allen Ecken und Enden zersiedelt. Verhüttung nennen das die Österreicher. In der Schweiz spricht man von der Hüslipest. Man weiß oft gar nicht genau, wo die Orte aufhören und die Nachbargemeinden beginnen. Leibnitz sieht, zumindest auf den ersten Blick, so aus wie viele Kommunen in Österreich und der Schweiz, in denen die Bebauung in den vergangenen Jahrzehnten völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Auch von oben sehen die beiden Alpenländer mit ihren 8,8 Millionen Einwohnern (Österreich) beziehungsweise 8,5 Millionen (Schweiz) ganz ähnlich aus. Auf Luftbildern erstreckt sich im einen Land ein durchgehendes Siedlungsband von Genf über Bern und Zürich bis nach St. Margrethen.

Und im anderen Land eine einzige lang gezogene Ortschaft, die sich neben den Hauptverkehrsachsen ausbreitet: von Innsbruck über Salzburg und Linz bis nach Wien und in den Süden nach Graz.

Aber schaut man genauer hin, in die Zahlen und in die Landschaft, unterscheiden sich die beiden Länder grundsätzlich.

Woran liegt das?

Zuallererst an der Größe. Sie verleitet zum sorglosen Umgang mit dem Boden. Je knapper der Boden, desto klarer wird, dass er eine endliche Ressource ist.

Österreich ist 83.879 Quadratkilometer groß. Die Schweiz bringt es auf knapp die Hälfte, 41.285 Quadratkilometer. Österreich hat also mehr Platz für gleich viele Menschen – aber es nutzt ihn reichlich verschwenderisch.

Das Land gilt als Europameister im Bodenverschleiß. 11,8 Hektar wurden in den Jahren 2016 bis 2018 täglich verbaut. In der Schweiz waren es umgerechnet 5,5 Hektar.

Der Bodenverbrauch ist mit 602 Quadratmeter pro Person in Österreich anderthalb- mal so groß wie in der Schweiz, wo auf jeden Einwohner 401 Quadratmeter Siedlungs- und Verkehrsfläche kommen.

Mit 15 Meter Straße pro Österreicher besitzt das Land eines der dichtesten Straßennetze in Europa: Im viermal so großen Deutschland sind es gerade mal 7,9 Meter, in der halb so großen Schweiz 8,1 Meter pro Einwohner.

Immerhin: Bei der Wohnfläche pro Person sind die beiden Länder gleichauf. Sie stieg in Österreich von 1971 bis 2015 von 22 auf 45 Quadratmeter. In der Schweiz waren es 1970 noch 27 Quadratmeter, aktuell sind es deren 46.

© Illustration: Natsko Seki für DIE ZEIT

Der seit den Nachkriegsjahren steigende Wohlstand ist denn auch im gesamten Alpenraum der stärkste Treiber für die fortschreitende Zersiedelung. Das Einfamilienhaus, das Symbol für diese Entwicklung, konnten sich ab den 1950er-Jahren nicht mehr nur Gutverdiener leisten, sondern es wurde zum erfüllten Traum eines immer breiter werdenden Mittelstands.

Gleichzeitig begünstigte die föderale Struktur Österreichs und der Schweiz den Konkurrenzkampf unter den kleinsten Staatseinheiten: den Gemeinden. In Österreich geht es dabei vor allem um die Einnahmen aus der Kommunalsteuer. Sie hängen von der Zahl der Arbeitsplätze im Ort ab. In der Schweiz sind es die kommunal festgelegten Steuerfüße für Private und die kantonalen Fiskalregimes für Firmen, nationale und internationale, die maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Raums haben.