Man könnte jetzt auf die Idee kommen, dass das Coronavirus die darstellenden Künste – Theater, Oper, Ballett und so weiter – stärker verwüstet als den Buchmarkt. Wer mutterseelenallein ein Buch in der Hand hält, darf husten, wohin er will; im dicht besetzten Parkett hätte es den Anstrich eines womöglich gemeingefährlichen Attentats. Und sind nicht deshalb die Bühnen geschlossen, während das Lesen – dieser lang bewährte Trost bei erzwungener Einsamkeit – noch möglich ist? So einfach ist es nicht. Bücher müssen geschrieben, hergestellt – und verkauft werden. Was heißt es also, dass plötzlich, fast überall, der stationäre Buchhandel geschlossen wurde, und was, wenn im Moment auch Amazon den Verlagen nichts mehr abkauft, weil es andere Produkte priorisiert? Wie reagiert man darauf in den großen Häusern?

Jo Lendle am Telefon, der Hanser-Verleger. Man hört ihm den Stress der letzten Tage an. Gerade erst ging die regelmäßig anberaumte Vertreterkonferenz zu Ende, bei der verabredet wird, welche Titel den Buchhändlern wie angezeigt werden sollen – ein für jeden Verlag traditionsgemäß essenzielles Ritual. Nur diesmal unter veränderten Bedingungen: kein enges, bis in den Abend dauerndes Beieinandersitzen, sondern eine Videokonferenz mit 35 Teilnehmern. Weniger Scherze als sonst, vielleicht auch weniger Zwischentöne, resümiert Lendle, stattdessen ein erstaunlich diszipliniertes Gespräch und eine starke Konzentration auf das Wesentliche. Überhaupt stütze sich die Verlagsarbeit nun ganz aufs Digitale. Der größte Teil der Belegschaft sei im Homeoffice, die Technologie voll belastet, aber dennoch funktionsfähig.

Lendles Sorge rührt woandersher. Sein Befund: "Seit einigen Tagen hat der Buchhandel praktisch aufgehört zu bestellen." Eine Hiobsbotschaft. Der Verleger kann den dadurch entstehenden Umsatzeinbruch noch nicht exakt beziffern, sagt aber: "Das geht in die Millionen." Lendle will trotzdem optimistisch bleiben. Die letzten Umsätze seien herausragend gewesen, auch habe man das Glück, dass ein großer Teil der Frühlingsnovitäten bereits erschienen sei. Die restlichen achtzehn noch für den April geplanten Titel werde man voraussichtlich im Mai bringen. Und sogar für den Herbst sieht Lendle im Moment keine signifikanten Schnitte voraus; gut möglich nur, dass der eine oder andere Titel ins nächste Jahr verschoben werde. Insgesamt wolle man ein Zeichen setzen; es müsse ja weitergehen, nicht alles dürfe auf Eis gelegt werden.

Felicitas von Lovenberg, die Chefin des Piper Verlags, kündigt schon jetzt gravierendere Veränderungen an. In ihrem Haus, und so sei es bei den meisten Verlagen, stehe das Gros der Frühjahrsveröffentlichungen noch an, März und April seien nun mal die Hauptauslieferungsmonate der Saison. Unter den aktuellen Umständen aber würden bereits gedruckte Apriltitel zurückgehalten und nach hinten verschoben, was wiederum den Aufschub weiterer, für später geplanter Veröffentlichungen verursache. Man könne, des Dominoeffekts wegen, ja nicht im Sommer oder Herbst plötzlich doppelt so viele Bücher herausbringen. Auch inhaltlich müsse die Planung neu justiert werden: Bestimmte Titel (etwa zu den Themen Natur oder Reisen) seien saisonabhängig, andere an Jahres- oder Geburtstage geknüpft. Konkret gesagt, verschiebe Piper jetzt drei Viertel der ursprünglichen Aprilplanung auf je verschiedene spätere Zeitpunkte, insgesamt über dreißig Titel. Sorgen macht sich die Verlegerin um die betroffenen Autoren. Sie hätten zusätzlich Umsatzeinbußen durch abgesagte Lesungen in Buchhandlungen oder Literaturhäusern zu verkraften. Andererseits, berichtet von Lovenberg, seien viele sogar froh, dass ihr Buch nicht gerade jetzt erscheine – in einer Zeit womöglich minimaler Aufmerksamkeit: "Niemand möchte ins Corona-Loch fallen."