Studierende und Professoren könnten in der Corona-Krise ganz besonders helfen – mit einem Solidarsemester.

Semesterbeginn

Leider stimmt nicht, was Madonna behauptet: dass uns das Coronavirus alle gleich mache. Nicht für alle sind die Wochen der Isolation ein "Urlaub vom Leben" (Musil), nicht alle treffen die Folgen des Virus gleichermaßen. Doch wem kommt jetzt besondere Verantwortung zu? Wer kann in den kommenden Monaten helfen, anpacken, weiterdenken? Es gibt eine Gruppe, die aufgrund ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage besonders widerstandsfähig ist: die akademische Gemeinschaft an den Hochschulen. Niemand hat so viel Freiheit, den Lebensplan spontan umzuschreiben, wie die fast drei Millionen Studierenden. Keiner bündelt so viel fachliches Wissen und intellektuelle Unabhängigkeit wie die Hunderttausenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und kaum einer ist finanziell so abgesichert wie die 50.000 verbeamteten Professoren. Wieso legen sie nicht alle bis zum Herbst ein solidarisches Praxissemester ein? Als akademische Super-Zivis.

Mit einem unbürokratischen Corona- Bafög könnten sie loslegen

Studierende der Medizin machen es vor, Tausende haben sich in den Kliniken gemeldet, um auf den überlasteten Stationen auszuhelfen. Kommilitonen anderer Fächer stoßen Initiativen in der Nachbarschaft an, gehen für alte Menschen einkaufen. Einige Hochschulen verteilen Freiwillige auf Hilfsprojekte.

Dieses Engagement sollte sofort ausgebaut und gefördert werden. In der kommenden Zeit wird überall Unterstützung nötig sein: in Verwaltungen, Betrieben, der Landwirtschaft, im Einzelhandel, in Sozialeinrichtungen. Es wäre verschenkt, säßen gerade die jungen Flexiblen in ihren Buden, wo sie sich um Prüfungsfristen, Regelstudienzeiten und ihren Kontostand sorgen. Zwei Drittel aller Studierenden arbeiten nebenher, viele ihrer Jobs brechen weg. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat bereits zugesichert, dass niemandem Nachteile erwachsen sollen, wenn das Studium länger dauert. Warum aber sollte man nicht sogar Vorteile haben – zum Nutzen aller? Mit einem unbürokratischen Corona-Bafög könnten sie dort loslegen, wo sie gebraucht werden und wo das Studium sie vielleicht sowieso hinführt. Dass auch ihre Profs zu Zivis würden, ist eine charmante Vorstellung, die mit dem Klischee vom Elfenbeinturm bräche.

Funktionieren kann das nur, wenn die Hochschulen jetzt kühn sind und den Corona-Schock schneller abschütteln als andere. Sie könnten Angebot und Nachfrage bündeln: Wer braucht Hilfe, wer will helfen, wer kann was? Viele Hochschulen sind mit umliegenden Regionen und Unternehmen vernetzt – sie könnten die Einzelhilfen koordinieren, sie sogar mit eigenen Forschungsprojekten verzahnen. Praktika sind ohnehin in fast jedem Fach vorgesehen, bislang jedoch in starren Studienverlaufsplänen – die Fakultäten könnten sie luftig umgestalten. Und die Schulabgänger ohne Abiturprüfung? Beschreiten vielleicht einen neuen akademischen Ausbildungsweg: erst Corona, dann das Engagement, später die Theorie. Die Aufgabe der Hochschulleitungen und ihrer Verwaltungsapparate bestünde darin, den Corona-Zivis alle Wege zu ebnen. Studierende und Lehrende benötigen Freiräume und eine großzügige Deutung der Begriffe "Forschung" und "Lehre": Soziales Engagement sollte als Studienleistung angerechnet werden, Corona-Beratung durch Wissenschaftler das Vorlesungsdeputat ersetzen.

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Natürlich gibt es tausend praktische Einwände gegen solche Solidarsemester. Die Hochschulen sind von der Krise genauso betroffen wie andere auch. Sie sind Kolosse, momentan aufgerieben zwischen zu berechnenden Prüfungsfristen und zu versorgenden Labortieren. Weder die technische Infrastruktur noch die Fertigkeiten des Personals reichen aus, um ganz auf digitale Lehre umzustellen. Das anstehende Sommersemester pragmatisch als "Nichtsemester" zu deklarieren, wie in dieser Woche gefordert, ist zu wenig. Nichtsemester klingt nach Nullsummenspiel. Die Corona-Krise aber verlangt nach mehr. Ihre ökonomischen und psychologischen Auswirkungen werden horrend sein, vor allem für Arme, Alte, Einsame. Die Lücke zwischen jenen, die klarkommen, und jenen, die sich nicht zu helfen wissen, reißt im Ausnahmezustand auf.

Das Virus hat die Wissenschaftler und Universitäten dieser Welt auf die große Bühne gehoben – es hat gezeigt, dass es ohne Forschung nicht zu besiegen ist. Der akademischen Gemeinschaft ist damit größere Verantwortung aufgetragen als vielen anderen. Sie kann jetzt beweisen, dass sie nicht nur auf sich, sondern auf die ganze Gesellschaft schaut.