Was ist Wahrheit? – Seite 1
Es war ein schmutziges, trauriges Familiendrama, das bis heute nicht ganz zu durchschauen ist. Woody Allen soll 1992 seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow in einem Landhaus in Connecticut sexuell missbraucht haben. Allen weist den Vorwurf bis heute von sich, nimmt in seiner 2020 erschienenen Autobiografie Ganz nebenbei ausführlich dazu Stellung. Dylan hingegen hielt sich bis 2012 mit öffentlichen Aussagen zurück, dann folgten verschiedene Interviews, in denen sie Partei gegen ihren Vater ergriff. Nun hat die 35-Jährige einen Roman geschrieben.
Hush, was "Pst, sei still" oder "Schweigen" bedeutet, ist der erste Teil einer geplanten Fantasy-Serie für junge Leser mit atmosphärischen Anleihen bei J. R. R. Tolkiens Herrn der Ringe. Schauplatz ist die von Wäldern und Wiesen durchzogene Fantasiewelt Montane, in der eine arme, in schlammigen Dörfern lebende Bevölkerung von der bösen Kaste der Barden beherrscht wird, die eine Sprache und Schrift beherrschen, mit denen sie die Realität nach Wunsch verbiegen können. Die Barden sind schön und elegant. Von der Burg Hohes Haus aus kontrollieren sie die Menschen, denen Lesen und Schreiben untersagt ist, durch Beschwörungen, hybride Formeln aus Sprache, Schrift und Magie. Wer das Lese- und Schreibverbot bricht, wird von den Barden mit der tödlichen, beulenpestartigen Krankheit Blot (Fleck, in Anspielung auf Tintenfleck) bestraft.
Shae, die 17-jährige Heldin des Romans, leidet an Minderwertigkeitskomplexen. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter am Dorfrand, von der Gemeinde ausgestoßen. Ihr Bruder hatte sich dem Lese- und Schreibverbot widersetzt und starb an der Fleckenkrankheit, ihr Vater daraufhin an gebrochenem Herzen. Nachdem die Mutter von einem Barden ermordet wird, beginnt Shaes Abenteuer. Sie wird selbst zur Bardin und zieht ins "Hohe Haus" ein. In dem Oberhaupt der Barden erkennt sie den Mörder und begreift, dass sie selbst hätte sterben sollen – der Mord war eine Verwechslung.
Dylan Farrow lebt heute in der Nähe ihrer Mutter, in Bridgewater, Connecticut, in einem Haus mit Garten, zusammen mit Mann und Kind. Schon lange habe sie sich danach gesehnt, Schriftstellerin zu werden, sagt die 35-jährige gelernte Webdesignerin, die in New York studierte, bei CNN als Produktionsassistentin arbeitete, sich dann zurückzog. So sei sie immer gewesen, eher allein, versunken in Fantasy-Romane und Computerspiele.
In den USA ist Hush eine kleine Sensation. Obwohl das Thema sexuelle Gewalt in dem Roman keine Rolle spielt, wird die Handlung – mutige junge Frau bekämpft mächtigen, unterdrückerischen Barden – als Geschichte weiblichen Widerstands gefeiert. Dylan Farrow, so die New York Times, habe als Opfer endlich ihre eigene Stimme gefunden. Woody Allen wird einmal mehr als Täter ausgewiesen.
Was damals geschah: Allen lebte mit der Schauspielerin Mia Farrow in einer eheähnlichen Beziehung, allerdings in getrennten Wohnungen. Zusammen hatten sie drei Kinder: Dylan (adoptiert), Ronan Farrow, der später als Enthüllungsjournalist Harvey Weinstein zu Fall bringen sollte, und Moses (ebenfalls adoptiert), der heute für seinen Vater einsteht. Auslöser für die Anschuldigungen gegen Allen soll das Liebesverhältnis zwischen ihm und Farrows damals 21-jähriger Adoptivtochter Soon-Yi Previn gewesen sein. "Er hat mir meine Tochter genommen, jetzt nehme ich ihm seine", habe Farrow gesagt.
Mia Farrow gilt als gewalttätig und manipulativ
Aussage steht gegen Aussage. Mia Farrow gilt als gewalttätig und manipulativ. Sie schlug ihre Kinder und sperrte sie ein. Zwei der Adoptivkinder begingen nach einem Streit mit Farrow Suizid. Wie um den Effekt des Missbrauchs zu verstärken, stellte Mia Farrow Dylan außerdem nackt vor eine Kamera und ließ sie in verschiedenen Anläufen den Missbrauch durch ihren Vater beschreiben. Die privaten Aufnahmen, die Farrow zuvor an den TV-Sender Fox News geschickt hatte, wies das FBI als inszeniert zurück, zwei intensive Ermittlungen sprachen Allen 1993 vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs frei.
Die Versuchung ist groß, Dylan Farrow zu unterschätzen und sich auf eine rein autobiografische Lesart von Hush zu beschränken, steht doch selbst im Nachwort der Autorin: "In meiner Kindheit und Jugend war die Welt der Bücher für mich ein Rückzugsort, während meine Familie von einem mächtigen Menschen bedrängt wurde, der entschlossen war, unser Leben und unsere Glaubwürdigkeit zu zerstören."
Doch es ist komplexer, als die Kritik es haben möchte. In Hush lässt Farrow Zweifel an allzu eindeutigen Versionen von Geschichten und klaren Schuldzuweisungen aufkommen. Nicht nur entpuppt sich Shaes getötete Mutter ebenfalls als einst mächtige, der Beschwörung fähige Bardin. Auch Shae ist eine von Farrow bewusst eingesetzte unzuverlässige Erzählerin: Sie kann oftmals Realität und Illusion nicht unterscheiden, wahr nicht von falsch, verfängt sich in Gedankensprüngen, die Form und Farbe von Räumen wechselt immer wieder in dieser schwankenden Sicht auf die Dinge. "Aber genau das ist dein Problem, Shae. Du denkst nie etwas zu Ende", sagt Shaes beste Freundin. Es ist ein Satz, der sich an das Buch richten lässt: An vielen Stellen ist es im hektischen Duktus von Push-Nachrichten verfasst, die oft widersprüchlich sind.
Wer hat recht, wer ist gut, und wer ist böse? Die Heldin Shae macht es vor: Das Kind weiß es nicht, wird es letztendlich nie ganz wissen. Ebenso funktioniert die Realität. Wir leben "in einer Welt, die durch die rasante, fast infektiöse Ausbreitung von Nachrichten – wahren wie falschen – bestimmt wird", schreibt Farrow im Nachwort. "Hush ist eine Geschichte darüber, wie wichtig es ist, sich seine eigene Meinung zu bilden und einen Sinn für Gerechtigkeit in einem Umfeld zu bewahren, in dem es leicht ist (...), zu manipulieren und zu täuschen."
Ist Woody Allen schuldig? "Klicken Sie ›Ja‹ oder ›Nein‹" ist weiterhin das geläufige Schema medialer Berichterstattung – und die meisten klicken "Ja". Doch Hush hat eine viel nachdenklichere Botschaft: wie wenig wir doch Ambivalenzen zulassen, wie verführerisch die Eindeutigkeit ist. Das ist brillant. Farrow hat ein Buch geschrieben, das uns zwingt, so zu lesen, wie wir gerne die Realität sehen, brav und stur in Gut und Böse unterteilend, um diese Lesart sogleich zu hinterfragen. Als würde ein für immer unglückliches Kind zwischen keifenden Eltern vermitteln wollen, führt Hush vor, wie wichtig es ist, Zweifel zuzulassen.
Dylan Farrow: "Hush. Verbotene Worte"; aus dem Englischen von Alexandra Ernst; Loewe Verlag, Bindlach 2021; 416 S., 19,95 €, als E-Book 14,99 €