Provinziell, niemand will das sein. Alle wollen Weltoffenheit. Wer provinziell bleibt, ist nicht auf der Höhe der Zeit. Tobias Rapp vom Spiegel, Claudius Seidl von der FAS und mich bezeichneten Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der ZEIT als provinziell. Denn alle drei verträten wir die Meinung, dass der Holocaust singulär war. Wir seien damit Beispiele für einen "grassierenden intellektuellen Provinzialismus". Rothberg und Zimmerer gehen noch einen Schritt weiter: Diese Haltung bedeute "ein Festhalten an derselben ethnischen Identität, demselben Volksbegriff, die den Verbrechen des Nationalsozialismus zugrunde lagen". Soll das heißen, wer die Vernichtung der Juden im Holocaust als einzigartig bezeichnet, erliegt damit der nationalsozialistischen Ideologie?
Die Autoren belegen ihr bizarres Urteil zwar nicht, meinen aber genau zu wissen, welche Folgen die Verblendung derer habe, die an der Singularität des Holocausts festhalten. Das führe, so schreiben sie, zur "Verweigerung der Übernahme von Verantwortung: der Verantwortung für die Verbrechen des Kolonialismus". Damit das nicht geschehe, müsse endlich der Vergleich enttabuisiert werden. Holocaust und Kolonialismus müssten endlich in Beziehung zueinander gesetzt werden. Gleich neun Mal verwenden die Autoren in ihrem Text das Wort "provinziell", um die Kritiker ihres Konzepts der "multidirektionalen" Erinnerung als verstockte Ethnozentristen und Gegner einer globalen Perspektive der Geschichtsschreibung zu brandmarken.
Um mit der Provinz zu beginnen: Provinziell war in der Tat der Historikerstreit der 1980er-Jahre. Zu Recht hat das Team Habermas damals Ernst Noltes Vorhaben zurückgewiesen, den Holocaust in den Windschatten des Gulags zu stellen und damit zu relativieren. Doch Noltes Gegner machten in ihrer großen Mehrheit damals den Fehler, den Rothberg und Zimmerer zufolge heute jeder begeht, der den Holocaust für singulär erklärt. Angesichts der Ungeheuerlichkeit der Schoah weigerten sie sich kategorisch, sie mit anderen Menschheitsverbrechen in Beziehung zu setzen. Der Historikerstreit war von liberaler und linker Seite auch ein Versuch, den Vergleich zu tabuisieren, zu verbieten. Es galt als Ungeheuerlichkeit, Holocaust und Gulag in einem Atemzug zu nennen. Ein Fehler war das, weil für die Auseinandersetzung mit Geschichte der Vergleich nun einmal unersetzlich ist.
Denn nur wer vergleicht, kann Unterschiede erkennen, Gemeinsamkeiten wahrnehmen. Kann sehen, dass beide, Holocaust und Gulag, Massenmorde waren. Aber auch den grundlegenden Unterschied erkennen: In den Gulag wurden Menschen deportiert, weil sie Kulaken oder Händler oder Intellektuelle oder "Konterrevolutionäre" waren. Obwohl ihr Tod in Kauf genommen wurde, war der Zweck des Unternehmens nicht ihre Vernichtung. Im Holocaust dagegen wurden Juden allein deswegen ermordet, weil sie Juden waren. Dieser Wille der Deutschen, ein ganzes Volk auszulöschen, ist einmalig in der Geschichte. So blutig und mörderisch der Kolonialismus auch war – Ziel war nicht die Vernichtung um der Vernichtung willen. Deswegen ist der Holocaust singulär. Er war ein antisemitischer Genozid.
Wie kommen die beiden Autoren auf die abwegige Idee, wer dieser Meinung sei, betreibe damit absichtlich das Herunterspielen, Verharmlosen und Verleugnen der kolonialistischen Verbrechen? Ihre These lautet, dass es "diskursive Kontinuitäten und Funktionsäquivalenzen" zwischen Holocaust und Kolonialismus gibt. Holt man die wolkige Formulierung auf den Boden zurück, dann ist damit nichts anderes als dies gemeint: Nicht der Holocaust ist der große Zivilisationsbruch, sondern der ihm vorausgehende und ihn einschließende Kolonialismus. Der Holocaust wäre dann nur ein Spezialfall des Kolonialismus, ginge gewissermaßen in diesem auf. Gegen diese Sichtweise spricht die Tatsache, dass Hitler zwar den Osten unterwerfen, aber nie ein Kolonialreich errichten wollte. Und die Juden nicht unterwerfen und ausbeuten, sondern vernichten wollte.
Die Untaten des deutschen, des europäischen Kolonialismus rücken heute, wenn auch sehr spät, stärker ins öffentliche Bewusstsein als je zuvor. Das geschieht, weil die Völker Europas, in unterschiedlichem Ausmaß, allmählich bereit sind, sich auch mit den düsteren Kapiteln ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Und es geschieht auch, weil die jahrzehntelange Beschäftigung mit den NS-Verbrechen die Öffentlichkeiten in bisher ungekanntem Maß für historisches Unrecht sensibilisiert hat.