Es ist im Juni 1946, als der Humorist und Revue-Autor Karl Farkas als einer ersten Vertriebenen die Stadt wieder betritt, aus der er acht Jahre zuvor vor dem NS-Regime fliehen musste. Eine Rückkehr, die nach einer entsprechenden Inszenierung verlangt. Weil der Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka aber verhindert ist, muss die Szene am folgenden Tag wiederholt werden. Matejka, ein von den Kommunisten in dieses Amt eingesetzter KZ-Überlebender und Volksbildner, wartet mit einer Delegation und zahlreichen Medienvertretern auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins am Heumarkt auf den verlorenen Sohn, die Wochenschau-Kameras surren. Farkas fährt in einem Taxi vor – er hat es erst am rund 100 Meter entfernten Schwarzenbergplatz bestiegen.

"So als käme er gerade aus Amerika", schreibt Herbert Lackner, langjähriger Chefredakteur des Magazins profil, in seinem neuen Buch Rückkehr in die fremde Heimat, in dem er die häufig epischen Reisen zurück in ein verändertes Land nacherzählt.

Es ist ein ernüchterndes Bild, das Lackner zeichnet. Beide Seiten, die Heimkehrer ebenso wie die Österreicher, die den Krieg überdauert haben, misstrauen einander. Die Geflohenen kehren in eine zerstörte Stadt und in ein zerstörtes Land zurück, ihre Familienmitglieder, die nicht entkommen konnten, sind in den Todesfabriken ausgerottet worden, ihr Hab und Gut gestohlen. Sie erhalten kaum Unterstützung, viele sind in der Vergessenheit verschwunden, sie müssen ganz neu anfangen – unter widrigen Umständen. Die Emigranten stoßen auf eisiges Unverständnis. Es herrscht die Überzeugung vor, sie hätten in den finsteren Jahren ein bequemes Leben im Exil geführt, während die Österreicher die wahren Opfer wären, die den militärischen Wahnsinn an der Front und im Bombenkrieg zu überdauern hatten. Im nationalen Narrativ, an dem in den ersten Nachkriegsjahren gearbeitet wird, der kollektiven Opferlegende, ist einfach kein Platz für sie und ihre Leidensgeschichten. Das ist auch mit ein Grund dafür, dass für einen großen Teil der Vertriebenen eine Rückkehr nie eine Option darstellt.

Als die Schriftstellerin Hilde Spiel 1946 in britischer Uniform als Korrespondentin des New Statesman Wien bereist, sucht sie selbstverständlich auch ihr altes Café Herrenhof auf, vor 1938 das Zentrum des vibrierenden intellektuellen Lebens der Stadt. Der Empfang durch den alten Oberkellner gemahnt sie an eine Szene, die sich zuvor ein bereits verstorbener Emigrant in London ausgemalt hatte. "›Der Herr Doktor haben den Krieg im Ausland verbracht?‹, würde ihn der Kellner fragen. ›Das war aber g’scheit vom Herren Doktor. Da haben Sie sich viele Unannehmlichkeiten erspart. Wenn der Herr Doktor wüssten, was uns allen passiert ist! Das Elend, das wir durchgemacht haben!‹"

Das ganze Ausmaß der Shoah ist weder der Bevölkerung noch den Medien und auch nicht den Politikern bewusst. Noch 1952 zeigt sich der sozialdemokratische Vizekanzler Adolf Schärf überzeugt davon, "dass in Österreich die Zahl der Juden, die umgekommen sind, verhältnismäßig gering ist". Als dann im Ministerrat die Mitteilung der Kultusgemeinde verkündet wird, sie habe während der NS-Ära über 60.000 Todesopfer jüdischen Glaubens zu beklagen, geht die Regierung etwas irritiert zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

Es sind zumindest 150.000 Österreicher, die über die ganze Welt verstreut in der Emigration gestrandet sind. Darunter prominente Namen, solche, die sich erst einen Namen machen werden, und das Gros der Namenlosen, die nur mühsam ihr Auskommen finden.

Bereits im November 1945 veröffentlicht Kulturstadtrat Matejka in New Yorker Emigrantenzeitungen einen "Aufruf an die Österreichischen Künstler und Wissenschaftler in den USA", nach Wien zurückzukehren. "Da holte ich mir die kältesten Füße meines Lebens", erinnert er sich später in seinen Memoiren. Dem Aufruf wollen ursprünglich ohnehin nur sehr wenige folgen. Darunter befindet sich auch Karl Farkas. Er hatte seine Frau Anny und seinen Sohn Bobby, der nach einer Hirnhautentzündung geistig behindert ist, in Wien zurücklassen müssen, weil die Immigrationsbestimmungen der USA Behinderten die Einreise versagten. Nach Anfangsschwierigkeiten läuft es gut für ihn in New York, er genießt den regen Zuspruch des Publikums in den deutschsprachigen Vierteln. "Ich weiß, es ist eine Dummheit, New York gegen Wien einzutauschen", schreibt er seiner Frau, nie mehr würde er so viel Geld verdienen. Aber es ist der einzige Weg, die kleine Familie zusammenzuführen. So schifft er sich auf dem ersten Dampfschiff ein, das wieder die Transatlantikroute befährt. Angekommen erhält er keine Unterstützung, seine beiden Schwestern wurden ermordet, er findet zunächst nur ein Trümmerquartier in einem Innenstadthotel.