Manchmal, sagt der Arzt Tobias Welte, könne er die Panik, die in der Republik herrsche, nicht zusammenbringen mit dem, was er in seiner Klinik erlebe. Denn aus seinem Krankenhaus, der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), habe er einige gute Nachrichten zu berichten.
Also zählt er sie einfach einmal auf.
"Die Belegung unserer Intensivstation mit Covid-19-Patienten bewegt sich in einem Rahmen, den man bewältigen kann", sagt Welte. Sie sei in den vergangenen Wochen kaum angestiegen. Auf den Normalstationen gebe es nur noch wenige Covid-19-Patienten, anders als in der zweiten Welle. "Das liegt daran, dass wir nur noch sehr wenige Hochbetagte mit einer Corona-Infektion in unserer Klinik sehen", sagt er. Und das sei ein Erfolg der Impfungen. Die Altersgruppe der über 80-Jährigen, die den übergroßen Anteil der Todesfälle der ersten Wellen ausgemacht habe, sei weitgehend geschützt. Überhaupt sei in der Pandemie-Bekämpfung eine Menge gelungen. "Aber statt diese Erfolge jeden Tag zu betonen – und uns zu fragen, was aus ihnen folgen könnte –, reden wir gar nicht darüber." Manchmal habe er das Gefühl, dass versucht werde, die Bevölkerung so sehr wie möglich in Alarmstellung zu versetzen. Aber ob man die Leute so motiviere, sich weiter an die Regeln zu halten?
Tobias Welte ist ein erfahrener Lungenfacharzt, 61 Jahre alt, Direktor der Klinik für Pneumologie. Er leitet die Covid-Intensivstation und die Post-Covid-Station seines Hauses, er ist ein international anerkannter Experte. Er ist keiner, der dieses Virus kleinreden würde. Und doch ist er: ein Anti-Alarmist.
Seine Kritik bezieht sich auf die gesellschaftlichen Debatten über Corona und auf die politischen Entscheidungen, die daraus folgen. "Es ist wichtig, gegen Covid-19 zu kämpfen", sagt Welte. "Aber es ist aus meiner Sicht unverhältnismäßig, undifferenzierte Lockdowns zum einzigen Mittel der Wahl zu erklären. Es ist auch unverhältnismäßig, wenn wir so tun, als stünde unser Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch. Denn so ist es nicht. Die Lage ist angespannt, aber nicht überspannt." Welte findet: Es müsse mehr diskutiert werden in Deutschland. Darüber, welche Schritte man im Kampf gegen Corona gehen wolle. Und welche nicht.
Wie der Chefarzt die Lage in Hannover wahrnimmt, liegt konträr zu dem, wie in Deutschland gerade über Covid-19 debattiert wird. Und: Es liegt konträr zu dem, was von vielen Intensivstationen gemeldet wird. Von einer dramatischen Situation spricht Gernot Marx, Intensivmediziner der Uni-Klinik Aachen und Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen wächst schnell: Mitte März lagen dort 2700 Patienten mit Covid-19, aktuell sind es schon mehr als 4600. Fast ein Viertel der 20.000 deutschen Intensivpatienten sind also Covid-Kranke. Ende April könnten es, so Marx, knapp 6000 sein. Das wären so viele wie auf dem Höhepunkt der zweiten Welle. Kliniken fangen erneut damit an, planbare Operationen zu verschieben – und das trifft nicht nur Hüft-OPs, sondern auch große Tumor-Operationen. Die Infektionszahlen müssten dringend sinken, fordert Marx, vor allem, weil das Personal völlig erschöpft sei.
Die Lage auf den Intensivstationen ist inzwischen das zentrale Argument für die Politik, auch für die Kanzlerin, auf eine rasche Verschärfung des Lockdowns zu drängen, die Ministerpräsidenten als bisher wichtigste Entscheider in der Pandemie entmachten zu wollen – und über eine Erweiterung des Infektionsschutzgesetzes härtere Lockdowns landesweit einheitlich durchzusetzen.
Die Frage ist also, ob Mediziner wie Tobias Welte die Lage unterschätzen. Oder ob nicht auch seine Erfahrung ein Teil der Realität ist, den Politiker zumindest zur Kenntnis nehmen sollten, wenn sie über Ausgangssperren nachdenken, über neuerliche Schulschließungen und noch stärkere Einschränkungen.
Die ZEIT hat Gespräche mit Chef- und Oberärzten in ganz Deutschland geführt, immer mit der Frage: Wie ist die Lage auf Ihrer Intensivstation, in Ihrem Haus? Das Ergebnis, so viel vorweg: Nicht jeder Arzt ist alarmiert. Mancher findet die Aufregung übertrieben, die Berichterstattung zu hektisch. Aber es ist, natürlich, auch keine Zeit für Entwarnung. Die regionalen Unterschiede in Deutschland sind enorm, die Leistungsfähigkeit der einen Klinik kann die einer anderen um ein Vielfaches übertreffen. Einige Häuser sehen sich tatsächlich an der Grenze der Überlastung. Andere sehen die Situation entspannter. In Nürnberg befindet sich ein großes Klinikum an der Stressgrenze, in Leipzig fällt einem Chefarzt auf, dass schon wieder auffällig viele Patienten aus dem sächsischen Grenzland in seine Stadt verlegt werden. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es selbst ohne Corona zu wenige Krankenhäuser. Mancherorts, selbst in NRW, ist dagegen trotz hoher Inzidenz von Panik wenig zu spüren. Hinter vorgehaltener Hand sagen zudem viele: Man warne jetzt lieber etwas lauter, damit die Bürger sich nicht zu sicher fühlen. Denn man habe keine Lust, noch mal in eine Situation wie im Dezember und Januar zu geraten, in diesen zerstörerischen Stress.
Manchmal, sagt der Arzt Tobias Welte, könne er die Panik, die in der Republik herrsche, nicht zusammenbringen mit dem, was er in seiner Klinik erlebe. Denn aus seinem Krankenhaus, der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), habe er einige gute Nachrichten zu berichten.
Also zählt er sie einfach einmal auf.
"Die Belegung unserer Intensivstation mit Covid-19-Patienten bewegt sich in einem Rahmen, den man bewältigen kann", sagt Welte. Sie sei in den vergangenen Wochen kaum angestiegen. Auf den Normalstationen gebe es nur noch wenige Covid-19-Patienten, anders als in der zweiten Welle. "Das liegt daran, dass wir nur noch sehr wenige Hochbetagte mit einer Corona-Infektion in unserer Klinik sehen", sagt er. Und das sei ein Erfolg der Impfungen. Die Altersgruppe der über 80-Jährigen, die den übergroßen Anteil der Todesfälle der ersten Wellen ausgemacht habe, sei weitgehend geschützt. Überhaupt sei in der Pandemie-Bekämpfung eine Menge gelungen. "Aber statt diese Erfolge jeden Tag zu betonen – und uns zu fragen, was aus ihnen folgen könnte –, reden wir gar nicht darüber." Manchmal habe er das Gefühl, dass versucht werde, die Bevölkerung so sehr wie möglich in Alarmstellung zu versetzen. Aber ob man die Leute so motiviere, sich weiter an die Regeln zu halten?