Die Historikerin Susanne Heim ist Privatdozentin an der Freien Universität Berlin und eine der Herausgeberinnen der Edition "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden". Im Interview spricht sie über die Entstehung des letzten Bandes und über Dokumente, die sie besonders bewegt haben.

DIE ZEIT: Frau Heim, 15 Jahre lang haben Sie die Arbeit an der Quellen-Edition Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden wissenschaftlich koordiniert. 15 Jahre, 16 Bände, gut 5000 Dokumente auf fast 14.000 Seiten. Sind Sie erleichtert, dass es geschafft ist?

Susanne Heim: Ich bin glücklich, dass wir diese Mammutaufgabe gestemmt haben. Zehn Jahre hatten wir eingeplant, ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, und es war keineswegs klar, ob das, was wir vorhatten, funktionieren würde: ein Dokument nach dem anderen zu drucken über Hunderte Seiten, chronologisch, aus wechselnden Perspektiven – Briefe, amtliche Dokumente, Tagebucheinträge, Eingaben, Sitzungsprotokolle, Zeitungsartikel ...

ZEIT: Hatten Sie keine Vorbilder?

Heim: Eine Inspiration war Saul Friedländers multiperspektivische Darstellung Das Dritte Reich und die Juden. Eine wissenschaftliche Quellensammlung in dieser Art aber gab es nicht. So haben wir uns vor allem davon leiten lassen, was uns bei anderen Editionen fehlte. Meist sind die einem eng definierten Thema, einem Ort oder Ereignis gewidmet oder stellen ein Archiv vor. Unser Ziel war ein umfassendes Bild. Wir wollten den Holocaust in seiner ganzen Geschichte und seiner geografischen Breite darstellen, aus Sicht der Opfer, der Täter und der "Zuschauer", die wir "Dritte" nennen.

ZEIT: Anfangs rief das Kritik hervor. Die Edition sei eine bloße Dokumentenlawine, erschlagend, erdrückend, ungeordnet.

Heim: Ja, es hieß, die Leute würden die wichtigen Quellen gar nicht finden. Wir haben deshalb ab Band zwei einen Sachindex hinzugefügt, und die englische Ausgabe, die in Kooperation mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem entsteht, wird voll verschlagwortet sein. Außerdem ist die Edition ja geordnet. Jeder Band befasst sich mit einem Land, einer Region, der 15., der als letzter fertig geworden ist und am 10. Mai erscheint, mit Ungarn. Auch die Abfolge der Dokumente ist nicht beliebig.

ZEIT: Wie sind Sie vorgegangen?

Heim: Wir hatten eine Faustregel: 40 Prozent Opfer-Dokumente, 40 Prozent Täter-Dokumente und 20 Prozent Darstellungen von Dritten, wobei man beim Lesen nie zu lang in einer Perspektive verharren sollte. Dann war uns natürlich wichtig, grundlegende Fakten abzubilden und möglichst viele verschiedene Akteure zu Wort kommen zu lassen, hohe Funktionsträger und Dorfbürgermeister, Kirchen- und Wirtschaftsführer, Zivilisten und Militärs, Bittsteller und Widerstandskämpfer, Angehörige aller sozialen Schichten. Keine leichte Aufgabe, wenn man sich auf rund 300 Texte pro Band beschränken muss.

ZEIT: Woher stammen die Dokumente?

Heim: Aus unterschiedlichsten Archiven, von kleinen Sammlungen jüdischer Gemeinden bis zu den großen Nationalarchiven. Auch bereits publizierte Quellen haben wir gesichtet. Daneben finden sich Leihgaben aus Privatbesitz wie die Postkarte der Ärztin Justina Bischofswerder. Man sieht den Worten förmlich an, unter welchem Druck sie geschrieben wurden. Frau Bischofswerder hat mit dieser Karte eine Bekannte über ihre Verhaftung durch die Gestapo informiert, kurz bevor sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

ZEIT: Präsentiert die Edition vor allem neue Quellen?

Heim: Wann immer es möglich war, haben wir unbekannten Dokumenten den Vorzug gegeben. Auf Schlüsseltexte wie das Protokoll der Wannseekonferenz konnten wir aber nicht verzichten. Mehr als die Hälfte der Dokumente waren bislang unveröffentlicht oder wurden für die Edition erstmals übersetzt.

ZEIT: Waren einzelne Quellen besonders schwer zu finden?

Heim: Auffällig ist, wie wenig die nichtjüdischen Deutschen über die Judenverfolgung zu Papier gebracht haben, die sich vor ihren Augen abspielte.

ZEIT: Ein Ausdruck von Desinteresse?

Heim: Vor allem zeigt es, wie isoliert die Juden in der deutschen Gesellschaft waren. Die Juden sind den Nichtjuden aus den Augen geraten – und aus dem Sinn. Und dann hatten die Leute ihre eigenen Sorgen; die Väter, Brüder, Söhne im Krieg. Da fragten sich die wenigsten beim Briefeschreiben, wo der jüdische Nachbar geblieben ist.

ZEIT: Gab es Dinge, die Sie erst durch die Arbeit an der Edition erfahren haben?

Heim: Ich war erstaunt, wie viel vermeintlich Bekanntes wir gar nicht genau wissen: Wer etwa hat angefangen mit der Kennzeichnung jüdischer Geschäfte? Ging das von der SA aus, die das Wort "Jude" an die Schaufenster geschmiert hat? Gab es Direktiven der Städte oder von ganz oben? Dasselbe gilt für die Parkbänke, auf denen stand "Nicht für Juden". Wer das wann entschieden hat, ist unklar.

Charlotte Knobloch - "Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren" Zur Gedenkfeier für die NS-Opfer sprach die Holocaustüberlebende Charlotte Knobloch im Januar 2021 im Bundestag. An die AfD richtete sie dabei kritische Worte. © Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa

ZEIT: Weil sich im Nationalsozialismus vieles in einem Geflecht konkurrierender Zuständigkeiten und Initiativen durchgesetzt hat?

Heim: Hans Mommsen nannte das "kumulative Radikalisierung" – und dafür liefert die Edition in der Tat starke Indizien. Verwaltungsbeamte betteln darum, die Juden endlich kennzeichnen zu dürfen. Ein Mieterschutzverein regt an, Straßen umzubenennen, die nach "Nichtariern" heißen. Insbesondere die deutschen Stellen in den besetzten Gebieten eilten oft mit Entscheidungen voraus. Von oben war nur die grobe Richtung vorgegeben: "gegen die Juden". Da konnte man als Bürokrat ungebremst erfinderisch werden.