Irgendwo in Sachsen, wo die Fichten hoch aufragen und der Fels ins Nirgendwo stürzt, befindet sich ein kleines Monument. Fünf politische Häftlinge sind hier gestorben, in den Abgrund getrieben durch Folter beim "Strafexerzieren". "Absprungstelle siehe Totenkopf mit Pfeil", vermerkt die Gedenktafel pedantisch. Der Totenkopf scheint zu fehlen, es sind Bohrlöcher im Stein. Was will dieser Ort, der zugleich erinnert und distanziert, vom Besucher? Die Bilder des Films Zustand und Gelände werfen Fragen auf.

Bei den Toten im Wald handelt es sich um frühe Opfer des Faschismus. Der Dokumentarfilm von Ute Adamczewski führt zurück ins Frühjahr 1933, als die Nazis, die Tinte auf der "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" war noch nicht trocken, 200.000 politische Gegner in sogenannten wilden Lagern inhaftierten, zur Arbeit zwangen, quälten und ermordeten – nicht die Schoah steht hier im Fokus, aber man ahnt, dass es sich um eine Vorstufe des KZ-Systems handelt, das später Deutschland überzog. Viele der improvisierten Lager befanden sich im Freistaat Sachsen, wo einerseits die Arbeiterbewegung gut organisiert, andererseits die NSDAP stark war. Der Begriff "wild" weckt falsche Assoziationen von Gesetzlosigkeit und Heimlichkeit. Tatsächlich sperrte die SA Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, seltener Zeugen Jehovas und Juden in Sporthallen, Jugendherbergen, Schlössern, Fabriken und Gaststätten ein, unter den Augen der Bevölkerung, in Zusammenarbeit mit Polizei, Kommunalverwaltungen, Gewerbevereinen; es wurden Stellen ausgeschrieben, Waren geordert, Kosten verrechnet. Aus dem Volkshaus Reichenbach, wo man die Gaststube für Vernehmungen hergerichtet hatte, drangen die Schreie der gepeinigten Häftlinge auf den Marktplatz, was eine gewisse Unruhe erzeugte. Für Abhilfe sorgte die NS-Frauenschaft; sie schickte ein "dickes Federkissen, etwa 50 Zentimeter im Quadrat", in das die Gesichter der Opfer gedrückt wurden.

Das ist fast 90 Jahre her – Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Zustand und Gelände ist ein Film ohne "Protagonisten", ohne den personalisierten narrativen Drive, der im Journalismus und in den Dokumentarfilmsparten des Fernsehens heute gefragt ist. Was in Sachsen geschah, entfaltet sich in Auszügen aus behördlichen Briefwechseln, An- und Verordnungen, Zeitungsartikeln, Tagebüchern und literarischen Texten, die die Schauspielerin Katharina Meves aus dem Off einspricht. Diese Texte sind präzise und sachlich – selbst in den Schilderungen der Gewalttaten, die weniger politische Ranküne als den im Psychologischen verankerten Sadismus des soldatischen Mannes verraten, den Klaus Theweleit in seinem Buch Männerphantasien beschrieben hat.

Die Orte, an denen das stattgefunden hat, sind dagegen schwer zu entschlüsseln; sie wurden von nachfolgenden Generationen ebenso umgewidmet, wie die Nazis sie umgewidmet hatten, man sieht ihnen die Verbrechen nicht an. Sanft, aber insistierend gleitet die Kamera durch eine an touristischen Attraktionen reiche deutsche Kulturlandschaft, vorbei an Dörfern, aus denen heimelig der Rauch in die Morgensonne steigt, vorbei an mittelalterlichen Festungen und Renaissanceschlössern – Hohnstein, Colditz –, durch Säle und Flure, in denen Deckenmalerei an Beethoven und Mozart erinnert und Hirschgeweihe aus wer weiß welchen guten oder schlechten Zeiten hängen. Es stapeln sich in den Ecken aber auch moderne Konferenzstühle, es wird in Sporthallen wieder geturnt, das Gartenheim Bergidyll bietet "Plattenservice außer Haus" an, und Hermes liefert sowieso überallhin.

Geschichtsvergessenheit ist die zweite thematische Linie des Films: Sie führt von der hilflosen bis fehlgeleiteten Gedenkkultur in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR über die Verdrängung historischer Marker durch die Geschäftigkeit der Nachwendezeit bis hin zur Tatsache, dass das Vogtland, die Gegend um Plauen, Greiz, Reichenbach, zu einem bevorzugten Aufmarschgelände der Neonazis werden würde.

Ute Adamczewski hat Architektur studiert und sich in Videoarbeiten wie Neue Ordnung – über den Berliner Schlossplatz – bevorzugt mit "Gebautem" beschäftigt; aktuell lehrt sie Dokumentarfilm an der Hildesheimer Universität. Es interessiere sie, wie sich "Gesellschaft im Materiellen spiegelt", schreibt sie zu ihrem Seminar. Sie als historische Materialistin zu bezeichnen ist mehr als ein Wortspiel. In Zustand und Gelände erforscht sie nicht nur, wie sich Geschichte in unserer Umgebung ablagert. Vielmehr betrachtet sie, was sie findet, mit dem Grauen, das Walter Benjamin in den Thesen Über den Begriff der Geschichte dem historischen Materialisten regelrecht abgefordert hat: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." Dieses Bewusstsein drängt sich umso stärker auf, je weiter der Film voranschreitet. Die Montage beschleunigt sich nicht, der Tonfall ist sanft bis zum Ende, es gibt keine dramatischen Wendungen – aber es ist, als wäre kein Stein auf dem anderen geblieben, als hätte die Regisseurin die Straße aufgerissen, die sich durch den schönen sächsischen Wald windet, von Zwangsarbeitern gebaut.

Und damit liefert der Film, ob er das will oder nicht, auch einen Kommentar zum gegenwärtigen Diskurs um Cancel-Culture. Man kann den Kunstwerken und Kulturerzeugnissen im weiteren Sinn die Ideologie nie ganz austreiben; der Wunsch, sich in ihrer Gegenwart sicher oder bestärkt zu fühlen, ist verständlich, hat aber mit Aufklärung noch nicht viel zu tun.

Der am Anfang geschilderten Erinnerung an den Tod der fünf Häftlinge in der Schlucht ist ein Männerchor unterlegt: "Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad ... Heia Safari", ein launiger, mit Lagerfeuerromantik durchsetzter Marsch, der die deutschen Kolonialverbrechen in Afrika verherrlicht, als Volkslied Karriere machte – Heino – und noch immer in relativer Unschuld auf YouTube kursiert. Die Google-Software könnte das sicher wegfiltern. Aber würden wir dann nicht vergessen, wie das Bündnis funktioniert, das der Terror mit dem Harmlosen, der Faschismus mit dem Kitsch eingeht? Über die Text-Bild-Ton-Montagen in Zustand und Gelände kann man unter diesem Aspekt sehr lange nachdenken.