Über die Frage, ob das Holocaustgedenken der Erinnerung an andere Genozide und koloniale Verbrechen im Weg steht, ist nicht nur in Deutschland eine lautstarke Debatte entbrannt. Manche sprechen schon von einem neuen Historikerstreit. Jüngste Provokation: eine Polemik des australischen Genozid-Forschers A. Dirk Moses gegen die deutsche Erinnerungskultur unter dem Kleistschen Titel "Der Katechismus der Deutschen".
Erschienen auf dem Schweizer Fachportal Geschichte der Gegenwart, hat der Text im englischsprachigen Raum ein vielstimmiges Echo hervorgerufen. In den deutschen Feuilletons wurde er bisher einhellig verrissen – eine Reaktion, die den Verfasser darin bestärken wird, dass die Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden in Deutschland zu einer Zivilreligion geworden sei, gehütet von "Hohepriestern", die Kritik an der israelischen Politik im Namen der Staatsräson als antisemitisch diskreditieren und jeden Vergleich des Holocausts mit anderen (kolonialen) Verbrechen gegen die Menschlichkeit als "Abfall vom rechten Glauben" zurückweisen.
Dass sich hier ein Fürsprecher marginalisierter und nichteuropäischer Akteure rhetorisch ins Fahrwasser rechter "Schuldkult"-Verächter begibt, hat zu Recht Irritationen ausgelöst. Zumal Moses' Attacke auf das handgezimmerte Zerrbild eines doktrinär erstarrten Gedenkens in einem Moment erfolgt, da die letzten Überlebenden sterben. Auch dass er die gesamte Erinnerungskultur für die, wie er findet, fragwürdige Haltung der Bundesregierung zu Israel verhaftet, ist so kurzschlüssig wie falsch. Dennoch sollte man es sich in seiner Empörung nicht zu bequem machen.
Der "Zunder", den er entflammt habe, hat Dirk Moses kürzlich in einer Erwiderung auf seine Kritiker geschrieben, sei "sehr trocken" gewesen. Was ist dieser Zunder?
Da ist, spätestens seit dem Ringen um die Restitution kolonialer Raubkunst und dem gewaltsamen Tod George Floyds, die weltweite Debatte über die Anerkennung kolonialen und rassistischen Unrechts. Da ist die umkämpfte Frage, wo Kritik an der israelischen Regierung in Antisemitismus umkippt und wo – umgekehrt – der Antisemitismusvorwurf zur Waffe wird (jüngst exerziert an den postcolonial studies, die durch den Eklat um den kamerunischen Historiker Achille Mbembe in Verdacht gerieten, den Antisemitismus zu verharmlosen). Und da ist die Forschungskontroverse, ob und inwiefern Holocaust und Vernichtungskrieg im Kontinuum kolonialer Gewaltgeschichte stehen.
Dieser Zunder ist nicht nur trocken, er türmt sich bei Dirk Moses auch zu einem recht steilen Haufen. Ob er damit zur Klärung wichtiger Fragen beiträgt, wie er schreibt, oder zur Verhärtung der Fronten, steht dahin.
Eines aber lässt sich nicht leugnen: Während sich das Holocaustgedenken fest etabliert hat, ist das kolonialhistorische Gedächtnis voll weißer Flecke geblieben. Da wundert es kaum, dass die Rede von der Singularität und die Metapher vom Zivilisationsbruch (Dan Diner) den Unmut jener auf sich ziehen, die aus der Perspektive des globalen Südens auf die Weltgeschichte blicken. Schließlich verweisen diese Begriffe nicht nur auf die Ungeheuerlichkeit des antisemitischen Massenmordes. Sie insinuieren auch, es habe vor 1933 eine "ungebrochene" Zivilisation gegeben.
Davon freilich kann keine Rede sein. Die westliche Zivilisation ruht, wie Sven Beckert und andere gezeigt haben, auf einem Fundament aus Schädeln und Knochen, auf Raub, Massenmord und Sklaverei. Der Bruch mit ihren humanistischen und aufklärerischen Idealen war ihr von Anfang an eingeschrieben.
Dies ist kein Grund, diese Ideale zu verwerfen oder ein Holocaustgedenken zu diffamieren, das den Judenmord als Zivilisationsbruch markiert. Aber es zwingt die westlichen Gesellschaften, angesichts weltweit geführter Gerechtigkeitsdebatten, beides in ihr Selbstverständnis zu integrieren: die Erinnerung an die Schoah und die an Jahrhunderte kolonialer Ausbeutung und Gewalt.
Im "Land der Täter" mag dies besonders schwerfallen. Da die Deutschen längst nicht mehr unter sich sind, liegt darin aber auch die Chance für eine dialogische, "multidirektionale" Erinnerung, wie sie der US-Literaturwissenschaftler Michael Rothberg fordert, dessen Thesen diesen neuen Historikerstreit angestoßen haben. Die aktuelle Diskussion dürfte da erst der Anfang sein. Es wird, wie auf dem langen Weg zum heutigen Holocaustgedenken, noch viel gestritten werden. Dirk Moses' Polemik lässt erahnen, wo es wehtun wird.