ZEIT: Wer ist relevant? Das ist für Laien schwer zu entscheiden. So manche Expertise kollidiert mit dem gesunden Menschenverstand. Beispiel: Wenn das Virus so gefährlich ist, warum hat man zu Beginn der Pandemie nicht die Grenzen geschlossen?
Drosten: Das Ausmaß der Gefahr in Europa wurde auch für viele Politiker erst mit dem Ausbruch in Bergamo und den Bildern der Särge deutlich. Da war das Virus aber längst im Land. Da musste man keine Grenzen mehr schließen. Was uns in Deutschland aber wirklich etwas gebracht hat, war, dass wir als Erste in der Lage waren, das Virus großflächig per PCR nachzuweisen.
ZEIT: Können Sie sich noch an den allerersten positiven Test erinnern?
Drosten: Das kann ich sehr genau, wir haben ja am Anfang immer die Bestätigungsdiagnostik gemacht – der Patient hatte sich in Italien infiziert, er gab das Virus gleich in der Familie weiter. Noch genauer kann ich mich aber an die nächste Diagnose erinnern. Denn gleich danach bekamen wir die Probe von einem Patienten eingeschickt, der vorher nicht im Ausland war. Dass der gefunden wurde, war reiner Zufall. Das Labor hatte bei mehreren Grippe-Verdachtsfällen einfach parallel zur Influenza-Testung die Corona-Testung mal so aus Spaß mitgemacht, und zack, einer war positiv. Der hatte sich aus heiterem Himmel hier in Deutschland infiziert. Da war mir klar, das Virus zirkuliert bereits im Land.
ZEIT: Hätte China die globale Ausbreitung des Virus stoppen können?
Drosten: Der dortige Lockdown wurde am 23. Januar 2020 verkündet. Dass er überhaupt verordnet wurde, geht meines Wissens auf die heroische Intervention einer einzelnen Epidemiologin zurück. Zu der Zeit zirkulierte das Virus in Wuhan sicher seit ungefähr sechs Wochen, sehr wahrscheinlich sogar noch länger. Was wäre passiert, wenn sie das zwei oder drei Wochen früher empfohlen hätte? Vielleicht hätte man den Ausbruch klein halten können. Aber hätte man schon bei wenigen Verdachtsfällen eine Millionenstadt dicht gemacht? Hätten wir das in Deutschland gemacht? Ich glaube nicht. Da kann man China dann auch keinen Vorwurf machen.
ZEIT: Und stammt das Virus nun aus dem Labor in Wuhan?
Drosten: Ich schaue mir immer die neuesten Materialien und Dokumente dazu an und sehe weiterhin keinen relevanten Hinweis für einen Labor-Ursprung. Die Situation gleicht einem Dorf, in dessen Nähe jemand erschossen worden ist. Der Dorfpolizist hat eine Dienstwaffe in seinem Schrank. Er macht pflichtgemäß seine Schießübungen, sonst benutzt er die Waffe nicht. Ist er der Täter? Vollkommen auszuschließen ist das nicht – aber eben äußerst unwahrscheinlich.
ZEIT: Das klingt erst einmal sehr beruhigend.
Drosten: Wenn es anders wäre, würde ich es sagen, da kann ich für garantieren. Ich habe keine persönliche Verbindung zu den Leuten in Wuhan und bin noch nie in dem Institut gewesen.
ZEIT: Es gibt Wissenschaftler, die den Verdacht des Labor-Ursprungs immer wieder schüren.
Drosten: Das sind Fachexperten aus nah verwandten, aber hier nicht ausschlaggebenden Gebieten. Stellen Sie sich vor, das Dach eines denkmalgeschützten Hauses ist eingestürzt. Zur Ursachenforschung müssen Sie mit einem Experten für alte Dachstühle sprechen. Das kann nicht jeder Zimmermann machen. Der muss sich schon mit historischer Bausubstanz auskennen. Und da fangen Sie nicht an, auf Twitter die Einschätzung von Fliesenlegern und Klempnern zu lesen, nur weil die auch auf dem Bau arbeiten.
ZEIT: Aber auch Zimmerleute sind sich nicht immer einig. Warum haben Sie per Mail interveniert, als Hendrik Streeck vorgeschlagen wurde für ein Expertenkonsortium des Gesundheitsministeriums, das eine große Corona-Studie beaufsichtigen sollte?
Drosten: Vieles wurde aus dem Zusammenhang gerissen, zugespitzt und verfälscht – auch diese Mail. Der vermeintliche Konkurrenzkampf der Virologen wurde von einigen Medien inszeniert. Um diese Inszenierung nicht weiter zu befeuern, möchte ich das nicht weiter kommentieren.
ZEIT: Das respektieren wir. Streit haben wir aber durchaus wahrgenommen. Sie sind wie kaum ein anderer Wissenschaftler von Spitzenpolitikern angehört worden. Hatten Sie Erfolg?
Drosten: Es gibt deutlich effizientere Formen der Politikberatung. In Großbritannien gibt es SAGE, die Scientific Advisory Group for Emergencies, ein wissenschaftliches Beratergremium für Notfälle. Das ist eine Gruppe von mehr als 40 Leuten, die fachrelevante Expertise haben und diese Expertise auch zu Papier bringen. Was die da aufschreiben, ist Konsens in der Wissenschaft, daran kann sich die Politik orientieren. Die schriftliche Form ist wichtig, das konzentrierte Beschäftigen mit den Inhalten. Diese Befassungstiefe habe ich in der Politikberatung, in der ich involviert war in Deutschland, nicht erlebt.
ZEIT: Was haben Sie stattdessen erfahren?
Drosten: Fast immer wurde Politikberatung in Form von eilig berufenen Gremiensitzungen organisiert. Fast alles lief mündlich.
ZEIT: Aber sind die wichtigsten Botschaften denn angekommen?
Drosten: Das weiß man nicht, man bekommt als wissenschaftlicher Berater dazu kaum Rückmeldung und hat keine Kontrolle darüber.
ZEIT: Hatten Sie den Eindruck, Ihren Gesprächspartnern mangelt es an Kompetenz?
Drosten: Auf der politischen Seite? Die Politiker können ja nicht alle bei Viruserkrankungen oder naturwissenschaftlichen Ausnahmesituationen dieser Größenordnung kompetent sein. Die kommen aus anderen Berufen, und auch aus denen sind sie häufig schon lange raus. Aber eine schon viel zitierte Ausnahme muss auch ich hervorheben: Angela Merkel. Die hat die richtigen Fragen gestellt. Sie ist superschnell in ihrer Auffassungsgabe. Sie hat ein mathematisches Verständnis, was bei diesen epidemiologischen Problemen wirklich weiterhilft.
ZEIT: Wer ist relevant? Das ist für Laien schwer zu entscheiden. So manche Expertise kollidiert mit dem gesunden Menschenverstand. Beispiel: Wenn das Virus so gefährlich ist, warum hat man zu Beginn der Pandemie nicht die Grenzen geschlossen?
Drosten: Das Ausmaß der Gefahr in Europa wurde auch für viele Politiker erst mit dem Ausbruch in Bergamo und den Bildern der Särge deutlich. Da war das Virus aber längst im Land. Da musste man keine Grenzen mehr schließen. Was uns in Deutschland aber wirklich etwas gebracht hat, war, dass wir als Erste in der Lage waren, das Virus großflächig per PCR nachzuweisen.