Als Lisa-Maria Kellermayr um kurz nach neun Uhr die Behandlungsräume ihrer Praxis aufsperrt, trägt sie Filzpantoffeln und eine Jogginghose. Ihre Augen sind müde, die Haare noch leicht verknittert. "Es tut mir leid", sagt sie. "Ich bin noch nicht lange wach." Die ersten Patienten kommen auch erst in ein paar Stunden, aber Kellermayr ist trotzdem schon hier. Sie ist immer hier. Sie lebt hier, seit Wochen.
Kellermayr, 36 Jahre alt, ist Allgemeinmedizinerin, seit Ende November führt sie eine eigene Ordination in Seewalchen in Oberösterreich. Von ihrem Bürofenster aus sieht sie direkt auf den Attersee. "Eigentlich wäre es ja schön hier", sagt Kellermayr, während sie in den Gemeinschaftsraum geht. Auf dem Tisch stehen leere Kaffeetassen und eine Schale mit Früchten und Nüssen, daneben eine Champagnerflasche, 0,2 Liter. Sie ist geöffnet und noch fast ganz voll. Doch der Sprudel ist längst entwichen. "Ich wollte damit eigentlich auf die Eröffnung meiner Praxis anstoßen", sagt Kellermayr. "Aber es gab nicht viel zu feiern."