Luisa Neubauer, 26, ist Fridays-for-Future-Aktivistin und Grünen-Mitglied.

Anfang des Jahres war das Land an einem interessanten Punkt: In der Klimapolitik lief es. Zumindest wenn man nicht zu genau hinschaute oder nachrechnete. Die Bundesregierung hatte die Klimakrise sorgfältig auf Ministerien aufgeteilt. In der Klimabewegung konnte man endlich weniger für die Sache an sich und mehr für Details und für Geschwindigkeit kämpfen. Diese Phase ist vorbei.

Doch nicht der Krieg hat sie beendet, die politischen Antworten auf den Krieg waren es.

Nachdem Russland am 24. Februar seine Großoffensive gegen die Ukraine startete, schien es beinahe unwirklich, wie schnell und symbiotisch die Notwendigkeiten von Frieden und Klimaschutz zusammenfanden. Wir Klimabewegten verstanden, was wir sahen: Der Krieg wird durch Einnahmen aus fossilen Energien finanziert, die stärkste Waffe Putins ist unsere Abhängigkeit von seinem Öl und Gas, unser stärkster Hebel gegen ihn sind die fossilen Sanktionen. Wer echten Frieden will, will das Ende der fossilen Ära.

Dass Klima und Krieg im Februar so schnell verknüpft wurden, ist nicht selbstverständlich. Normalerweise ist die Furcht groß, sich dem Vorwurf auszusetzen, man instrumentalisiere Ereignisse "für das Klima" (was auch immer das heißen soll). Diesmal nicht, drei Tage nach Kriegsbeginn bezeichnete der FDP-Finanzminister Christian Lindner Erneuerbare als "Freiheitsenergien". Was half: Die Klimabewegung hatte Antworten. Echte Solidarität mit der Ukraine, ein schnelles Embargo und ein rasanter Ausbau von Erneuerbaren, um nicht nur kurz-, sondern langfristig wegzukommen von den fossilen Energien. Ökonomische Berechnungen machten klar: Ein Embargo wäre teuer und belastend, aber es ginge. Einen offenen Brief für einen Import-Boykott unterschrieben mehr als 100 Prominente.

Doch Ende März kippte etwas. Jede Woche äußerte sich ein anderer Industrievertreter und warnte vor den Kosten eines Embargos. Zu einem Zeitpunkt sprach Martin Brudermüller, Chef der BASF – das ist der Konzern, dessen Tochter den letzten großen Gasspeicher in Deutschland an Gazprom abgab und nun in der Nordsee nach Öl bohren möchte –, von "irreversiblen Schäden" für die Volkswirtschaft im Falle eines Gasembargos. Mehrere Wirtschaftsexpert:innen bezeichneten solche Aussagen als Panikmache. Aber es funktionierte, die Stimmung wandte sich eher gegen ein Embargo, das hält bis heute an.

Ähnliche Mechanismen kennen wir aus der Klimadebatte. Für einen CO₂-Preis oder einen Kohleausstieg sind komischerweise auch nie die Industrien, die sie betreffen. Vertreter dieser Industrien argumentieren auch nie mit ihren Profiten, sondern mit dem großen Ganzen, mit Arbeitsplätzen, der Wirtschaft. Das geht dann so lange, bis sich irgendwann das trügerische Gefühl einstellt, nicht die Mächtigeren, sondern die besseren Argumente hätten die Debatte gewonnen. Natürlich wäre ein Embargo eine große Belastung – für die Industrien, für die Bürger:innen. Nur haben wir nach wie vor keine Wahl zwischen viel Belastung und keiner. Wir können uns nur aussuchen, welche Art der Belastung wir wählen und wen sie trifft. Bei einer Art der Belastung (kein Embargo) finanzieren wir, wie aktuell, einen kriegstreibenden Autokraten weiter.

Ähnlich schnell wie die Embargo-Debatte kippte die Überzeugung, dass eine rasante Energiewende automatisch folgen würde, denn seine nachdenklichen Handyvideos sendete Robert Habeck nicht von Touren über Fotovoltaik-Dächer, sondern aus Katar. Während eine Hitzewelle in Indien zehn Prozent der Weltbevölkerung quälte, verteidigte man für den Frieden neue Gasverträge, Terminals, Handelsrouten. Was sich kurz als Erneuerbaren-Revolution ankündigte, endete mit fossiler Expansion: statt autofreiem Sonntag ein Milliarden-Tankrabatt. Lichtgeschwindigkeit für LNG-Terminals an der Nordsee statt für Erneuerbaren-Trassen. Wir sprechen wohlgemerkt von Plänen für bis zu zwölf neue LNG-Terminals. Das durch sie importierte Gas allein könnte das gesamte CO₂-Restbudget Deutschlands aufbrauchen. Keine Klimamaßnahme könnte das ausgleichen.

Übrig bleibt Solidarität mit Beigeschmack – man schickt Panzer und die Außenministerin nach Kiew, aber auch Milliarden an Putin. Die Klimakrise versteht bestimmt, dass sie warten muss. Oder so.

Das Komplizierte: Nicht alles, was energiepolitisch passiert, ist abwegig. Es ist vertrackt. Müssen auch Schweinswale leiden für die Solidarität mit der Ukraine? Wie verhindert man extreme Heizkostensteigerungen in Haushalten, die nichts übrig haben? Kann man es gut finden, mit nichtrussischen Autokraten Deals zu machen, damit der russische Autokrat weniger Exportgeld bekommt? Viele der Entscheidungen dieser Tage, die nicht mit den Klimazielen vereinbar sind, sind gerade deswegen so schwer zu verurteilen, weil sie im Lichte des Krieges so erklärbar sind.