Denn dein ist das Amt – Seite 1
Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie Volker Wissing früher hier oben saß. Wie er Sonntag für Sonntag ein paar Minuten vor Beginn der Messe an der St.-Oswald-Kirche ankam, die schmale Treppe zur Orgel hinaufstieg und sich dort auf die Bank setzte. Rechterhand steht ein Schemel, darauf ein dickes Liederbuch in rotem Einband. 13 Jahre lang saß Wissing hier oben, jede Woche, er suchte die Stücke aus und spielte für die Gemeinde. Man sieht ihn fast vor sich, dort oben, mit gebügeltem Hemd und geradem Rücken.
Unten im Kirchenschiff stehen zehn Bänke zu jeder Seite, die Wände sind karg, die Decken ebenso. Im 16. Jahrhundert machten die Calvinisten aus der katholischen Kirche von Heuchelheim eine reformierte. Als Handwerker in den Sechzigerjahren das Gebäude sanierten, stießen sie im Altarraum unter der weiß gestrichenen Decke auf alte katholische Fresken, Darstellungen von Engeln, einer spielt Harfe, ein anderer Trompete. Zwei Ebenen. Eine sichtbar. Die andere verborgen.
Später wurde Volker Wissing Richter, dann Staatsanwalt im nahe gelegenen Landau, schließlich trat er der FDP bei und hatte keine Zeit mehr, um sonntags in Heuchelheim Orgel zu spielen. Am liebsten, sagt Wissing in seinem Ministerbüro in Berlin, habe er damals den Choral Jesu, meine Freude gespielt. "Den finde ich wunderschön."
Volker Wissing ist heute Bundesminister für Digitales und Verkehr in Berlin. So richtig kennt man ihn nicht; die FDP, das ist im Moment vor allem Christian Lindner. Dabei leitet Wissing ein Ministerium, das zentral ist im Kampf gegen die Klima- und Energiekrise, er verfügt über eines der größten Budgets in der Bundesregierung und muss dafür sorgen, dass die Deutschen vom Verbrenner auf das E-Auto wechseln oder am besten gleich den Zug nehmen. Der dann idealerweise auch noch fährt.
All das war schon vor dem 24. Februar 2022 eine riesige Aufgabe. Der Krieg und die Notwendigkeit, so schnell wie möglich fossile Energien einzusparen, potenzieren nun den Druck auf das politische System und auch auf jeden einzelnen Akteur. Weltbilder und Koalitionsverträge brechen zusammen. Und, das wird klar, wenn man sich näher mit Wissing beschäftigt: Auch auf Menschen lastet dieser Druck tonnenschwer.
Für Mitte Mai hatte die ZEIT ein Interview mit dem neuen Verkehrsminister vereinbart. Es sollte um seine Verkehrspolitik gehen, um die notwendigen CO₂-Einsparungen und darum, dass die Vorschläge seines Hauses bislang bei Weitem nicht ausreichen, um die im Klimaschutzgesetz vereinbarten Grenzwerte einzuhalten. Aber das Treffen verläuft anders als die meisten Politikergespräche. Nach einer Stunde Interview fragen wir ihn, was ihm als ausgebildetem Kirchenmusiker und Sohn eines Religionslehrers die Bewahrung der Schöpfung bedeute. Der Minister hat seine Antworten aus diesem Teil des Gesprächs nicht freigegeben, was bedeutet, dass sie hier nicht gedruckt werden können. Aber die tiefe Religiosität und die harsche Kritik am Konsumverhalten der Deutschen, die im Gespräch mit Wissing anklingen, lassen sich auch nicht verschweigen. Man erlebt plötzlich einen Mann, dessen privater Lebensstil fast konträr zu der Haltung verläuft, die er auf der politischen Bühne vertritt. Mehr noch, es entsteht der Eindruck, dass Wissing an seinem Amt leidet.
Zurückhaltende, fast schüchterne Art
Die Begegnung macht neugierig. Offenbar gibt es auch in Wissing zwei Ebenen, ein bisschen so wie in der Kirche in Heuchelheim. Was treibt diesen Mann um? Wie geht es einem offenbar gläubigen Menschen damit, dass seine Politik vielleicht koalitionsvertragskonform ist, aber eher nicht schöpfungskonform?
Volker Schönenberg sagt, als er damals sonntags an der St.-Oswald-Kirche in Heuchelheim ankam, habe Wissing immer schon oben auf der Bank vor der Orgel gesessen und sich vorbereitet. "Ein wirklich bescheidener Mann, juristisches Staatsexamen mit Bestnoten, aber darüber hat er nie gesprochen. Die C-Prüfung hat er neben dem Abitur abgelegt, ein außergewöhnlicher Organist, er hat sogar ab und an improvisiert." Von 1993 bis 2000 war Schönenberg Pfarrer in der Gemeinde Klingen, zu der auch die Kirche in Heuchelheim gehört. Er hielt die Messe, Wissing spielte dazu auf der Orgel. In einem Weidenkorb in Schönenbergs Wohnzimmer stapeln sich die Zeitungen, er beobachtet die Politik in Berlin mit Interesse. Und er schaut genau auf seinen früheren Organisten.
Bei seiner Vereidigung betonte Wissing das Wort "Gott"
Die Wissings seien eine Familie, die hier in der Gegend jeder kenne, sagt Schönenberg. Der Vater arbeitete als Lehrer für Religion und Deutsch, er war in der Bezirkssynode aktiv, war Laienprediger – und auch er Mitglied in der FDP. Neben alldem unterhielt er ein kleines Weingut. "Fleiß, Strebsamkeit, Effizienz, all das sind Elemente eines Calvinismus, wie es ihn hier in der südlichen Pfalz seit Jahrhunderten gibt. Und sicherlich hat der junge Wissing diese Werte von seinem Vater geerbt", sagt Schönenberg.
Es gibt einen Klassiker der deutschen Soziologie, verfasst von Max Weber, erschienen im Jahr 1905. Das Buch trägt den Titel Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, und vielleicht handelt es auch ein wenig vom Bundesverkehrsminister. Weber argumentiert, dass gerade die Calvinisten seit je emsig und fromm ihrer Arbeit nachgingen, da für sie Erfolg im Beruf und weltlicher Reichtum als Beleg für die Auserwähltheit durch Gott dienen. Dieses Berufsethos, das sie von den weniger gebildeten, lasterhafteren Katholiken unterscheide, habe die Calvinisten zur Triebfeder des modernen Kapitalismus werden lassen. "Die FDP ist in der Südpfalz historisch eher die Partei der Protestanten", sagt Pfarrer Schönenberg. "Die evangelischen Selbstständigen, Handwerker und kleinen Kaufleute haben liberal gewählt." Das galt für den Winzer, Lehrer und reformierten Protestanten Heinz Wissing. Und es trifft zu auf den Topjuristen, Organisten und Bundesminister, seinen Sohn Volker Wissing.
"Ich habe mir die Vereidigung im Fernsehen angeschaut. Gucken Sie sich das mal an, und hören Sie genau hin, wie er da 'Gott' sagt", rät Schönenberg. Auf YouTube findet sich ein Video von der Vereidigung der Bundesregierung vom 8. Dezember. Nach und nach ruft Bundestagspräsidentin Bärbel Bas die Ministerinnen und Minister auf, Nancy Faeser von der SPD tritt vor, hebt die Hand, sagt "so wahr mir Gott helfe", die Betonung liegt auf dem "wahr". Robert Habeck lässt Gott ganz weg. Dann tritt Wissing ans Mikrofon: "Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe." Die Betonung liegt bei ihm nicht auf dem "wahr", sondern auf "Gott", es wird dadurch ein seltsam unruhiger Satz. "Da habe ich mir gedacht, er hat wohl immer noch eine tiefe religiöse Bindung", sagt Schönenberg.
Betrachtet man Wissing aus dieser Perspektive, sieht man etwas klarer: das geschniegelte Auftreten, die zurückhaltende, fast schüchterne Art, der kerzengerade Karriereweg, die Bindung an die Partei des freien Marktes.
Nicht nur Pfarrer Schönenberg blickt mit Wohlwollen auf Wissing. In der rheinland-pfälzischen Politik findet man niemanden, der schlecht über ihn redet. Von 2016 bis 2021 war er Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau. Im Landtag von Mainz loben ihn selbst Grüne und Sozialdemokraten als Ermöglicher der Ampelkoalition im Land, als einen, der auch mal von der FDP-Linie abweiche, wenn es darum geht, einem Kompromiss zuzustimmen. Auch sei Wissing jemand, der während der Kabinettsklausur noch Hemd trage, wenn die anderen schon zu Jeans und T-Shirt gewechselt hätten. "Dass Volker Wissing heute in Berlin eine Verkehrspolitik macht, die den Leuten nicht das Autofahren oder Inlandsflüge verbietet, sondern sich technologieoffen um Klimaneutralität bemüht – und das, obwohl er privat ganz anders lebt und fühlt –, das ist doch eine beeindruckende Interpretation von Liberalismus", sagt sein Nachfolger auf dem Posten des FDP-Fraktionsvorsitzenden, Philipp Fernis.
Bremser entmachtet Wissing nicht
In Berlin ist Wissings Situation eine völlig andere als in der Pfalz. Hier gilt dieser komplexe, sympathische Mensch als Totalausfall. "Was wir gerade im Bereich Verkehrspolitik erleben, gleicht einer Kapitulation des Staates vor den anstehenden Herausforderungen, nach 100 Tagen zweifelt auch die Mobilitätsbranche, ob es unter diesem Minister vorwärtsgeht", sagt jemand, der seit Jahren das Verkehrsministerium beobachtet. Tatsächlich kommen aus Wissings Haus bislang kaum Vorschläge, mit deren Hilfe sich die CO₂-Emissionen im Verkehr substanziell senken ließen. Die wenigen Großvorhaben, wie der Ausbau der Ladesäulen für E-Autos, stecken fest oder werden in zu kleinen Abteilungen von überforderten Staatssekretären betreut. Wissing sei jemand, der zuhöre und abwäge, sagen Leute, die ihn gut kennen. In einem Ministerium, das seit zwölf Jahren von der CSU immer wieder auch dazu genutzt wurde, Steuergelder in die bayerische Wirtschaft umzuleiten, brauche es aber jemanden, der die Bremser entmachtet. Nur, so ein Typ sei Wissing nicht.
In der Koalition heißt es, Parteichef Lindner bremse seinen Minister aus
Das größte Problem aber ist ein grundsätzliches. Im Verkehr, das ist mittlerweile Konsens in der Wissenschaft, werden die erforderlichen CO₂-Einsparungen nicht zu erzielen sein, wenn man nicht die Zahl der Autos, Lastwagen und Flüge merklich reduziert. Es gäbe dafür eine Palette an Maßnahmen: Die Abschaffung des Dienstwagenprivilegs zum Beispiel würde dafür sorgen, dass große Firmenwagen nicht mehr vom Steuerzahler finanziert würden. Ein Verbot einzelner Inlandsfluglinien würde dazu führen, dass noch mehr Menschen auf die Bahn umsteigen. Für Wissing aber kommt all das nicht infrage. Bei seinen öffentlichen Auftritten spricht er davon, dass er "allen Bürgern ein Mobilitätsangebot machen" wolle, dass man dem einzelnen Bürger die Entscheidung, das Richtige für das Klima zu tun, schon zutrauen könne. Es ist die FDP-Position in Reinform: maximale Freiheit für den Einzelnen im Hier und Jetzt.
Dass ein FDP-Minister FDP-Politik macht, ist nicht verwunderlich. Aber Wissing? Der Mann, der einen Moment durchatmen muss, wenn man ihm die Frage nach der Bewahrung der Schöpfung stellt? Der sagt, er backe zu Hause sein Brot selbst, mache sein Obst selbst ein und fliege privat praktisch nie?
Wenn man sich danach erkundigt, wieso Wissing eine Politik betreibt, die nicht recht zu seiner Person zu passen scheint, landet man bei Christian Lindner. Mehrere Mitglieder der Ampelkoalition erzählen, dass der Parteichef seinen Minister ausbremse. Wissing wolle ja, aber Lindner sei ihm schon mehrfach in den Arm gefallen. Zuletzt sei das beim Verbrenner-Ausstieg auf EU-Ebene zu beobachten gewesen: Eigentlich habe Wissings Ministerium darauf hingearbeitet, im Europäischen Rat den Ausstieg aus dem Verbrennermotor bis 2035 möglich zu machen. Eine Woche vor der entscheidenden Sitzung erklärte Lindner dann plötzlich, er habe entschieden, sein Veto einzulegen, die FDP werde das Verbrenner-Aus ablehnen. Wissing setzte im Anschluss bloß ein paar Tweets ab, in denen er sich hinter die Linie des Parteichefs stellte.
Mitte Juni. Wochen nach dem unveröffentlichten Interview bietet Wissings Pressesprecherin einen neuen Termin mit dem Minister an, eine halbe Stunde habe er Zeit.
Nun sitzen wir wieder in seinem Büro und probieren es noch einmal. Herr Minister, haben Sie Max Weber gelesen? Ja, habe er, sagt Wissing. Eigentlich trenne er die Religion von seinem Amt, er sei Liberaler und mache säkulare Politik. "Aber natürlich steckt dahinter ein Mensch, der eigene ethische Vorstellungen hat. Für mich ist die Reformation eine Freiheitsbewegung, der Protestantismus hat einen individuellen Zugang zu Gott geschaffen, der keine Autorität und kein Korrektiv braucht. Und genau darum geht es mir: um die Entscheidungsfreiheit des Individuums." Was aber, wenn sich die Menschen entscheiden, den Planeten zu einem unbewohnbaren Ort zu machen? "Die religiöse Ecke, aus der ich komme, ist eine antimissionarische", sagt Wissing. "Es geht nicht darum, anderen Menschen den eigenen Lebensentwurf aufzuzwingen."
Wissing entwirft im Gespräch die Idee des vollständig mündigen Bürgers, der schließlich in der Lage ist, eine Regierung zu wählen, und dem deshalb auch zugetraut werden muss, für sich selbst die richtige Konsumentscheidung zu treffen. "Natürlich darf es nicht passieren, dass Leute diese Freiheit nutzen, um zu sagen: Ich fahre jetzt SUV und blase so viel CO₂ in die Luft, wie ich will, nach mir die Sintflut. Da muss der Staat sagen: Moment, du handelst hier missbräuchlich, weil du dich zwar frei entscheidest, aber du kümmerst dich nicht um die Freiheit der anderen. Deshalb braucht es Regeln, wie etwa die Vereinbarung, dass es ab 2035 nur noch Motoren geben wird, die klimaneutral betrieben werden." Er sagt aber auch: Durch zu viele und zu strenge Regeln würde man die Unterstützung der Bürger verlieren. "Wir brauchen nachhaltige Lösungen, die die Menschen in ihrem alltäglichen Leben mitgehen können."
Wissing hat während des Treffens die Stirn in Falten gelegt, er wägt seine Worte, man hat das Gefühl, dass er die Deckung vor das Gesicht hält wie ein Boxer. Erst als das Gespräch auf die St.-Oswald-Kirche in Heuchelheim kommt, ändert sich die Haltung. Wissing strahlt und beginnt zu erzählen, von seinen Jahren als Kirchenmusiker und seinem Vater, dem pfälzischen Protestanten und Winzer. "Wie schön, dass Sie dort waren", sagt er.