Es ist nicht so, als wäre ich nicht gewarnt worden. "Was willst du denn bei den Antisemiten?", fragte mich ein Freund vor gut drei Jahren, als ich erzählte, dass ich anfangen würde, bei Amnesty International (AI) zu arbeiten. Wir liefen durch Frankfurt am Main. Seine Bemerkung, dass Amnesty antisemitisch sei, fiel so selbstverständlich, als würde er mir erklären, dass man, um von Bornheim zum Hauptbahnhof zu gelangen, am besten mit der U4 fährt.
Ich fand das absurd. Wie sollte eine Organisation, die für Menschenrechte kämpft, antisemitisch sein? Amnesty war für mich ein leuchtender Name. Er stand für das ausnahmslos Gute. Aber etwas war mir schon bei der Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch aufgefallen: Das Thema Antisemitismus kam auf der Website von AI kaum vor.
Ich fing an, für das Amnesty Journal zu arbeiten, die Zeitung der Menschenrechtsorganisation, erst als Volontärin, dann als Redakteurin. In meiner journalistischen Arbeit beschäftigte ich mich viel mit Diskriminierung. Dabei nahm ich mir vor, Antisemitismus immer wieder zu thematisieren. Ich schrieb ein Feature, ein Protokoll, ein Interview, ein Porträt. Na also, dachte ich mir.
Viele wollen antisemitische Vorfälle bei Rechten sehen
Doch die eingangs beschriebene Skepsis meines Kumpels begegnete mir immer wieder. Wenn ich bei meinen Recherchen oder im privaten Umfeld mit Jüdinnen und Juden sprach, schaute ich immer wieder in ein verdutztes Gesicht, etwa in das einer jüdischen Bekannten: "Du beschäftigst dich mit Antisemitismus und arbeitest bei Amnesty?"
Antisemitismus ist ein vertracktes Thema unter vielen Linken und anderen, die sich gegen Menschenfeindlichkeit engagieren. Nicht nur bei Amnesty. Viele sparen das Thema aus, indem sie erklären, dass sie Antisemitismus trotz seiner Besonderheiten unter Rassismus fassten und damit sowieso mitbehandelten, wenn sie sich gegen Rassismus einsetzten. Oder sie wollen antisemitische Vorfälle vor allem bei Rechten sehen. In einem bestimmten Kontext aber wollen sie es am liebsten gar nicht sehen, fast so, also könne es ihn gar nicht geben: Antisemitismus in Bezug auf Israel.
Wie vertrackt das Ganze ist, zeigte sich für mich in voller Breite, als Amnesty Anfang dieses Jahres den Bericht Israel’s Apartheid against Palestinians veröffentlichte. Als ich ihn las, fragte ich mich, ob ich wirklich am richtigen Platz war.
Der Bericht beschäftigt sich mit dem Nahostkonflikt und thematisiert Menschenrechtsverletzungen an Palästinenserinnen und Palästinensern. Das ist wichtig. Aber zu einem Konflikt, das lernt jedes Kind, gehören immer zwei. In dem Amnesty-Bericht ist das nicht so. Da gibt es die Guten, die Palästinenser, und den Bösen: Israel. Der jüdische Staat wird nicht etwa als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus auf der ganzen Welt dargestellt. Während Amnesty fordert, das Rückkehrrecht von Palästinensern anzuerkennen, fragt man sich beim Lesen des Berichts, ob Amnesty dem jüdischen Staat überhaupt eine Berechtigung zugesteht, zu existieren. "Antisemitismusvorfälle werden jetzt rasant ansteigen", schrieb mir eine jüdische Freundin als Reaktion auf den Amnesty-Bericht. Sie schlafe deswegen schlecht.
Was tut man, wenn einem klar wird, dass die Organisation, für die man arbeitet, Menschenfeindlichkeit befeuert und damit gegen die eigenen Prinzipien handelt?
Ich liebte meinen Arbeitsplatz bei dem Magazin. Und ich fand, dass Amnesty extrem wichtige Arbeit leistete. Doch seit der Veröffentlichung des Berichts schämte ich mich, dort zu arbeiten. Meine Amnesty-Tasche legte ich in die Ecke. Stattdessen packte ich meine Sachen in einen schwarzen Jutebeutel. Als Ausdruck meiner Trauer, dachte ich tollkühn.
Von den Amnesty-Sektionen außerhalb Deutschlands wurde der Israel-Apartheid-Bericht außerordentlich intensiv beworben. Noch nie hatte ich mitbekommen, dass die AI-Zentrale in London einen ihrer zahlreichen Berichte auf sozialen Medien derart feierte. Als sei er ihr Opus magnum. Wie konnte ich meine Arbeit bei Amnesty noch rechtfertigen?
Eine Möglichkeit wäre gewesen, den Antisemitismus, den ich ausmachte, kleinzureden. Immerhin leistet Amnesty ja ansonsten wichtige Arbeit, die Menschen auf der ganzen Welt nützt. Bin ich, wenn ich gehe und meine Gründe öffentlich mache, nicht eine Whistleblowerin, ja gar eine Verräterin? Und wenn ich gehe, wer rückt dann an meine Stelle?
Doch mein Entsetzen war zu groß. Schon die Idee, den Bericht kleinzureden, schien mir gefährlich. Und zwar genau weil die Organisation aufgrund ihrer sonstigen Arbeit einen so guten Ruf hat. Das Argument, dass es bei so einer renommierten Organisation wie Amnesty keinen Antisemitismus geben kann, ja, das Argument, mit dem ich früher selbst den Antisemitismus-Vorwurf gekontert hatte, zeigte mir erst die Tragweite des Problems. Wird Antisemitismus nicht gerade dann respektabel, wenn er unter den "Guten", denjenigen, die sich gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen, zutage tritt?