Auf Schildern in Cafés wird nach ihnen gesucht, am Kofferband im Flughafen, in Hotels, Gaststätten und Pflegediensten – überall fehlen Arbeitskräfte. 1,74 Millionen unbesetzte Stellen ergab eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zu Beginn des Jahres. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Messung im Jahr 1989. Zugleich zählen die Arbeitsämter 2,47 Millionen Arbeitslose. Damit kommen auf jede freie Stelle im Schnitt gut 1,4 Kandidaten, rein rechnerisch. Warum also hat Deutschland trotzdem ein Personalproblem?

Bis Juli konnten Hartz-IV-Empfänger noch bestraft werden, wenn sie einen Job verweigerten. Nun sind die Sanktionen ausgesetzt, bis sie im Rahmen des Bürgergelds neu geregelt sind. Ist das der Grund des Personalproblems? Vermutlich nicht. Zum einen gab es diese Probleme auch schon vor Juli. Zum anderen erhielten im vergangenen Jahr nur gut drei Prozent der Hilfsempfänger eine Sanktion, und das meist nicht, weil sie einen Job ablehnten, sondern weil sie Termine versäumt hatten. Das Problem liegt anderswo.

"Das ist zu kurz gedacht"

Anruf beim Jobcenter in Gelsenkirchen, der Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote deutschlandweit. Unternehmen klagen auch dort über fehlendes Personal, dabei waren 14,6 Prozent der Erwerbspersonen im Juli auf Arbeitssuche. Müsste da nicht jemand dabei sein? "Das ist zu kurz gedacht", sagt Anke Schürmann-Rupp, die das Jobcenter leitet. Nicht jeder könne gleich in Vollzeit einsteigen. Wer lange nicht gearbeitet habe, habe vielleicht die Digitalisierung verpasst. Oder es fehlten sogenannte Soft Skills. "Zuverlässigkeit, Motivation, Ausdauer", sagt Schürmann-Rupp.

Mit individuellen Coachings ließe sich das trainieren. "In der Praxis fehlt es dafür an Leuten und Kontinuität", sagt Alexander Kritikos, Ökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Selbst bei der Qualifizierung der Arbeitslosen sorgt der Fachkräftemangel für Probleme.

Kritikos zufolge kommt es aber besonders auf die Langzeitarbeitslosen an. Die meisten Arbeitslosen brauchten nur wenige Wochen oder Monate, um einen neuen Job zu finden. "Sie werden in der Statistik erfasst, zur Lösung des Personalengpasses tragen sie aber nicht bei", sagt Kritikos. Soll heißen: Diese rasch vermittelbaren Arbeitslosen helfen zwar, den üblichen Umschlag an frei werdenden Stellen zu besetzen, aber sie sind keine Reserve, um den darüber hinausgehenden Arbeitskräftemangel zu verringern. Länger als ein Jahr auf Arbeitssuche sind etwa eine Million Menschen.

Das eigentliche Problem ist der Mismatch

Und: Selbst wenn es ähnlich viele Arbeitslose und ausgeschriebene Stellen gibt, muss das noch lange nicht zusammenpassen. Arbeitsmarktforscher sprechen vom sogenannten Mismatch: Er tritt ein, wenn es etwa in Hamburg zu viele Tischler gibt, sie aber in Gelsenkirchen gesucht werden. Oder wenn ein Arbeitsuchender alleinerziehend ist und deshalb nicht die Stelle im Schichtdienst annehmen kann. Oder wenn ausgebildete Pflegekräfte fehlen, im Jobcenter aber nur Maschinenbauerinnen, Reinigungskräfte oder Bäcker vorstellig werden.

Einfacher sei es deswegen bisweilen, ungelernte Hilfskräfte zu vermitteln, schreibt die Bundesagentur für Arbeit: "Sucht ein Arbeitgeber einen Lichtbogenschweißer, kann der passende Schweißerschein beispielsweise in wenigen Tagen oder Wochen absolviert werden."

Der Mismatch ist nichts Neues: Seit mehr als 20 Jahren beschäftigen sich Arbeitsmarktforscher damit, 2010 wurde der Wirtschaftsnobelpreis für Forschung dazu verliehen. Bei den Arbeitsämtern wurde er schon Anfang der Nullerjahre zum Thema, als nach Berechnungen des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen auf eine unbesetzte Stelle gut 21 Arbeitslose kamen. Heute sind es deutlich weniger. Das macht es noch schwieriger, für eine Stelle den passenden Bewerber zu finden.

Hinter der hohen Zahl offener Stellen steckt vor allem der demografische Wandel. Weil mehr Menschen in Rente gehen, als neue Erwerbstätige nachkommen, könnten bis 2030 mehr als fünf Millionen Arbeitskräfte fehlen. Spätestens dann reichen Arbeitslose nicht einmal mehr rechnerisch aus, um die Personallücke zu schließen.