Am Montag gleicht Sanandadsch, eine Provinzhauptstadt im Westen des Iran, einer Geisterstadt. Wir erreichen einen Anwohner, 42 Jahre alt, seit vielen Jahren politisch engagiert, über einen verschlüsselten Chat. Dass er mit ausländischen Medien spricht, kann ihn ins Gefängnis bringen. Sein Name bleibt hier deshalb ungenannt.

Am Vortag sei Sanandadsch voll und laut gewesen, erzählt er. Mehr als 1000 Menschen hätten protestiert, auch Teenager und Senioren, sie hätten geschrien: "Tod dem Diktator, Tod dem Führer Chamenei!" Jetzt seien alle weg. Eine halbe Stunde ist er in seinem Kleinwagen um die Häuserblocks gefahren: alle Läden dicht, kaum eine Seele auf der Straße, dafür Polizei, "überall Polizei". Sanandadsch, Irans kurdische Metropole, ist im Generalstreik.

"Das Verbrechen an Mahsa hat uns zusammengebracht", sagt der Zeuge. Mahsa Amini, die junge Frau, ihr Foto ist inzwischen in aller Welt, starb vor einer Woche in einem Teheraner Krankenhaus, nachdem sie einige Tage im Koma gelegen hatte. Sie war von Sittenwächtern wegen ihres angeblich zu locker sitzenden Kopftuchs verhaftet worden.

Seither nehmen die Proteste kein Ende. Es sei auch an der Zeit, sagt der Mann aus Sanandadsch: "Im ganzen Land herrscht Armut. Die Preise steigen immer weiter, die Arbeitslosigkeit auch. Das treibt noch mehr Menschen auf die Straße." Kurz darauf reißt die Verbindung ab. Die Behörden haben offenbar das Internet gekappt.

Mahsa Amini wurde 22 Jahre alt. Am 13. September war sie mit ihrem Bruder in Teheran zu einem Verwandtenbesuch unterwegs gewesen. Eine Streife des Erschad, des "Ministeriums für die Wahrung der Moral und der Prävention der Unzucht", hielt sie und weitere Frauen an. Ihre Kleidung sei unziemlich. Ihr Bruder versuchte noch, sie zu schützen, die Wächter sprühten Pfefferspray, zerrten Mahsa Amini in den Wagen.

Die Verhaftung muss für Amini völlig überraschend gewesen sein: Sie war gekleidet wie immer. Sie kannte die Sittenwächter eher aus Videos, als von der Straße. Die junge Frau lebte mit ihrer Familie in der Kleinstadt Sakkes im Westen des Iran, einer überwiegend kurdischen Region, in der Erschad sich nie wirklich durchzusetzen vermochte.

Der Wagen rauschte mit Amini davon. Fahrziel: Umerziehung. Gewahrsam samt Morallektionen, das ist die gängige Strafe für Verstöße gegen die Kleidervorschriften. Drei Tage später unterrichtete die Polizei Aminis Familie, sie habe auf dem Revier einen Herzinfarkt erlitten, nach Vorerkrankungen. Der Vater bestreitet das. Seine Tochter sei gesund gewesen.

Viele Iraner vermuten, die Polizei habe Amini zu Tode geprügelt. Da sind die Aufnahmen aus dem Krankenhaus, in das die Polizei Amini gebracht hat, und die Hacker erbeutet haben wollen: Sie deuten auf ein Schädeltrauma, womöglich nach Schlägen auf den Kopf, als Todesursache. Da sind die Berichte von Augenzeugen, nach denen Amini bei ihrer Festnahme von Polizisten geschlagen wurde. Da sind all die Videos aus den vergangenen Monaten in den sozialen Medien, die die Sittenwächter bei der Arbeit zeigen: Eine Moralpolizistin, die eine junge Frau an den Haaren über den Boden schleift; eine Mutter, geklammert an einen Kastenwagen der Wächter, ruft nach ihrer Tochter, der Wagen prescht los. Und da ist bei vielen der Gedanke: Mahsa Amini, das hätte ich sein können. Meine Schwester, Mutter, Frau.

Die Behörden wollten sie im Morgengrauen beerdigen lassen, ohne Trauergemeinde, berichtete Aminis Bruder dem unabhängigen Exilmedium Radio Zamaneh, das ihren Tod zuerst öffentlich machte. Die Familie habe darauf bestanden, sie selbst zu beerdigen, am hellichten Tag.