Ziemlich verrückt ist das ja, was dieser Mann treibt. Forsch schreitet er das Mainufer entlang. Kein gemächlicher Spaziergang an diesem sonnigen Herbstnachmittag, hier hat jemand etwas vor. "Ziemlich verrückt, dieses Projekt, nicht wahr?" Jörg Bong lächelt, während wir über den Eisernen Steg eilen, hoch über dem Fluss in Richtung dieser immer etwas merkwürdig bescheiden, geradezu menschenfreundlich wirkenden Frankfurter Skyline, unter der sich irgendwo die Paulskirche verliert. Vom verrückten Projekt ist jetzt gerade mal das erste Drittel geschafft: mehr als 500 Seiten über die deutsche Revolution von 1848 mit dem Titel Die Flamme der Freiheit, zwei weitere Bände werden bis 2024 folgen, Tage der Entscheidung und Freiheit oder Tod, hochtönender geht es kaum. Fast 2000 Seiten werden es am Ende bestimmt, das Quellenmaterial lässt sich schon jetzt schwer bändigen, wie Bong seufzt. Aber was um Himmels willen hat ihn überhaupt zu dieser fernen Revolution gebracht, seit Langem bestens erforscht von den Historikern? Warum stürzt sich ausgerechnet er als Nichthistoriker tief in das 19. Jahrhundert? Ein Herbstspaziergang soll die Frage klären, die sich momentan viele in der Buchwelt stellen.

Denn eigentlich ist der ehemalige Verlagschef von S. Fischer als Autor woanders unterwegs, in der Bretagne: Dort löst Kommissar Dupin seine Fälle – unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec schreibt der 56-jährige Bong seit vielen Jahren eine enorm erfolgreiche Krimireihe, auch schon, als er noch Verleger war. Elf Bände, verlässlich jedes Jahr einer – mit sagenhaften 5 Millionen verkauften Exemplaren bislang. Jetzt also stattdessen eine gescheiterte Revolution? "Meine über Jahre wachsende Wut war der eigentliche Auslöser", sagt Bong und bleibt für einen Moment nachdrücklich auf der Brücke stehen. Und er erzählt von seinem "Lebensprojekt" seit 25 Jahren: Schon während seiner Zeit an der Frankfurter Universität in den Neunzigerjahren sei ihm als promoviertem Literaturwissenschaftler aufgefallen, wie wenig vom politischen Bewusstsein des sogenannten Vormärz im Gedächtnis der Deutschen geblieben war. Natürlich, man kannte Heine, Börne und Büchner, aber zentrale politische Ideen der Revolution von 1848 waren verblasst, manche Akteure wurden immer noch als Radikale oder Extremisten denunziert – "obwohl es lupenreine, hochreflektierte Demokraten waren, erste heroische Kämpfer für eine freiheitliche deutsche Demokratie. Die bereit waren, für diesen Kampf ihr Leben, ihre Freiheit und ihre Heimat hinzugeben!" Bong ist über diese Ignoranz immer noch wütend. Er fing an, Material zu sammeln und alles zu lesen, auch während seiner mehr als 20 umtriebigen Jahre bei S. Fischer. 2019 brachte dann ein schwerer Unfall den Moment der Neuorientierung – und er begann endlich mit seiner Revolution.

Tatsächlich ist der nun erschienene erste Band leidenschaftlich und hat, anders als bei Historikern üblich, eine klare Rollenverteilung: "Es sollte kein neutrales Buch sein, sondern eine bewusste Parteinahme." Der Band reicht zeitlich noch nicht bis zur Nationalversammlung, sondern endet mit der Niederlage der badischen Revolutionäre Ende April 1848 im Gefecht auf der Scheideck. Bongs Herz gilt den Demokraten in der 1848er-Revolution: Anders als die meisten Liberalen, mit denen sie lange zusammen agierten, zumal sie oft gemeinsame politische Wurzeln im Kampf gegen die Repressionen einten, wollten sie den kompromisslosen Bruch mit der alten Ordnung. Sie wollten die Abschaffung der Monarchien in Deutschland und einen deutschen Nationalstaat, der als Republik verfasst sei. Heute die normalste Sache der Welt – damals hingegen nicht nur von den traditionellen adligen Herrschaftseliten erbittert bekämpft, sondern auch von den meisten Liberalen, denen solch eine neue Ordnung zu radikal erschien, die stattdessen auf Kompromisse mit den Herrschern setzten und denen allenfalls eine konstitutionelle Monarchie für Deutschland vorschwebte. "Lieber keine Freiheit als keine Ordnung", zitiert er den jungen Liberalen Friedrich Daniel Bassermann.

Bongs erster Band entfaltet neben diesem Grundkonflikt das deutsche Panorama vor europäischem Hintergrund, ganz aus den Quellen geschrieben, mit großer erzählerischer Intensität, sicherem Gefühl für anschauliche, oft ganz knappe Szenen und schöne Zitate, mit literarischem Gespür für dieses historische Drama, im besten Sinne populär. Schon im Vorfeld der Revolution sind wir bei den Zehntausenden deutschen Emigranten in Paris, bei Marx, Heine und Georg Herwegh, verfolgt von Metternichs Spitzeln und in der Heimat mit Haft bedroht.

Herweghs Lesereise durch Deutschland 1842 wird zu einem Triumphzug. Überall in Europa häufen sich die Krisen, die neue "soziale Frage" explodiert immer wieder – bis dann 1848 der Sturm in Paris losbricht. Bong inszeniert die Revolution virtuos als internationale Kaskade, von Paris über Wien nach Berlin. Noch nie hat man so eindrucksvoll vorgeführt bekommen, wie Nachrichten dank der Erfindung des optischen Telegrafen nur noch wenige Tage in andere Metropolen brauchten – und dort sofort die Massen und die Herrschenden im Wortsinne bewegten. 1848 war auch eine Medienrevolution – die Auflagen der Zeitungen stiegen. Ebenso wertet Bong systematisch die Rolle der Frauen in den politischen Kämpfen auf: Emma Herwegh, Mathilde Anneke, Louise Aston werden gewürdigt. Das Personal wird mit scharfem Strich porträtiert: Die Demokraten Friedrich Hecker und Gustav Struve kommen gut weg, ihre liberalen Gegenspieler sehr schlecht, der spätere Präsident der Nationalversammlung Heinrich von Gagern bleibt bei Bong ein Finsterling.