Paula-Irene Villa Braslavsky, 54, ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München sowie Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Am Ende seines Lebens war Volkmar Sigusch sichtlich verbittert. Oder eher aufrichtig verzweifelt. Darüber, dass die kritische Sexualwissenschaft in Deutschland – deren Begründer er war – einen Weg genommen hat, den er dezidiert ablehnte. 1972 hatte er das Institut für Sexualwissenschaft an der Universität Frankfurt am Main gegründet, hat das Fach international etabliert, 51 Bücher und mehr als 850 Aufsätze veröffentlicht, zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Doch als er 2006 emeritiert wurde, wickelte die Universität sein Zentrum stante pede ab. Sämtliche Ressourcen flossen in die klinische Psychiatrie – dorthin, wo die Sexualität gemeinhin pathologisiert wird. Es musste Volkmar Sigusch wie eine Vertreibung anmuten.