Manche Videoaufnahmen können einen Ruf zerstören. So wie jene, die das russische Verteidigungsministerium auf Telegram im vergangenen Jahr verbreitete: Sie zeigen, wie der Verteidigungsminister Sergei Shoigu während der Weihnachtszeit die Waffenfabrik von Kalaschnikow in Ischewsk besucht, 1000 Kilometer östlich von Moskau. In den Aufnahmen ist zu sehen, wie Shoigu durch die Werkshallen schreitet, wie Arbeiter die berühmten AK-47-Sturmgewehre montieren, und ein kleines Detail lässt sich in dem Video ebenfalls entdecken: welche Maschinen bei der Fertigung der Waffen zum Einsatz kommen. Deutlich zu erkennen ist ein Dreh- und Fräszentrum vom Typ CTX Alpha 300, gefertigt vom deutsch-japanischen Hersteller DMG Mori.

Deutsche Maschinen für Putins Kriege – das war schon immer problematisch. Seit dem Überfall auf die Ukraine gilt das erst recht. Zumal Kalaschnikow nicht das einzige russische Rüstungsunternehmen ist, das die hochpräzisen Werkzeugmaschinen von DMG Mori einsetzt. Der Konzern mit deutschem Hauptsitz in Bielefeld belieferte in der Vergangenheit etliche Waffenhersteller in Russland. Und diese müssen offenbar bis heute nicht auf die Spezial-Produkte verzichten, obwohl deren Lieferung – auch wenn sie gebraucht sind –, unter die gegen Russland verhängten Sanktionen fallen, wenn eine militärische Verwendung naheliegt.

Das geht jedenfalls aus russischen Zolldaten hervor, die der ZEIT vorliegen. Darin sind penibel die Einfuhren von Waren aufgeführt, mit Angaben zum Hersteller, dem Herkunftsland, dem Importeur, dem Gewicht und dem Wert. Die Daten zeigen, was eigentlich nicht sein darf: dass nämlich Lieferanten der russischen Rüstungsindustrie auch nach dem Überfall auf die Ukraine noch Produkte von DMG Mori bezogen haben.

Der Fall zeigt, wie durchlässig die Strafmaßnahmen des Westens sind und wie einfach sie außer Kraft gesetzt werden können.

Dabei war man bei DMG Mori sehr darum bemüht, alles richtig zu machen. Unmittelbar nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat das Unternehmen in Russland die Arbeit eingestellt. So stellt es zumindest der Vorstandsvorsitzende Christian Thönes dar. Auf der Hauptversammlung in der Stadthalle Bielefeld am vorvergangenen Freitag sagte er laut Redemanuskript: "Frieden und Freiheit haben stets Vorrang vor Geschäftsinteressen, denn sie sind die Grundvoraussetzung für Sicherheit." Daher habe das Unternehmen schon zwei Tage nach dem Überfall auf die Ukraine "unverzüglich und ganzheitlich sämtliche Aktivitäten auf dem russischen Markt gestoppt". Dies umfasse, so Thönes, alle Lieferungen von Maschinen, Ersatzteilen, Komponenten und Services nach Russland.

DMG Mori ist der Zusammenschluss des japanischen Unternehmens Mori Seiki und des deutschen Herstellers Gildemeister. Weltweit beschäftigt der Konzern 12.000 Mitarbeiter, davon 6800 bei der deutschen DMG Mori AG. Er ist in 88 Ländern präsent und einer der weltweit führenden Hersteller von Werkzeugmaschinen. Solche Maschinen können ein Werkstück extrem präzise bearbeiten. Sie sind das Herzstück moderner industrieller Fertigung und auch in Russland gefragt. Dort lief das Geschäft für DMG Mori so gut, dass das Unternehmen noch im Jahr 2015 – ein Jahr nach der russischen Annexion der Krim-Halbinsel – das nun geschlossene Werk in Uljanowsk eröffnete, um in Russland Dreh- und Fräsmaschinen zu bauen.

Überall dort, wo Materialien wie Metall, Kunststoff oder sogar Glas exakt bearbeitet werden müssen, sind solche Maschinen im Einsatz: in der Medizintechnik, im Formenbau oder in der Halbleiterindustrie. Aber eben auch beim Bau von Raketen, Kampfjets und Gewehren.

Produkte von DMG Mori kommen daher nicht nur bei Kalaschnikow zum Einsatz, sondern bei einer ganzen Reihe von russischen Rüstungsunternehmen. So setzte etwa der Hubschrauberhersteller JSC Ulan-Ude auf die Maschinen von DMG Mori, wie Videos aus dessen Fabrik zeigen. JSC Ulan-Ude baut den Transporthubschrauber Mi-8AMTSh, den die russischen Streitkräfte im Krieg gegen die Ukraine einsetzen. Bei einem Werksbesuch im März lobte Wladimir Putin die "exzellente Firma" und prophezeite, dass der Ukraine-Feldzug mit "Sieg und Erfolg" enden werde. Seit vergangenem Jahr steht JSC Ulan-Ude auf der EU-Sanktionsliste, Geschäfte mit dem Unternehmen sind seither für Europäer verboten.