"Vielleicht werden die Pippi-Bücher irgendwann nicht mehr gelesen" – Seite 1

DIE ZEIT: Annika, Sie sind in der Familienfirma, der Astrid Lindgren Company, verantwortlich für das literarische Erbe Ihrer berühmten Großmutter. Haben Sie schon mal eins ihrer Bücher gelesen und gedacht: Das passt nicht mehr in die heutige Zeit?

Annika Lindgren: Ja, erst kürzlich ging es mir so, als ich Meisterdetektiv Kalle Blomquist las. Die insgesamt drei Romane schrieb Astrid 1946, 1951 und 1953. Natürlich hat sich die Sprache in den vergangenen 70 Jahren verändert, deshalb findet man in den Büchern viele Wörter, die man heute nicht mehr benutzt. Kinder werden die Geschichten, wie meine Großmutter sie schrieb, also nicht mehr verstehen können.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Lindgren: Es sind Ausdrücke, die uns heute altbacken erscheinen, oder veraltete Redewendungen. Zum Beispiel der schwedische Ausdruck russinskrynklare. Wörtlich übersetzt bedeutet es so etwas wie Rosinenschrumpler. So nannte man damals Menschen, die in einem Krämerladen arbeiteten. Kein Kind würde das heute noch verstehen – und auch viele Erwachsene nicht.

ZEIT: Unverständliche Bücher werden schwerlich Käufer finden. Was tun Sie in einem solchen Fall?

Lindgren: Wir ändern, aber dafür nehmen wir uns viel Zeit und gehen möglichst behutsam vor. Unsere oberste Regel ist, dass wir Astrids Werk mit größtem Respekt begegnen und niemals den Kern einer Geschichte antasten.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Lindgren: In diesem Fall habe ich zunächst für mich allein mit dem Text gearbeitet. Ich habe ausprobiert, wie es ihn verändert, wenn ich Wörter streiche oder durch moderne ersetze. Als ich das Gefühl hatte, meine Eingriffe funktionieren, bin ich damit zu meiner Tante, Astrids Tochter Karin, gegangen. Sie ist so etwas wie die Schutzpatronin unserer Familienfirma. Karin und Astrid standen sich sehr nahe, niemand weiß so gut wie Karin, was Astrid gewollt hat – und was nicht.

ZEIT: Wie hat sie auf Ihre Vorschläge reagiert?

Lindgren: In diesem Fall gut, ich habe gemeinsam mit Karin weiter an der Modernisierung gearbeitet. Im vergangenen Herbst sind die Kalle Blomquist-Bücher mit den Änderungen hier in Schweden erschienen.

ZEIT: Wie stehen Sie zu dem Argument, dass Texte Dokumente ihrer Zeit sind und nicht verändert werden sollten?

Lindgren: Das ist mir gut bekannt, denn so hat auch Karin sehr lange argumentiert. Sie war über Jahre strikt dagegen, dass an Astrids Büchern irgendetwas geändert wird. Sie weiß, wie intensiv ihre Mutter an ihren Texten gearbeitet hat, wie viel sie immer wieder umschrieb, neu formulierte, nach genau dem richtigen Wort suchte. Karin fand nicht, dass es uns oder überhaupt jemandem zustehe, da einzugreifen. Und sie argumentierte, dass Astrid sich zu Lebzeiten sehr gewehrt hat, wenn jemand ihre Texte veränderte.

ZEIT: Was kaum möglich war. Ihre Bücher erscheinen bis heute bei Rabén & Sjögren, dem Verlag, in dem Astrid Lindgren selbst Kinderbuchchefin war. Ihre Großmutter lektorierte sich selbst und soll niemanden an ihre Manuskripte gelassen haben.

Lindgren: Aber bei Übersetzungen machte sie andere Erfahrungen, da wurde teilweise stark verändert. Astrid legte großen Wert auf eine möglichst einfache und wirklich kindgerechte Sprache. Doch immer wieder wurde genau die in Übersetzungen verfälscht. Im Deutschen sprachen Kinder plötzlich nicht wie Kinder, sondern wie Erwachsene. Astrid, die sehr gut Deutsch konnte, ließ das ändern.

"Astrid hätte niemals etwas geschrieben, was ein Kind verletzen würde"

ZEIT: Es ist das eine, Wörter zu streichen oder zu verändern, weil sie veraltet sind. Das andere sind Änderungen aus politisch-moralischen Gründen. Kürzlich gab es eine große Debatte um zahlreiche Anpassungen, die im Werk Roald Dahls vorgenommen wurden. Personen durften nicht mehr "fett" sein, Kassiererinnen wurden zu Businessfrauen. Wie halten Sie von solchen Eingriffen?

Lindgren: Ich finde, man ist mit der Vielzahl der Änderungen bei Dahl zu weit gegangen. Aber grundsätzlich finde ich es richtig, dass man Texte anpasst, wenn darin etwas Verletzendes steckt. Wir haben es ja selbst getan, als wir das N-Wort aus Pippi genommen haben.

ZEIT: In Deutschland gab es vor zehn Jahren eine ziemliche Debatte darüber, dass Pippis Vater nun als "Südseekönig" über die Meere segelt. Geändert wurde das Wort in den deutschen Büchern bereits 2009. Wann begannen Sie in der Familie die N-Wort-Frage zu diskutieren?

Lindgren: Ich kann Ihnen nicht genau sagen, wann das Thema bei uns aufkam. In den 2000er-Jahren war das N-Wort überall in der Diskussion, und auch uns wurde bewusst, dass es problematisch ist. Aber wir haben mehrere Jahre darüber diskutiert, denn Karin und auch einige andere in der Familie waren anfangs gegen eine Änderung. Sie sagten, als Astrid den Text schrieb, sei der Gebrauch des N-Worts üblich gewesen und nicht rassistisch. Am Ende überzeugte sie das Argument, dass das N-Wort für Kinder heute aber diskriminierend ist. Astrid hätte niemals etwas geschrieben, was ein Kind verletzen würde – das weiß Karin. Und so stimmte sie der Änderung schließlich zu. Seit 2015 gibt es kein N-Wort mehr in den schwedischen Pippi-Büchern.

ZEIT: Sechs Jahre später als in Deutschland?

Lindgren: In Großbritannien wurde es sogar noch früher geändert, deshalb haben wir auch dem Wunsch des deutschen Verlags zugestimmt. In Übersetzungen ist es allerdings einfacher, solche Anpassungen vorzunehmen. Bei den Originalen, den Herzstücken, haben wir eben mehrere Jahre diskutiert. Dafür haben wir es dann aber nicht stillschweigend neu gedruckt, wie bei Roald Dahl, sondern die Änderungen öffentlich gemacht und erklärt. Und natürlich kann man die alten Bücher immer noch einsehen, etwa in Bibliotheken zu wissenschaftlichen Zwecken.

ZEIT: Der Südseekönig ist das bekannteste Beispiel, das N-Wort taucht aber auch in anderen Lindgren-Geschichten auf. "Lotta spielt Negersklave" war früher ein Kapitel in den Kindern aus der Krachmacherstraße. 2015 wurde das N-Wort in der deutschen Ausgabe entfernt, 2020 schließlich das gesamte Kapitel. In einer Bullerbü-Geschichte gab es eine Passage, in der Lasse ein Blatt Papier schwarz anmalt und erklärt: "Das sind fünf schwarze Neger in einer dunklen Kammer." Noch 2008 ist dieser Witz in Deutschland erschienen, versehen mit einer Fußnote, dass man heute "Schwarze" sagen würde. Inzwischen sitzen fünf schwarze Katzen in einer dunklen Kammer.

Lindgren: Der Witz wurde in der deutschen Ausgabe verändert? Das wusste ich nicht – und finde es auch nicht richtig. Wir haben inzwischen sowohl den Witz in Bullerbü als auch das gesamte Lotta-Kapitel aus den schwedischen Büchern entfernt. Genauso ist es mit der Geschichte Unterm Kirschbaum aus der Geschichtensammlung Sammelaugust, in der es um "Zigeuner" geht. Die wird heute nicht mehr gedruckt.

ZEIT: Warum entfernen Sie lieber, statt zu verändern?

Lindgren: Unser Ziel ist immer, so wenig wie möglich am Original zu verändern und Astrids Sprache zu erhalten. Deshalb streichen wir lieber ein Wort, eine Passage oder ganze Kapitel.

ZEIT: Die Änderungen wurden alle zu unterschiedlichen Zeiten vorgenommen: Pippis Papa war schon lange Südseekönig, während Lotta weiterhin mit einer Fußnote versehen "Negersklave" war. Haben Sie in Erwägung gezogen, Lindgrens gesamtes Werk von sogenannten Sensitivity-Readern prüfen zu lassen?

Lindgren: Ich habe noch nie von Sensitivity-Readern gehört ...

ZEIT: Das sind Menschen, die Texte auf verletzende oder diskriminierende Darstellungen und Ausdrucksweisen hin lesen. In Deutschland ist es in der Jugendliteratur inzwischen recht üblich, Bücher auf diese Art vor Erscheinen prüfen zu lassen.

Lindgren:(lacht) Ich bin ein wenig schockiert, dass es so etwas gibt. In Schweden ist das meines Wissens nicht üblich. Und nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jemanden beauftragen, Astrids Werk auf diese Weise zu prüfen.

"Vielleicht hatte sie da einen blinden Fleck"

ZEIT: Sensitivity-Reader würden vermutlich auch Pippis Quatschgeschichten kritisieren, wenn sie erzählt, dass in Ägypten die Menschen rückwärts gehen und in Hinterindien auf den Händen; dass im Kongo gelogen wird und Chinesen übergroße Ohren haben.

Lindgren: Aber entscheidend in dieser Passage ist doch: Pippi meint das nicht ernst! Das wird ja ganz deutlich. Und was man auch nicht vergessen darf: In den Vierzigerjahren kannten die meisten Menschen kaum etwas von der großen, weiten Welt, man unternahm in den Ferien keine Fernreise. Die meisten Schweden hatten nie einen afrikanischen oder einen asiatischen Menschen gesehen. Geschichten wie die von Pippi spielen auch mit der Faszination für die Fremde und das Exotische. Aber ja, ich sehe, dass man es heute problematisch finden kann.

ZEIT: Gibt es Menschen, die sich bei Ihnen beschweren?

Lindgren: Solche Briefe landen beim Verlag Rabén & Sjögren, nicht auf meinem Schreibtisch. Soweit ich weiß, gibt es solche Beschwerden manchmal, aber nicht sehr häufig.

ZEIT: Die afroamerikanische Autorin Jacqueline Woodson, die 2018 mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis ausgezeichnet wurde, sagte mir damals, dass sie Pippi nie gemocht habe – und daran habe auch die Streichung des N-Worts nichts geändert. Für Woodson war nicht das Wort verletzend, sondern die Haltung dahinter rassistisch: dass ein weißer Piratenpapa als König über schwarze Menschen herrscht, er als Weißer den Schwarzen also von Natur aus überlegen ist. Können Sie das verstehen?

Lindgren: Ja, das kann ich. Und dieser Vorwurf trifft natürlich besonders den zweiten und den dritten Pippi-Band. Ich möchte aber auch erwähnen, dass Pippi selbst dagegen rebelliert. Als sie in Taka-Tuka-Land eintrifft und die Menschen dort vor ihr auf die Knie fallen, wirft sie sich auch auf den Boden, weil sie denkt, es sei ein Spiel. Astrid schrieb sogar den Satz "Aus irgendeinem unbegreiflichen Grund bildeten sie sich ein, dass weiße Haut viel feiner sei als schwarze, und deshalb waren sie voller Ehrfurcht". Aber das ändert nichts daran, dass sich Menschen wie Jacqueline Woodson heute von der Geschichte verletzt fühlen. Und das können wir nicht ändern oder korrigieren, indem wir ein Wort streichen. Wer weiß, vielleicht werden die Pippi-Bücher irgendwann nicht mehr gelesen.

ZEIT: Sie haben gesagt, dass die Welt in den Vierziger- und Fünfzigerjahren viel kleiner war, die Menschen reisten nicht. Ihre Großmutter aber sehr wohl. Sie hatte die Südstaaten der USA besucht und auf eigenen Wunsch auch ein schwarzes Armenviertel in New Orleans. In dem Roman Kati in Amerika, der 1950 in Schweden erschien, lässt sie ihre Romanheldin denken: "Ich ging und ging und murmelte heftige Flüche vor mich. Heftige Verfluchungen meiner eigenen Rasse." Sie hatte Rassismus erkannt und verurteilt – und schrieb dann trotzdem Witze wie den über die fünf schwarzen Jungen in einer Kammer. Wie erklären Sie sich das?

Lindgren: Ich kann Ihnen nicht sagen, was meine Großmutter sich dabei gedacht hat. Vielleicht hatte sie da einen blinden Fleck, aber auch das kann ich nicht wissen. Und wir können sie heute nicht mehr fragen. Was ich aber weiß, ist, dass Astrid niemals rassistisch gedacht hat. Im Gegenteil, sie hat es verachtet, wenn Menschen Macht über andere missbraucht haben. Und sie hat sich immer bemüht, allen den gleichen Respekt entgegenzubringen – egal ob jemand ein Kind war, ein Taxifahrer oder eine Königin.

ZEIT: Sie haben bereits ganze Kapitel getilgt, können Sie sich vorstellen, ganze Bücher nicht mehr zu drucken?

Lindgren: Bisher nicht, aber niemand weiß, was die Zukunft bringt und wie die nächsten Generationen auf die Texte blicken. Vielleicht wird der Tag kommen, an dem wir den zweiten und dritten Band von Pippi Langstrumpf nicht mehr drucken. Aber so weit sind wir heute noch nicht.

ZEIT: Glauben Sie, es macht einen Unterschied, ob ein literarisches Werk von den Nachkommen geschützt wird wie bei Ihnen oder von einer externen Firma wie bei Roald Dahl?

Lindgren: Schwer zu sagen. Für uns ist es natürlich von Bedeutung, dass wir alle sehr eng mit Astrid verbunden sind. Sie war unsere Oma, Karins Mama. Wir haben alle unsere persönlichen Erinnerungen an sie, und wir fühlen uns verpflichtet, ihr Erbe in ihrem Sinne zu schützen. Wir würden die Rechte nie in fremde Hände geben oder verkaufen. Aber es ist für uns auch nicht einfach, in Astrids Namen Entscheidungen zu treffen, etwa wenn es um neue Medien geht. Astrid war sehr gut darin, ihre Geschichten über Rundfunk, Film und Theater zu verbreiten. Wir versuchen, ihrem Beispiel zu folgen und auf den Plattformen zu sein, wo Kinder heute unterwegs sind. Hätte Astrid das gewollt? Das können auch wir nie sicher wissen. Umso wichtiger ist es für uns, zumindest das Gefühl zu haben, das Richtige zu tun.

Von ZEIT-Redakteurin Katrin Hörnlein ist jüngst ein Buch erschienen, für das sie Nachfahren und Wegbegleiter Lindgrens traf: "Eine wie sie fehlt in dieser Zeit"; Oetinger Verlag 2023; 272 S., 22,– €