DIE ZEIT: Sie nennen sich selbst in Ihrem neuen Buch eine Linke und sagen als Philosophin "ich". Ist so ein Bekenntnis sinnvoll, wenn Sie doch generell herausfinden wollen, was die Begriffe "links" und "woke" eigentlich heißen?
Susan Neiman: Ich wollte vor allem für mich selbst klären, was heutzutage links ist. Denn viele meiner über die Welt verstreuten Freunde, die sich immer als links verstanden haben, sagten in der letzten Zeit, sie seien es nicht mehr, weil links jetzt mit woke gleichgesetzt wird. Bis auf kleine Minderheiten bezeichnen sich wenige noch als Linke, wie es ein Albert Einstein selbstverständlich getan hat und wie ich es tue. Dafür hat sich im öffentlichen Diskurs der Ausdruck woke breitgemacht, auch wenn kaum jemand sich selbst so bezeichnet.