Bei Redaktionsschluss war nicht klar, wann sie bei ihrem Hungerstreik die Kraft verlassen würde: Mama Rubiales, bürgerlich Ángeles Béjar, die Mutter des brutalen Spanische-Fußballerin-auf-den-Mund-Küssers – ihr soll hier ein Denkmal errichtet werden: So irdisch mickrig das Gestrampel des Funktionärs Luis Rubiales um Gehalt und Posten zuletzt aussah, die Tat der Mutter – zum Äußersten bereit, um die Ehre ihres Sohnes wiederherzustellen – strahlt hell wie ein barockes Kirchendeckengemälde.

Der Typus der hysterischen, sich vor ihren Sohn werfenden Mutter, er stammt natürlich aus dem romanisch-südlichen Kulturraum – er berührt uns auch deshalb, weil er das Gegenteil der nordischen, am Prenzlauer Berg beheimateten Propeller-Mutter darstellt: Die packt maximal gesunde Pausenbrote, aber das Seelenheil ihres Kindes ist ihr egal. Mama Rubiales inszeniert ihren Hungerstreik auch deshalb in einer Kirche, der Iglesia de la Divina Pastora im südspanischen Motril, weil sie dort der anderen Übermutter, der Mutter Gottes, nahe ist.

Ein Rundgang durch die Galerie starker Mütter in der populären Kultur: Uns fallen Mamma Lucia in der Verismo-Oper Cavalleria Rusticana ein; die Mutter des Regisseurs Martin Scorsese (unsterblich als Joe Pescis Mama in GoodFellas), Brigitte Meese, die Mutter des deutschen Teutonen-Künstlers Jonathan Meese, vielleicht noch Uschi Glas, die Mutter des unglücklichen Ben Tewaag (Alkohol, Prügeleien, Gefängnis). Letzter Akt der Tragödie: Mama und Sohn Rubiales sollten in der Kirche, natürlich unter dem Beisein des spanischen Senders RTVE, die Muttergottes um Vergebung bitten.