Ich liebe mein Land, aber ohne rosarote Brille. Die Ukraine ist korrupt, und von dieser Korruption profitieren alle, die mitmachen. Flucht existiert auf dem Papier nicht, sie ist ein Tabu. Die Männer, die Angst um ihre Sicherheit hatten und denen die Flucht gelungen ist, schweigen. Wie sie es geschafft haben, werden sie vielleicht erzählen, wenn der Krieg vorbei ist und ihnen keine Strafen mehr drohen.
Auch die Verantwortlichen, die ihnen geholfen haben, möchten nichts verraten – nicht die Grenzbeamten und nicht die Ärzte, die gefälschte Atteste über Wehruntauglichkeit ausstellten. Viele Männer sind über das staatlich eingerichtete System Shlyah ("Weg") ausgereist, das eigentlich für Hilfsgüter gedacht ist. Sie bekamen eine Ausreisegenehmigung als Busfahrer oder Freiwillige, die 30 Tage lang gültig war, sind aber nie wieder zurückgekommen. Stattdessen sind sie nach Europa verschwunden. Von meinen Freunden konnten etwa zwanzig ausreisen, über Polen, Moldawien, Rumänien oder Transnistrien. Aber niemand wird etwas darüber erzählen.