"Diesen Ost-West-Fokus finde ich falsch" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Zingler, Sie sind seit fast 20 Jahren Präsident von Union Berlin. In Ihrer ersten Saison stiegen Sie in die vierte Liga ab. In dieser Saison spielt Ihr Verein erstmals in der Champions League. Zum Auftakt trafen Sie gleich auf Real Madrid. Denken Sie manchmal, Sie träumen?

Dirk Zingler: Überhaupt nicht. Ich wache nicht auf und muss mich kneifen. Denn ich weiß genau, wie viel Arbeit hinter dieser Entwicklung steckt. Wir sind stolz darauf. Die Reise nach Madrid war für den gesamten Verein ein Höhepunkt, auch wenn uns ein Punktgewinn denkbar knapp verwehrt geblieben ist.

ZEIT: Früher, als Union noch in der Zweiten Bundesliga spielte, haben die Fans gesungen: "Scheiße, wir steigen auf!" Haben Sie schon einmal ein "Scheiße, wir spielen Champions League" gehört?

Zingler: Ja, einige Fans haben das letzte Saison mal gesungen. Das drückt jedoch nicht die Identität des Clubs aus. Wir wollten schon immer jedes Spiel gewinnen. Dieses "Scheiße, wir steigen auf" war ironisch gemeint, ein bisschen augenzwinkernd.

ZEIT: Steckt dahinter nicht auch die Sorge, dass Erfolg und Geld genau das gefährden könnten, was Union ausmacht? Nämlich das Gemeinschaftsgefühl, das Underdog-Image?

Zingler: Nein, das steckt nicht dahinter.

ZEIT: Sie haben diese Sorge nicht?

Zingler: Warum sollte ich die haben? Es wird ja gerne die Geschichte erzählt, unser Verein sei ein Beweis dafür, dass es im Fußball auf mehr ankommt als sportlichen Erfolg. Das stimmt aber nur zum Teil. Union macht natürlich auch aus, dass wir nach Erfolg und Professionalität streben. Schon zu DDR-Zeiten haben wir immer versucht, Teil der höchsten Liga zu sein. Alles in diesem Club ist darauf ausgerichtet, so höchstklassig und erfolgreich wie möglich Fußball zu spielen. Darum geht es im Fußball, und das ist auch Teil unserer Identität.

ZEIT: Auch wenn es zuletzt in der Liga nicht so gut lief: Wie erklären Sie sich den Erfolg der vergangenen Jahre?

Zingler: Erfolgreich bist du nicht nur dann, wenn du fleißig bist. Du musst auch Menschen um dich versammeln, die Lust auf das haben, was sie tun. Wir sind da das beste Beispiel. Wir haben weniger Geld als viele der Clubs, die wir letzte Saison hinter uns gelassen haben. Wenn du Spaß hast, wenn du hoch motiviert bist, wenn du eine gute Atmosphäre hast – dann ist Erfolg möglich. Das ist das Entscheidende. Und bei uns ist das alles authentisch. Deshalb achten wir auch darauf, dass die Spieler, die wir neu unter Vertrag nehmen, hier gerne arbeiten möchten. Leonardo Bonucci zum Beispiel, das haben wir gespürt, wollte unbedingt zu uns.

ZEIT: Bonucci kam kürzlich von Juventus Turin zu Union Berlin. Hat er Ihnen erzählt, warum?

Zingler: Na, weil wir ein geiler Club sind. (lacht)

ZEIT: So einfach ist das? Das allein überzeugt einen italienischen Europameister, zu Union zu kommen?

Zingler: Er hätte überall hingehen können, und er hätte woanders sicherlich mehr verdient. Aber bei uns hat er etwas gesehen, das glaubwürdig ist.

ZEIT: Union wird gelegentlich als "St. Pauli des Ostens" beschrieben.

Zingler: Dieser Vergleich ist falsch. Wir sind ein Verein, der Fußball ganz stark als verbindendes Element sieht. Bei uns im Stadion sollen die gesellschaftlichen Konflikte nicht im Mittelpunkt stehen, die Menschen können sich in ihrer Unterschiedlichkeit begegnen. Fußball ist aus meiner Sicht etwas Verbindendes. Das würde ich gerne beibehalten. Weil der Sport Brücken schlagen kann und nicht trennen sollte.

ZEIT: Ist es zu politisch, wenn man sich gegen Rechtsextremismus positioniert?

Zingler: Natürlich nicht, es ist wichtig, das zu tun. Rechtsextremismus muss bekämpft werden. Union steht aber nicht für eine bestimmte politische Richtung. Wir sind humanistischen Grundwerten verpflichtet. Bei uns kommen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammen. Und wenn hier dann zwei Menschen nebeneinanderstehen, die sonst im Leben eher wenig verbindet, die aber gemeinsam den gleichen Club anfeuern, dann ist das etwas Richtiges. Und vielleicht ist das die einzige Bedingung: An der Alten Försterei wird gestanden, hier wird gesungen und mitgemacht. Was uns trennt, lassen wir für die Zeit des Spiels draußen. Das macht diesen Verein aus, und deshalb ist das Stadion auch ganz wichtig für unsere Identität.

"Wir haben immer gesagt, dass wir Fußball für Menschen spielen"

ZEIT: Umso brisanter, dass Sie die Champions-League-Duelle nun nicht in der Alten Försterei austragen, sondern im Olympiastadion im Westen der Stadt. Dort, wo Ihr Stadtrivale Hertha BSC, der mit viel Geld hoch hinauswollte, inzwischen in der Zweiten Liga antritt. Ist das die Rache des Ostens?

Zingler: So denkt niemand in Köpenick. Ausschlaggebend ist etwas anderes. Wir haben immer gesagt, dass wir Fußball für Menschen spielen. Klar, wir lieben die Alte Försterei, und ja, wer unseren Verein verstehen will, der muss ein Heimspiel besuchen. Aber es sind die Menschen, die diesen Ort zu dem machen, was er ist. Und weil wir so vielen wie möglich die besondere, vielleicht einmalige Gelegenheit bieten wollten, Union in der Champions League zu sehen, haben wir uns dazu durchgerungen, ins deutlich größere Olympiastadion zu gehen. Diese Entscheidung ist richtig, trotzdem sind wir traurig, nicht An der Alten Försterei zu spielen.

ZEIT: Wenn wir schon über Gefühle sprechen: Empfinden Sie auch ein klein wenig Genugtuung?

Zingler: Nein. Und selbst wenn, dann wäre das niemals ein Grund für den Umzug gewesen. Genugtuung verspürt man nur für einen winzigen Augenblick – dem lohnt es sich nicht nachzugeben. Aber sollte ich diesen kurzen Moment tatsächlich haben, dann ist es auch okay.

ZEIT: Union ist der erste Club mit DDR-Geschichte, der es in die Champions League geschafft hat. Bedeutet Ihnen das etwas?

Zingler: Ja. Weil wir seit Jahren viel Zuspruch aus den neuen Bundesländern bekommen. Von Menschen, die selbst ein bisschen stolz sind, obwohl sie nicht aus Berlin-Köpenick kommen.

ZEIT: Sie sagten einmal: "Von uns kann man lernen, denn durch die Erfahrungen, die wir mit den Brüchen in unserem Leben und in Deutschland gemacht haben, sind wir all jenen voraus, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben." Dann endet das Zitat leider. Was bedeutet das?

Zingler: Wenn sich für einen Menschen vieles in seiner Umgebung verändert, dann erzeugt das erst mal Ängste. Man muss sich neu positionieren, neu finden. Das haben wir im Osten schon einmal erlebt, und jetzt erfährt das unsere Gesellschaft wieder: Deutschland verändert sich, Europa, ja die ganze Welt verändert sich, wir bewegen uns auf neue Brüche zu. Und wir, die in der DDR sozialisiert worden sind, begegnen dem mit weniger Entrüstung. Wir sagen: Lasst uns die neuen Bedingungen annehmen und weitermachen! Ich bin davon überzeugt, dass wir mit Veränderungen besser umgehen können.

ZEIT: Es gibt viele Leute, gerade im Osten, die sagen: Jetzt reicht es mal mit den Veränderungen.

Zingler: Ich bin kein Historiker oder Philosoph. Ich bin ein Unternehmer, und zwar ein pragmatischer. Diese Eigenschaft macht auch Union als Club aus. Aber ich finde es eigentlich falsch, ständig über Unterschiede zwischen Ost und West zu reden.

ZEIT: Das heißt, unsere nächste Frage, was der Osten von Union lernen kann, halten Sie für Quatsch?

Zingler: Was ist denn der Osten? Rostock und Aue? Köpenick und Halberstadt? Diese Fragen helfen uns nicht weiter. Ich muss Ihnen etwas sagen.

ZEIT: Bitte!

Zingler: Ich finde bezeichnend, dass Ihre Zeitung eine Ost-Ausgabe hat.

ZEIT: Wieso?

Zingler: Dass eine westdeutsche Zeitung extra ein Büro in Leipzig hat, um über den Osten zu berichten, exotisiert diesen Landesteil in meinen Augen.

ZEIT: Warum denn exotisieren? Wir berichten über diese Region. Und zwar in allen Ressorts der ZEIT und zusätzlich, für alle Leser in Ostdeutschland, in der ZEIT im Osten.

Zingler: Ich frage mich ganz generell, warum diese Unterscheidung zwischen Ost und West überhaupt noch gemacht wird.

"Diesen Ost-West-Fokus finde ich falsch"

ZEIT: Über Unterschiede zwischen Ost und West wird berichtet, weil es noch immer viele gibt.

Zingler: Es gibt aber auch deutliche Unterschiede zwischen Nord und Süd.

ZEIT: Die Menschen in Ostdeutschland verdienen durchschnittlich 13.000 Euro weniger im Jahr als in Westdeutschland.

Zingler: Und ich bin mir sicher, in Gelsenkirchen verdient man weniger als in München! Diesen Ost-West-Fokus finde ich wie gesagt falsch. Genauso wie die Tatsache, dass es einen Ostbeauftragten in der Bundesregierung gibt.

ZEIT: Was stört Sie an dem?

Zingler: Gibt es denn einen Südbeauftragten oder Westbeauftragten? Wozu ist er da? Dieser Posten diskriminiert 33 Jahre nach der Wiedervereinigung mehr, als er den Menschen vor Ort wirklich hilft.

ZEIT: Die Bundesregierung sagt, sinngemäß, es brauche wen, der die Interessen des Ostens durchsetzt, eine politische Stimme für diese Region ist.

Zingler: Dann setze ich mich jetzt dafür ein, dass die neuen Bundesländer einen Westbeauftragten ernennen. Der achtet darauf, was im Westen passiert, und ist die Stimme des Westens im Osten. Wirklich: Ich finde das absurd. Wir bei Union befassen uns mit diesen Themen nicht. Wir akzeptieren die Geschichte und richten den Blick nach vorne.

ZEIT: Nervt es Sie auch, wie im bundesweiten Diskurs über Ostdeutschland gesprochen wird?

Zingler: Nein. Dieser Diskurs findet in meiner Wahrnehmung vor allem zwischen Medien untereinander beziehungsweise zwischen Medien und Politik statt. Er ist für unser wirkliches Leben nicht sehr relevant. Diese Wahrnehmung verstärkt sich, wenn bei schwierigen Themen die Positionen zwischen Journalisten und Politik kaum noch zu unterscheiden sind.

ZEIT: Was genau meinen Sie damit?

Zingler: Das war bei der Schuldenkrise in Griechenland so. Unter Corona ging es weiter. Und jetzt ist es schon wieder so. Das finde ich bedauerlich. Die Menschen, die in der DDR groß geworden sind, haben ein sehr feines Gespür für fehlende Meinungsvielfalt, weil sie diese wirklich erlebt haben. Wir haben erfahren, wie sich vorauseilender Gehorsam insbesondere in den Eliten einer Gesellschaft schleichend entwickelt. Und viele befürchten, dass sich dieser Prozess gerade wiederholt.

ZEIT: In der DDR war der Journalismus staatlich gesteuert. Dass das auch heute so sein soll, behaupten sogenannte Querdenker. Wir hoffen, Sie verstehen unsere Deutlichkeit: Das ist in Deutschland definitiv nicht der Fall. Kein seriöses Medium verdrängt unterschiedliche Meinungen.

Zingler: Ich spreche auch nicht von staatlicher Steuerung. Sehen Sie, ein gutes Beispiel ist die Berichterstattung während Corona. Am Anfang stand – vollkommen verständlich – der Schutz vor Infektionen über allem. Niemand wollte Maßnahmen infrage stellen, es fühlte sich falsch an, wenn man das tat. Vielmehr wollte man den Staat bei seinen Maßnahmen unterstützen. Daraus entwickelte sich allmählich eine Situation, in der kaum noch jemand die Handlungen des Staates hinterfragt hat. Und wer es getan hat, wurde nahezu geächtet. Aber gerade in Krisen und bei besonders schwierigen Themen brauchen wir unterschiedliche Meinungsbilder im Journalismus und Raum für einen respektvollen gesellschaftlichen Diskurs, in dem um möglichst gute Lösungen gerungen wird. Der Umgang mit den Menschen, die in dieser Zeit keine Mehrheitsmeinungen vertraten, ist für mich immer noch ein journalistischer und politischer Tiefpunkt in unserem Land.

ZEIT: Welche Haltung vermissen Sie konkret?

Zingler: Wieso Haltung? Ich denke, es geht im Journalismus um Objektivität, auch um die Suche nach Wahrheit. Viel zu oft finden Positionen ihre Experten und Quellen und nicht andersrum. Und wenn Wahrheiten sich mit der Position des Gegners decken, werden sie auch gerne mal weggelassen. Man will ja nicht deren Narrativ bedienen. Ich persönlich lese die Welt und die Berliner Zeitung. Da gibt es erfreulicherweise oft gut aufbereitete unterschiedliche Positionen. Die sollte man darstellen, wenn es schwer ist mit der einen Wahrheit. Ich möchte mir meine Meinung nämlich selbst bilden.

ZEIT: Herr Zingler, wir sind vom Fußball abgekommen. Vielleicht noch eine Frage: Wenn Sie am Dienstag, dem Tag der Deutschen Einheit, im Olympiastadion stehen und die Hymne der Champions League hören – woran werden Sie denken?

Zingler: Ich schaue Fußball immer mit meiner Familie und meinen Freunden. Um mich herum werden also Leute sein, mit denen ich seit den Siebzigern zu Union gehe. Sie waren mit mir schon bei Stahl Riesa oder beim SV Falkensee-Finkenkrug, sie haben Beton gegossen An der Alten Försterei, für ihren Club demonstriert oder einfach schöne, zum Teil wilde Zeiten erlebt. Wir werden uns dann anschauen, und wir werden alle genau wissen, was für ein historischer Moment das für uns ist. Ich freu mich schon.