Während der Pandemie haben viele nahezu täglich seine Einordnungen gehört, mittlerweile äußert sich Christian Drosten kaum noch öffentlich zu Sars-CoV-2. Zum Interview im Institut für Virologie der Charité erscheint er entspannt, trinkt koffeinfreien Kaffee. Nach dem Gespräch schickt er per Mail Belege für seine Aussagen. Wie er die Corona-Lage einschätzt, warum er sich nie einer öffentlichen Debatte mit Hendrik Streeck gestellt hat – und ob er sich nochmal impfen lässt
DIE ZEIT: Herr Drosten, gerade wurde die mRNA-Forschung, die zur Entwicklung von Corona-Impfstoffen führte, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Nachricht gehört haben?
Christian Drosten: Die Entscheidung kommt zum richtigen Zeitpunkt. Die Technologie hat durch die Zulassung bei Covid-19 ihre Bedeutung unter Beweis gestellt und hat noch großes Potenzial in anderen Bereichen.
ZEIT: Hätte die Pandemie ohne die mRNA-Impfstoffe genauso gut bekämpft werden können?
Drosten: In vielen Teilen der Erde wurden fast nur Impfstoffe verwendet, bei denen mRNA keine Rolle spielte. Das waren Vektorimpfstoffe und inaktivierte Vollvirusimpfstoffe. Auch die waren wirksam und sicher. Aber gerade in den meisten Industrieländern, wo das Bevölkerungsalter besonders hoch ist, hat die mRNA-Technologie die Wartezeit bis zur Impfung erheblich verkürzt.
ZEIT: Ein schnell entwickelter, ganz neuer Impfstoff war aber auch vielen Menschen nicht geheuer. Meinen Sie, durch den Nobelpreis wird sich an der Skepsis etwas ändern?
Drosten: Das Argument von der angeblich hastig entwickelten neuen Methode ist nicht zu Ende gedacht. Die Zulassungsstudien waren sehr gründlich. Aber Desinformation findet anscheinend immer einen Weg. Die Bedeutung dieses Problems kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Alle Institutionen der Gesellschaft müssen dagegen ankämpfen. Insofern schätze ich die Entscheidung des Nobelpreiskomitees ganz besonders.
ZEIT: Lassen Sie sich im Herbst mit dem angepassten Booster impfen?
Drosten: Ich bin gesund, und für meine Altersgruppe besteht keine Stiko-Empfehlung zur Impfung, daher nein.
ZEIT: Haben Sie Angst vor Nebenwirkungen?
Drosten: Nein. Ich kenne die Nebenwirkungen gut, sie bewegen sich im Bereich anderer Impfstoffe.
ZEIT: Testen Sie sich bei Symptomen?
Drosten: Ja, ich würde immer wissen wollen, womit ich infiziert bin, wo doch die Tests verfügbar sind. Aber es müssen keine Tests mehr für die Allgemeinbevölkerung bezahlt oder verpflichtend auferlegt werden. Da stimmt das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht mehr.
ZEIT: Im Bus und in der U-Bahn sieht man wieder häufiger Menschen, die Maske tragen. Werden Sie im Winter wieder eine aufsetzen?
Drosten: Ich bin dreimal geimpft und habe mich zweimal infiziert. Und ich bin nicht in dem Alter, in dem ich schon an ein erhöhtes Risiko denken müsste. Zum Selbstschutz würde ich keine Maske mehr tragen. Falls noch mal eine Maskenpflicht käme, was ich nicht erwarte, wäre ich natürlich dabei.
ZEIT: Worauf genau müssen wir uns im Herbst und Winter einstellen?
Drosten: Diese Prognosen werden immer schwieriger: Wir haben mittlerweile ein sehr vielfältiges Virus und eine ebenso vielfältige Immunität. Bei etlichen Menschen dürfte der letzte Kontakt mit dem Virus im vergangenen Winter oder früher stattgefunden haben. Der Schutz davor, sich mit Sars-CoV-2 anzustecken, wird also deutlich nachgelassen haben. Nicht aber der vor einem schweren Verlauf. Diese Immunität ist inzwischen sehr stabil.
Während der Pandemie haben viele nahezu täglich seine Einordnungen gehört, mittlerweile äußert sich Christian Drosten kaum noch öffentlich zu Sars-CoV-2. Zum Interview im Institut für Virologie der Charité erscheint er entspannt, trinkt koffeinfreien Kaffee. Nach dem Gespräch schickt er per Mail Belege für seine Aussagen. Wie er die Corona-Lage einschätzt, warum er sich nie einer öffentlichen Debatte mit Hendrik Streeck gestellt hat – und ob er sich nochmal impfen lässt
DIE ZEIT: Herr Drosten, gerade wurde die mRNA-Forschung, die zur Entwicklung von Corona-Impfstoffen führte, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Nachricht gehört haben?