Tödliche Illusion – Seite 1
"Wir haben", sagt Sharon Naveh, "jetzt keine Zeit dafür. Aber sobald dies hier vorbei ist, werden sie zur Verantwortung gezogen werden, jeder von ihnen." Sharon hat sich für einen Augenblick zum Gespräch hingesetzt, in der Lounge eines schicken Co-Working-Space auf dem Messe- und Kongressgelände Expo Tel Aviv. Wo sonst Start-up-Unternehmer und ihre Investoren arbeiten und sich entspannen, werden im Augenblick Helme und Schutzwesten für Soldaten organisiert, seelischer Beistand für die Angehörigen Gefallener und sogar Betreuungsangebote für die Haustiere einberufener Reservisten. Die Frauen und Männer, die hier wie Sharon patriotischen Freiwilligendienst leisten, stammen zumeist aus der Protestbewegung "Brothers and Sisters in Arms", in der sich Reserveoffiziere gegen die umstrittene Justizreform der rechten israelischen Regierung zusammengeschlossen haben. Die Leute, von denen Sharon spricht, die nach dem Ende des Krieges zur Rechenschaft gezogen werden sollen – das sind Premierminister Benjamin Netanjahu und seine politischen Freunde.
Beim Versagen des israelischen Staates während der Terrorattacken der Hamas am 7. Oktober denkt man zunächst an den Geheimdienst und die Streitkräfte. Wie kann es sein, dass die Anschlagspläne unentdeckt blieben, dass die Reaktion des Militärs so langsam war? Doch das ist es nicht, was Sharon und ihre Mitstreiter in erster Linie beschäftigt. Für sie ist das Desaster im Kern politisch, sie empören sich vor allem über die falschen Prioritäten und den spalterischen Kurs der Regierung. "Das Geld", sagt Sharon, "ist nicht zur Armee geflossen, sondern zu den religiösen Parteien."
Die Warnungen der Demonstrierenden vor einer nationalen Katastrophe seien ignoriert worden: "Wir haben ihnen gesagt, dass sich wiederholen wird, was im Jom-Kippur-Krieg passiert ist", als Israel 1973 von einem Überraschungsangriff seiner arabischen Feinde überrollt wurde. "Und das ist genau, was jetzt geschehen ist." Die scharfe Kritik an der Regierung beschränkt sich nicht auf ein Hardcore-Oppositionsmilieu. Nach einer Meinungsumfrage aus der vergangenen Woche wollen nur noch 29 Prozent der Befragten Benjamin Netanjahu als Premierminister behalten. Seine Rechtskoalition würde bei Neuwahlen von 64 auf 42 Sitze in der 120 Parlamentarier zählenden Knesset zurückfallen und die Macht verlieren.
Zugleich läuft das patriotische Engagement auf Hochtouren. An der Expo Tel Aviv fahren permanent Privatautos mit Spenden für die Truppen vor, von Mineralwasser bis zu Matratzen, ein unterirdischer Parkplatz wird zur Lagerhalle – und dient daneben als Schutzraum, in den man sich bei Raketenalarm zurückzieht. Für Sharon sind der Protest gegen Netanjahu und das Bürgerengagement im Krieg mitnichten Gegensätze, sie gehören vielmehr unauflöslich zusammen: "Wir haben uns vorher für unser Land eingesetzt, und wir setzen uns jetzt dafür ein." Das ist ein beherrschender Eindruck in diesen Tagen in Israel: Das Vertrauen in die Regierung mag zerstört, die Überzeugung, dass der Staat kompetent ist, schwer erschüttert sein – doch die Identifikation mit der Nation ist stark wie nie.
Der Kontrast zwischen dem Wir-Gefühl und dem kläglichen Bild, das die öffentlichen Institutionen zuletzt abgegeben haben, könnte kaum krasser sein. Mehrere Minister, der Generalstabschef der Armee und der Leiter des Inlandsgeheimdienstes haben eingestanden, dass sie in ihrer Schutzverpflichtung für die Bürger versagt hätten.
Premierminister Netanjahu, der seine Karriere auf das Image eines Mr. Security gebaut hat, erklärte vor der Knesset in dürren Worten: "Es wird viele Fragen über das verheerende Unglück geben, das uns getroffen hat. Wir werden alle untersuchen. Wir haben bereits damit begonnen, Lehren zu ziehen, aber im Augenblick konzentrieren wir uns auf ein Ziel: unsere Kräfte zu vereinen und einen vollständigen Sieg zu erringen."
Hat der Schutz der Siedler im Westjordanland von der Gefahr aus Gaza abgelenkt?
Gleichzeitig sind in den vergangenen Tagen immer neue Details über Versäumnisse und Ungereimtheiten im Vorfeld der Hamas-Attacke bekannt geworden. So soll es in der Nacht vor dem Massaker Hinweise auf verdächtige Aktivitäten im Gazastreifen gegeben haben, die aber als Übung, nicht als Vorbereitung eines tatsächlichen Angriffs gedeutet und nur unzureichend weiterverfolgt wurden. Unter Einsatz von Drohnen scheint es der Hamas gelungen zu sein, das visuelle Überwachungssystem, auf das sich die Israelis für die Kontrolle des Zauns zu Gaza vorwiegend verlassen haben, zu großen Teilen außer Kraft zu setzen. Gerade wegen des Vertrauens in die scheinbar überlegene Beobachtungstechnologie und die Qualität der Sperranlagen war jedoch der Truppenbestand an der Grenze ausgedünnt – mit fatalen Folgen, sobald man auf den Durchbruch der Terroristen schnell und massiv hätte reagieren müssen.
Mörderische Bodenoffensive schien unvorstellbar
Kritiker der Rechtskoalition von Premierminister Netanjahu bringen das Versagen gegenüber der Hamas mit der Politik der Regierung in den besetzten Palästinensergebieten zusammen: Die Provokationen radikaler jüdischer Siedler, die unter dem Schutz einflussreicher Minister stünden, hätten die Aufmerksamkeit und die Ressourcen der Sicherheitskräfte im Westjordanland gebunden und vom Gazastreifen weggelenkt.
Aber auch gänzlich unpolitische, scheinbar harmlose bürokratische Fehlentscheidungen dürften zur Katastrophe vom 7. Oktober beigetragen haben. Die Zeitung Ha’aretz hat berichtet, den freiwilligen Sicherheitskräften in den grenznahen israelischen Siedlungen sei vor einiger Zeit vom Militär untersagt worden, Gewehre in ihren Häusern aufzubewahren; solche Waffen dürften nur in sicheren gemeinschaftlichen Arsenalen verwahrt werden. In Kibbuzim, die sich an die neue Vorschrift gehalten hatten, standen die kommunalen Wachleute den Hamas-Terroristen bloß mit Pistolen gegenüber und mussten verzweifelt versuchen, sich zu den zentralen Lagern durchzukämpfen, um an Gewehre zu kommen.
Yossi Kuperwasser ist ein Mann, der in diesem Chaos des Versagens vielleicht keinen Trost spenden, aber immerhin ein bisschen Ordnung schaffen kann. Der 70-jährige pensionierte Brigadegeneral ist eher auf der konservativen Seite des politischen Spektrums angesiedelt, die Reservistenproteste gegen die Regierung Netanjahu, für die Sharon Naveh sich engagiert hat, waren in seinen Augen eine unzulässige Politisierung der Armee.
Kuperwasser hat in seiner aktiven Zeit die Forschungsabteilung des Militärgeheimdienstes geleitet und war Generaldirektor im Ministerium für Strategische Angelegenheiten. Er empfängt in einem schönen, bürgerlichen Haus in einem hübschen Städtchen nördlich von Tel Aviv, in den stillen Straßen blühen die Bäume – die Szenerie könnte nicht friedlicher sein in diesen Kriegstagen in Israel.
Kuperwasser unterscheidet in seiner Fehleranalyse zwei verschiedene Komplexe. Da ist einmal die taktische und operative Ebene – gewissermaßen der konkrete, kleinteilige Umgang mit der Hamas. Hier geht es in seinen Augen vor allem um einen "Mangel an Fantasie". Über viele Jahre, so Kuperwassers Diagnose, hatte man sich ein festes Bild der Gefahren gemacht, die von der Hamas ausgingen: Da waren die Raketen, die sie nach Israel schoss, und da waren die Tunnel, durch die ihre Terroristen aus dem Gazastreifen ausbrachen. Die Tunnel konnten die Israelis blockieren, und die Raketen haben durch Fortschritte bei der Frühwarnung und bei der Bekämpfung der Abschussbasen viel von ihrem Schrecken verloren. Das Problem wirkte im Wesentlichen gelöst.
Dass die Hamas sich noch etwas ganz anderes einfallen lassen könnte, eine Art mörderische Bodenoffensive – das schien unvorstellbar, darauf kam man einfach nicht. Man traf dementsprechend auch keine Vorbereitungen. Dass an der Grenze schlicht zu wenig militärische Manpower zur Verfügung stand, um den Überfall am vorvergangenen Sonnabend zurückzuschlagen oder wenigstens effektiv zu bekämpfen, ist eine unmittelbare Folge dieses Fahrens auf Gedankenschienen.
Auch unter den Liberalen macht sich eine neue Unerbittlichkeit breit
Dahinter jedoch, erklärt Yossi Kuperwasser, liegt eine umfassendere, fundamentale Fehleinschätzung, ein strategischer Irrtum. "Wir haben uns eingeredet", sagt er, "dass die Hamas einen Prozess der Mäßigung durchlaufen hat." Die israelische Politik und das israelische Sicherheitsestablishment hätten die Terrormiliz mehr und mehr als eine halbwegs normale Regierung des Gazastreifens betrachtet, als Herrschaftsclique, die auf einem überschaubaren Territorium ihre Macht sichern und ausüben wolle.
"Wir wollten Ruhe"
Aus Gründen der Stabilität schien das keine schlechte Sache zu sein. So bekamen Einwohner von Gaza zunehmend Arbeitsgenehmigungen für Jobs in Israel – eine Maßnahme, die als wirtschaftliche Stärkung im Interesse der Hamas lag und mit der man sich ihre Kooperationsbereitschaft zu erkaufen hoffte. Im Übrigen hielt man die Terrormiliz für hinreichend abgeschreckt, weil sie 2021 in einer Militäroperation eine klare Niederlage hatte einstecken müssen. Der fanatische ideologische Charakter der Hamas, ihr tödlicher Hass auf Israel und das gesamte zionistische Projekt – das alles geriet zunehmend aus dem Blick.
Diese illusionäre Politik, so Kuperwasser, sei jetzt schrecklich gescheitert – "die Idee, das Krokodil zu füttern, damit es zufrieden ist". "Wir wollten Ruhe", drückt es ein anderer Sicherheitsexperte aus, Dan Shueftan, der an der Universität Haifa lehrt. "Je stärker wir wurden, desto mehr haben wir uns auf defensive Maßnahmen verlassen" – ein Symbol dafür war der Grenzzaun zu Gaza, der mit seiner hochmodernen Überwachungsausstattung angeblich ausreichenden Schutz bot.
Doch "ein Zaun", stellt Shueftan fest, "ist nichts wert, wenn er nicht verteidigt wird". Israel müsse wieder eine offensivere Haltung einnehmen, es müsse sich von dem falschen Konzept lösen, dass es seine Gegner beschwichtigen könne. Das Grundversagen, das zum Fiasko des 7. Oktober geführt hat, ist aus dieser Sicht nichts Handwerkliches, sondern etwas Mentales, es ist die Unfähigkeit, unversöhnliche Feindschaft zu erkennen und kompromisslos zu bekämpfen.
Auch die tendenziell liberalen, regierungskritischen freiwilligen Helfer auf dem Gelände der Expo Tel Aviv denken nicht so viel anders. Dass man jetzt nur hart zuschlagen könne, dass man den Vernichtungswillen der militanten Islamisten nie wieder unterschätzen dürfe – das ist keine rechte Parteiparole, keine Sondermeinung von sicherheitspolitischen Hardlinern; es scheint weithin Konsens in der israelischen Gesellschaft zu sein.
"Das Spiel hat sich verändert", sagt Sharon Naveh – auch sie hat, wie die Militärstrategen und Geheimdienstler, das Gefühl einer Zeitenwende. Für Sharon bedeutet das Umdenken den schmerzhaften Abschied von bisherigen Versöhnungshoffnungen. "Es ist religiöses Zeug, es ist nicht politisch", bemerkt sie über den ideologischen Fanatismus der Hamas, der ihr durch das Massaker klar geworden ist. "Sie wollen keinen Frieden, sie wollen keine Grenzen. Wir haben ihnen das Gebiet gegeben, wir haben ihnen Gaza gegeben." Die Zeit der Ausgleichsversuche ist in ihren Augen vorbei: "Man kann hier nichts verstehen, man kann nicht verhandeln." Sharon Naveh und Brigadegeneral a. D. Yossi Kuperwasser, die Netanjahu-Gegnerin und der Kritiker der Netanjahu-Gegner – in diesen Tagen stehen sie Seite an Seite. Die Tauben sind in Israel für den Augenblick verschwunden. Es gibt nur noch Falken.