Die weltweite Nachfrage nach Öl und Gas wird im Jahr 2030 ihren Höhepunkt erreichen und dann sinken. So lautet die neueste Prognose der Internationalen Energieagentur, IEA, die dieser Tage veröffentlicht wurde. Dann werde endgültig das Zeitalter grüner Energien anbrechen. Ein Zeitalter von Elektrofahrzeugen, die angetrieben werden von Solarstrom und Windenergie, so die Experten der Organisation, die nach der Ölkrise der 1970er-Jahre von Industrienationen gegründet wurde, um die Mitgliedsländer in Energiefragen zu beraten. Für die meisten Deutschen klingt das sehr stimmig, ist das Land doch mitten in einer aufwendigen Elektrifizierung.
In den Chefetagen der US-Ölkonzerne glaubt man allerdings nicht an die Prognose und den Anfang vom Ende des fossilen Brennstoffzeitalters. Einen Tag bevor die IEA ihren Bericht vorlegte, verkündete der kalifornische Energieriese Chevron, den Rivalen Hess für 53 Milliarden Dollar übernehmen zu wollen. Stimmen die Kartellbehörden zu, ist es die größte Übernahme in der Konzerngeschichte. Die Transaktion kommt knapp zwei Wochen nachdem der US-Branchenführer Exxon seinerseits erklärt hatte, für 60 Milliarden Dollar den Ölkonzern Pioneer Natural Resources erwerben zu wollen. Weitere Übernahmen könnten folgen, sagte Exxons Finanzchefin der Financial Times. Die Konzerne können sich die milliardenschweren Zukäufe leisten, nachdem sie im vergangenen Jahr Rekordgewinne eingefahren haben.
Hinter den Megadeals steckt der zunehmende Wettbewerb darum, sich Vorkommen für die nächsten Jahrzehnte zu sichern. Durch die Übernahme von Pioneer wird Exxon zum größten Förderunternehmen im Permbecken, einem der ergiebigsten Ölfelder der USA, das sich durch West-Texas und Teile New Mexicos zieht. Mit knapp 13 Millionen Barrel (Fässern) am Tag sind die USA der größte Ölproduzent der Welt, vor Saudi-Arabien und Russland. Mehr als fünf Millionen Barrel täglich liefert allein das Perm. Für Chevron wiederum sind vor allem die Vorkommen im südamerikanischen Guyana interessant, die der bisherige Konkurrent Hess gemeinsam mit den Partnern Exxon und CNOOC aus China ausbeutet. Erst vor vier Jahren wurden die Offshore-Vorkommen dort entdeckt, bis 2027 sollen täglich 1,2 Millionen Barrel gefördert werden. Damit würde Guyana Opec-Produzenten wie Libyen und Venezuela überholen. Die neue Ölindustrie hat die Wirtschaft des kleinen Landes förmlich explodieren lassen. Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 60 Prozent.
Auch der in Großbritannien ansässige Shell-Konzern war einmal in Guyana aktiv, verkaufte aber seine Dependance vor zehn Jahren, weil die Suche nach Öl damals noch unergiebig war. Doch nicht nur mangels sprudelnder Quellen ziehen sich die Europäer zurück, sie reduzieren auch Projekte zur Ausbeutung neuer Gas- und Ölfelder, weil Europa den Klimaschutz immer weiter verschärft. Davon profitieren im Gegenzug US-amerikanische Ölkonzerne, zumal in ihrem Heimatmarkt bisher keine Auflagen zur Dekarbonisierung gelten.
Ein weiterer Faktor bei den jüngsten Zukäufen dürften die zunehmenden geopolitischen Risiken wie der russische Überfall auf die Ukraine und der Konflikt im Nahen Osten sein. So hat Chevron seine Offshore-Gasförderung vor dem Gazastreifen auf Anweisung der israelischen Regierung vorerst eingestellt. Diese hatte Sicherheitsbedenken als Begründung für den Förderstopp angeführt. Entsprechend argumentieren Chevron wie auch Exxon, dass die beiden milliardenschweren Zukäufe die Energiesicherheit der USA erhöhten – gehe es doch vor allem um Förderstätten in Heimatnähe. Exxon hat bereits vor einiger Zeit begonnen, sich von Projekten in Konfliktregionen zu verabschieden, wie etwa im Tschad oder im Irak.
Von den Vorhersagen der Energieexperten, die bereits in wenigen Jahren mit einem Absinken der Ölnachfrage rechnen, zeigen sich die US-Konzerne dagegen unbeeindruckt. Von der Financial Times nach der Prognose der Internationalen Energieagentur gefragt, erklärte Chevron-CEO Mike Wirth, er glaube nicht, dass sie auch nur im Entferntesten richtig sei. Und fügte hinzu: "Wir leben in der realen Welt und müssen Mittel bereitstellen, um den realen Bedarf zu decken."