ZEIT: Herr Ronzheimer, schaut Bild zu sehr auf muslimischen Antisemitismus und zu wenig auf den der Mehrheitsgesellschaft? Nehmen Sie nur das Beispiel Hubert Aiwanger.

Ronzheimer: Keineswegs. Ich selbst habe Aiwanger zum Rücktritt aufgefordert. Trotzdem würde ich den 17-jährigen Aiwanger nicht mit Menschen mit Kalifatsflagge vergleichen.

Trittin: Als jemand, der Ihr Blatt berufsbedingt jeden Morgen liest, habe ich schon den Eindruck, dass Bild immer wieder Muslime unter Generalverdacht stellt. Ich würde mir die gleiche Aufmerksamkeit zum Beispiel für den früheren Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen wünschen, der von einer "Globalisten"-Verschwörung raunt und so einem antisemitischen Weltbild nachgeht.

Ronzheimer: Ich bestreite, dass Herr Maaßen zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, im Gegenteil. Ich gehöre bei Bild zu denen, die in der Flüchtlingsfrage sehr progressiv eingestellt waren, und habe oft Kollegen kritisiert, wenn wir einzelne Problemfälle aus der migrantischen Community generalisiert haben. Nun aber frage ich mich, ob ich falschlag. Das Ausmaß von muslimischem Antisemitismus, das wir jetzt sehen, wollte ich nicht wahrhaben.

Trittin: Ich gebe zu, dass mir das Problem in der vollen Dimension und Schärfe nicht klar war.

ZEIT: Herr Trittin, wer im Springer-Verlag arbeitet, verpflichtet sich zu dem Grundsatz: "Wir unterstützen das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel." Würden Sie das jedem deutschen Medienhaus empfehlen?

Trittin: Absolut, jedem Medienhaus wie auch allen Parteien. Da gibt es einen breiten Konsens, wie die einstimmige Israel-Resolution im Bundestag gezeigt hat.

ZEIT: Bild hat am 9. November eine Plakatwand vor der Botschaft des Iran abgestellt. Darauf stand auf Farsi: "Solange Sie die Ermordung der Juden finanzieren, werden wir darüber berichten." Wie finden Sie diese Aktion?

Trittin: Sorry, das ist eine Marketingaktion und dient einem Geschäftszweck. Das ist keine politische Aktion.

Ronzheimer: Wenn es uns allein um mehr Auflage ginge, müssten wir wohl deutlich weniger über Israel oder auch über die Ukraine berichten. Das ist das Traurige, wenn man sich Umfragen anschaut.

Trittin: Da würde ich Ihnen recht geben: Möglicherweise meinen viele Bild-Leser, dass Sie zu israelfreundlich sind.

ZEIT: Herr Trittin, bei X, vormals Twitter, schrieben Sie zum Tod von Dieter Kunzelmann im Jahr 2018: "Ein großer Sponti ist gestorben." War das angemessen für einen Mann, der am 9. November 1969 versucht hat, einen Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindehaus zu verüben?

Trittin: Nein, das würde ich nicht wiederholen. Ich hatte den Sponti Kunzelmann vor Augen, der Eberhard Diepgen mit Eiern beworfen hat und der mir noch kurz vor seinem Tod 2018 bei einem Konzert begegnet ist. Erst später wurde ich darauf hingewiesen, dass er 1969 für diesen Anschlag verantwortlich war, aber wegen der Verwicklung des Westberliner Verfassungsschutzes darin nie angeklagt wurde.

ZEIT: Kunzelmann war ein Linker, der in den 1980er-Jahren für die Grünen im Berliner Landesparlament saß.

Trittin: Kunzelmann steht für eine verhängnisvolle Umorientierung der bundesrepublikanischen Linken. Bis 1967 waren die Linken klar auf der Seite Israels, es stand für die Kibbuzbewegung und den Kampf gegen die Nazis. Und die Rechten, die waren für die Araber, bei denen viele ihrer Nazis Unterschlupf gefunden hatten. Das alles kippte nach dem Krieg von 1967. Damals haben sich weite Teile der Linken einseitig auf die Seite der Palästinenser geschlagen. Das wird unserer Verantwortung für Israel, aber auch für die Palästinenser nicht gerecht.