Kurt Beck ist wieder zu Hause. Am Sonntag früh hat er am Rande einer Klausurtagung der SPD-Führung den Parteivorsitz hingeworfen, wütend, verletzt, gedemütigt und fast wortlos. 48 Stunden später gibt er nun in seiner Heimat Rheinland-Pfalz erstmals eine öffentliche Erklärung dazu ab. Er legt die Gründe dar, die ihn zum Rücktritt bewegt haben, nennt ihn eine „bewusste Entscheidung“. Er klagt über „bewusste Fehlinformationen“ und über den „Vertrauensbruch“  von Parteifreunden, ohnr freilich Namen zu nennen. Seine „Handlungsspielräume“ als Parteichef seien dadurch eingeschränkt und seine Autorität untergraven worden. Am Ende glaubte Beck, keine andere Wahl mehr zu haben.

Intrige oder nicht Intrige, Putsch oder kein Putsch – darüber wird seit Sonntag in der SPD heftig spekuliert und diskutiert. Kurt Beck weicht dieser Frage aus. Ausführlich spricht er stattdessen über die Ereignisse, die seine Entscheidung vorausgegangen sind. Minutiös zeichnet er nach, wann am Wochenende wer mit wem gesprochen oder telefoniert hat. Offensichtlich hat er das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Sein wortloser Abgang durch den Hinterausgang am Sonntag, der wir Flucht aussah, hat in der Öffentlichkeit und bei Parteifreunden keinen guten Eindruck hinterlassen.

Kurt Beck blickt grimmig drein, er wirkt angespannt. Es ist zu spüren, dass es in ihm brodelt. Im Kern geht seine Erklärung zwar nicht über das hinaus, was er am Sonntag bereits schriftlich mitgeteilt hat: Beck ist gegangen, weil andere ihm das Heft des Handelns entweder aus der Hand genommen haben oder zumindest in den Medien einen entsprechenden Eindruck erweckt haben.

Ggleichzeitig jedoch offenbart der gewesene Vorsitzende den tragischen Erkenntnisprozess eines Spitzenpolitikers, dem Parteifreunde vorgeführt haben, wie machtlos er ist bzw. in Wahrheit schon lange war. Innerhalb von zweieinhalb Tagen scheint für ihn eine Welt in sich zusammengefallen sein, als ihm das klar wurde, besser gesagt: schmerzhaft klar gemacht wurde.

Damit bietet seine Erklärung auch ein Lehrstück über die Differenz zwischen Außen und Innen in der Politik, zwischen Selbstempfinden und öffentlicher Wahrnehmung von Persönlichkeit, Macht und Entscheidungsprozessen. Zwei Welten, die im Fall Beck offenkundig lange auseinanderfielen.

Aus Sicht von Beck sah die Welt am Donnerstagabend noch heil aus: Die Entscheidung der K-Frage rückte näher. Mit seinem Vize Steinmeier und seinem Vorvorgänger Müntefering saß Beck lange in Bonn zusammen. Vor allem zwei Dinge vereinbarten sie: erstens Steinmeier wird Kanzlerkandidaten, und zweitens werde man gemeinsam in den Bundestagswahlkampf ziehen.

Am Schwielowsee wollte Beck dies am Sonntag verkünden, so wollte er „ein Signal der Geschlossenheit und des Aufbruchs aussenden“ und demonstrieren, „wer an der Spitze steht“: nämlich er selbst, nicht Steinmeier, nicht Müntefering. In der Kür des Spitzenkandidaten sah er eine seiner zentralen Aufgaben als Vorsitzender. Wer wenn nicht dieser hat das Recht und die Pflicht, diese Frage zu entscheiden und zu verkünden? Wie es sich allerdings gehört, informierten Beck und Steinmeier vorab die engere Parteiführung.