Zum Projekt des Monats Juni 2006 "

Im Jahr 1904 ließ die 'Deutschen Kommission' der 'Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin' ein Archiv anlegen, das Beschreibungen deutschsprachiger Handschriften in Bibliotheken des In- und Auslandes enthalten sollte. Ziel war es dabei, weltweit alle mittelalterlichen Handschriften und Fragmente mit deutschen Texten zu erfassen und zu beschreiben ( "Deutsche Texte des Mittelalters", DTM-Editionen ).

Die Ausbeute war gewaltig. Von 1904 bis 1944 entstanden 19.319 Beschreibungen von 18.847 Handschriften und Fragmenten. Der in Berlin verwaltete Schatz wurde durch ein 1.5 Millionen Karteikarten umfassendes Register erschlossen, das im Krieg leider verbrannte, jedoch sind die Beschreibungen komplett erhalten geblieben. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Arbeiten am Handschriftenarchiv nicht wieder aufgenommen. In der Bundesrepublik traten an die Stelle des Handschriftenarchivs moderne Katalogisierungsprojekte. In der DDR wurden einzelne Vorhaben im Rahmen des "Zentralinventars mittelalterlicher Handschriften bis 1500 in den Sammlungen der DDR" (ZIH) durchgeführt, andere entstanden unter dem Dach des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Mit den neuen Katalogen wurde das Material des Handschriftenarchivs jedoch keinesfalls wertlos. Da die Beschreibungen bis 1944 erstellt wurden, sind sie in etlichen Fällen der letzte qualifizierte Nachweis heute verschollener oder vernichteter Handschriften (ca. 2.500 Beschreibungen insbesondere osteuropäischer Sammlungen). Erhebliche Teile betreffen zudem schlecht und unerschlossene Bestände (ca. 3.500 Beschreibungen). Und auch bei den rund 13.000 durch moderne Kataloge aufgearbeiteten Beständen bieten die Archivbeschreibungen vielfach wichtige Zusatzinformationen.

Der wissenschaftliche Wert dieser Beschreibungen ist vor allem dort besonders hoch zu veranschlagen, wo die Realien verschollen sind oder nur Kurzkataloge und Inventare vorliegen. Die seit Mitte der 90er Jahre im Internet über eine Orts- und Signaturenliste erfassten Beschreibungen berücksichtigen die Bestände aus rund 600 Bibliotheken, Archiven und privaten Sammlungen in über 350 Orten Europas, Russlands und den USA. Die Beschreibungen enthalten in der Regel die genaue historische Signatur der Handschrift, Angaben zur Herkunft, zum Material und Zustand, zum Charakter der Schrift, zur Blattzahl und Zählung, zum Format, zur Einrichtung, zur Ausstattung und zum Einband sowie eine Auflistung aller Inhalte. Außerdem sind Überschriften, Initialen, Benutzerspuren etc. nachgewiesen und häufig sogar nachgezeichnet.

Das Handschriftenarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften versteht sich zugleich als Projekt der Grundlagenforschung, wie auch als wissenschaftliches Dienstleistungsunternehmen, das Anfragen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Institutionen, Behörden und Privatpersonen aus der ganzen Welt bearbeitet. Zudem wird in Kooperation mit Experten vor Ort versucht, das noch immer ungeklärte Schicksal vieler Tausend im Gefolge des II. Weltkriegs verschollener Handschriften, aber auch ganzer Bibliotheken, Sammlungen und Archive aufzuklären.

Zur Zeit sind rund ca. 10 % des Gesamtbestandes, das sind rund 2.000 Beschreibungen mit rund 30.000 Grafiken und 40.000 Registerdatensätzen, wissenschaftlich erschlossen, digitalisiert und im Internet frei zugänglich.