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William Cohn: Küss die Hand

Aus der ZEIT Nr. 22/2018
Als Ansager bei Böhmermann wurde William Cohn zur Kultfigur: Mit bunten Pullis und fiesen Sprüchen. Dann hat er ein Buch über gutes Benehmen geschrieben. Wie passt das zusammen?

William Cohn ist so ein Promi, den fast jeder kennt, aber erst nach ein bisschen Hilfestellung. Das ist der Typ mit den hässlichen Pullovern, der nerdigen Brille und der Märchenerzähler-Stimme. Der von Böhmermann, genau.

Seit ein paar Jahren flimmert Cohn jetzt im peripheren Sichtfeld Fernsehdeutschlands, immer präsent, aber nie richtig im Fokus. Im Neo Magazin Royale gehört er fast so sehr zum Inventar wie der Moderator selbst. Anfangs war er Jan Böhmermanns Studio-Sidekick, allerdings nur bis Folge 34. Jetzt ist er hauptsächlich in Einspielern zu sehen, was seiner Beliebtheit jedoch nicht geschadet hat. Das Publikum feiert seine onkelhaften Auftritte – früher in Katzen- und Weihnachtspullis, heute immer öfter im Anzug – am liebsten auf Twitter: "Der gute @CohnWilliam" sei "einfach immer das beste am @neomagazin."

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So kannte man Cohn bisher. Dann hat er ein Buch mit dem Titel Der Gute Ton von Cohn geschrieben, einen Benimm-Ratgeber, in dem er sich von einer anderen Seite zeigt. Als jemand, der Seidenhalstücher trägt und Frauen die Hand küsst. Nicht unbedingt ein Thema, das seine Kernzielgruppe anspricht. Die meisten Fans hat er ja aus dem Neo Magazin Royale: Akademikerkinder, Studenten, Trendbezirk-Bewohner. Keiner von denen hat wohl jemals ironiefrei eine Hand geküsst.

Insofern gibt es da eine gewisse Diskrepanz zwischen William Cohn und seinen Fans. Vielleicht nennt der Verlag das Buch deswegen einen satirischen Knigge. Der Autor jedenfalls, so wirkt es beim Lesen, gibt sich große Mühe, den bekannten Cohn mit dem nicht so bekannten in Einklang zu bringen. Daher auch der schon aus dem Neo Magazin bekannte Ton. Etwa, als er gleich zu Beginn zur eigenen Haltung rät und verkündet, dass Stil Mut erfordere: "Alles andere ist was für anpassungsbedürftige Chabos."

Also, wer ist William Cohn? Um das herauszufinden, wollten wir mit ihm eine Runde in der Berliner Ringbahn drehen. Einem Ort mit ausgewählt schlechtem Benehmen. In dieser S-Bahn, die die Innenstadt umrundet, fahren Leute Ponys spazieren, ab und zu legen Jugendliche ein Feuer, Hipster trinken sich beim sogenannten Ringbahnsaufen durch die Stationen. Der perfekte Ort, um die Cohnsche Widersprüchlichkeit einzufangen.

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Die Ringbahn hält dann auch gleich, was sie verspricht. Cohn steigt in den Zug der Linie S42, der Wagen ist leer. Das heißt, nicht ganz. Die Fahrgäste sitzen alle im vorderen Teil, weil hinten jemand auf den Boden gekotzt hat. Cohn prallt von diesem Anblick ab. Er schiebt seinen großen Körper in die entgegengesetzte Richtung und nimmt auf einem leeren Vierersitz Platz.

"Gutes Benehmen ist der Schmierstoff der Gesellschaft", sagt Cohn. Das ist so ungefähr das Prinzip, auf dem sein Buch basiert. Wenn man sich zu benehmen und angemessen zu kleiden weiß, fällt das Zusammenleben leichter. Das klingt natürlich erst mal einleuchtend. Das Problem ist allerdings, dass alle mitmachen müssen. Sonst benehmen sich die einen, wie sie wollen, und die anderen ignorieren sie höflich. So wie Cohn die drei angetrunkenen Männer, die sich jetzt so laut unterhalten, als wären sie allein im Zug.

Es stimme natürlich, sagt Cohn. "Mit Manieren gehört man heute zu einer Elite." Er würde sich aber weder als elitär noch altmodisch bezeichnen. Eher als "einen Gentleman, der zeitlos ist".

Seine Figur bei Böhmermann ist so überzeichnet, dass man irgendwie glaubt, die reale Person müsse ganz normal sein, ein guter Schauspieler eben. Und dann kommt Cohn, mit feinem Sakko, Halstuch und blank polierten Schuhen und ist so ostentativ höflich, dass man denkt: Der spielt doch schon wieder eine Rolle. Und das freut ihn dann total. "Irritieren schadet nie", sagt Cohn und grinst schelmisch.

Er ist mit Begeisterung Wiener

Die ersten drei Stationen sind geschafft, Halensee, Hohenzollerndamm, Heidelberger Platz. Bislang noch keine Zwischenfälle. Cohn hat lediglich versucht, zu erhorchen, ob die lauten Männer russisch reden. Er sitzt mit dem Rücken zu den anderen Fahrgästen und schaut aus dem Fenster auf die Stadtautobahn A 100. So richtig ist nicht klar, ob er die Fahrt genießt. Was man weiß: Er ist passionierter Zugfahrer, Besitzer der Schwarzen Mamba, der Bahncard 100. Erste Klasse.

Am Morgen des Treffens lud er erst mal zum Frühstück in sein Hotel ein. S-Bahn fahren könne man später. Er wartete im sogenannten Teezimmer des Regent, gleich um die Ecke vom Gendarmenmarkt, und passte wunderbar zwischen Kronleuchter, Polstermöbel und Meißner Porzellan.

Cohn ist mit Begeisterung Wiener. Was man spätestens dann merkt, wenn er die arme Berliner Bedienung mit der Bestellung eines Einspänners überfordert. Das ist ein kleiner Brauner mit Schlagobers und Staubzucker. Cohns deutsche Eltern, beide Musiker, zogen mit ihm nach Wien, als er noch ein Kind war. "Das Wienerische ist die Grundlage meiner Umgangsformen", sagt er.

Gutes Benehmen dient Cohn allerdings nicht nur dazu, das Wohlbefinden seiner Mitmenschen zu befördern. Es ist auch stets eine Gelegenheit, sein Wissen zu präsentieren. Seine Manieren sind Teil seiner allgemeinen Kultiviertheit. Während des Frühstücks unterbricht er das Gespräch, weil er sein Croissant in den Kaffee getunkt hat. "Sie haben gesehen, ich habe hier ganz leger geditscht, aber dazu gibt es eine reizende Geschichte." Dann erzählt er vom letzten König von Sachsen, Friedrich August III., der einmal beim Tee, als er merkte, dass Ihre Majestät, die Königin, abwesend war, seinen Kindern mit den Worten: "Gindr, haide genne mr didschen!", erlaubte, den Kuchen in den Tee zu tunken. So erzählt es Cohn und kichert: "Sehen Sie mir diese Ungehörigkeit also nach. Aber ein nicht geditschtes Croissant ist wie ein Tag ohne Sonne."

Cohn ist voll von solchen Geschichten. Er zitiert Kaiser Augustus, Shakespeare und russische Zaren. Wenn man ihn nach seiner Kindheit fragt, fängt er mit seinen Großeltern an, holt weit aus und kommt darauf, dass sein Vater Cello mit derselben Bogenhaltung wie ein Geiger der Wiener Philharmoniker spielte. "Ich neige zu Bögen", entschuldigt er sich dann und kommt noch immer nicht zum Punkt.

Wenn Cohn allerdings von seinem Beruf spricht, pflegt er eine angenehme Bescheidenheit. Was vielleicht damit zu tun hat, dass er eher spät im Leben die Chance bekommen hat, das zu tun, was ihm am Herzen liegt. Cohn kam mit vierzig Jahren zum Gesang und der Schauspielerei, von der Ausbildung her ist er Ingenieur. Im Netz gibt es ein Video, das seine Anfänge zeigt. Gleich zu Beginn des Clips spielt er einen klischeehaften Mafiaboss in einer schlechten Werbung für Küchenmöbel. "Ja! Das war super", ruft Cohn und freut sich, wenn man ihm dieses Video vorführt. Viele Schauspieler schämen sich ja für ihre frühen Rollen. Cohn liebt jede.

Nächste Stationen: Innsbrucker Platz, Schönefeld, Südkreuz. Wir sind noch nicht lange unterwegs. Inzwischen ist der Wagen so voll, dass Leute um die Kotze stehen. Sie wirken unberührt.

Die Idee mit der S-Bahn fand Cohn übrigens nicht gut. Zu wenig Fallhöhe, meinte er, zu wenig Drama. Aber er sagte auch nicht Nein. Auf dem Weg zur Station ließ er sich dann auffällig viel Zeit. Im Hotel musste er noch mal auf sein Zimmer, dann verquatschte er sich mit der Frau an der Rezeption. Draußen verabschiedete er sich persönlich beim Portier. Auf dem Weg zur Bahn blieb er bei jedem Bettler stehen, um ihm was zu geben. Wenn eine Ampel drohte, Rot zu werden, verlangsamte er seinen Schritt, während alle anderen Fußgänger noch schnell über die Straße huschten. Dabei drängte die Zeit, eine Runde in der Ringbahn dauert 60 Minuten. Und am Nachmittag muss er seinen Flug erwischen.

Kurz vor der Station drehte er dann nochmal ab, um den Tränenpalast zu besuchen, ein Museum am ehemaligen Grenzübergang zwischen Ost und West. Hier hat er vor Jahren eine ostdeutsche Freundin verabschiedet, in die er verliebt war. Er beschreibt, wie sie weinend in seinen Armen lag. Dann posiert er noch für ein Foto; eine Mitarbeiterin des Museums hat ihn erkannt. Spätestens an diesem Punkt fragt man sich, ob er vielleicht mit Absicht trödelt, weil er keinen Bock hat auf die Fahrt.

"Ich stehe noch heute davor und staune"

In der S42. Inzwischen sind verschiedene Gestalten in die Bahn gestiegen, ein seltsamer Typ mit langem Bart, Mantel und kurzen Hosen, ein Obdachloser mit Kaisers-Plastiktüte. Man könnte sagen, Cohn hat seine Fallhöhe bekommen. Der Begriff beschreibt ja, wie die Tragik einer Figur steigt, je tiefer sie in den gesellschaftlichen Rängen fällt. Und vom Teezimmer des Regent bis zur Ringbahn, die auf ihrem Weg um die Innenstadt alles mitnimmt, was Berlin zu bieten hat, geht es doch ganz schön runter.

Nächster Halt, Tempelhof. Wir nähern uns den gentrifizierten Gebieten der Stadt. Cohn redet immer weniger.

William Cohns spezielle Beliebtheit begann 2012, da trat er mit dicker Helmut-Kohl-Brille als Sprecher in der Talkshow Roche und Böhmermann auf. Ein Prototyp seiner Figur beim Neo Magazin Royale. Zeitungen schrieben vom "heimlichen Star", die SZ nannte ihn die "Ikone der Hipster", und die Grünen engagierten ihn für einen Werbespot, um junge Wähler zu mobilisieren.

Cohn hat keine Ahnung, warum ausgerechnet er beim jungen Publikum so gut ankommt: "Ich stehe noch heute davor und staune." Auf Twitter schreiben sie ihn an und verlinken ihn in Tweets: "Also #NeomagazinRoyale ist schon eine tolle Sendung, nur der alberne Sidekick vom hervorragenden Satiriker und Conferencier @CohnWilliam nervt manchmal." Eine andere junge Frau, die Cohn einmal im Zug getroffen hat, bedankt sich für die "Bildungsweisheiten aus Österreich". Cohn schaut überrascht, wenn man ihm von solchen Tweets erzählt. Er sagt, er bekomme das alles nicht mit. Den Twitter-Account verwalte er schon selbst, doch, doch. Aber irgendwas scheine nicht mit den Einstellungen zu stimmen.

Die Bahn fährt weiter, Cohn schaut aus dem Fenster auf das graue, südliche Neukölln. Acht Stationen, und es wird langsam klar, dass er keine Lust hat, heute irgendwem Manieren beizubringen. Nicht mal dem jungen Kerl, der vorhin vor ihm saß. Der trug nicht nur Jogginghose – eine Sünde nach dem Guten Ton von Cohn –, sondern hatte auch offensichtlich die Lautstärke seiner Kopfhörer runtergedreht, um heimlich unserem Gespräch zu lauschen.

Aber Cohn, der so gerne auf Leute zugeht, mit ihnen spricht und sie belehrt, sagte nichts. Überhaupt wirkt er zusehends melancholisch. Vielleicht weil heute der Geburtstag seiner Schwester Johanna gewesen wäre. Er hatte davon schon am Vormittag erzählt. Danach hatte er das Bedürfnis, seinem alten Vater noch einen Brief zu schreiben. Auch deswegen hat er im Hotel so lange gebraucht.

Manche Menschen haben Ereignisse in ihrer Biografie, die ganz gut erklären, warum sie wurden, wie sie sind. Bei Cohn ist das so. Früher hieß Cohn noch Markus Kühne, das ist der Name, den ihm seine Eltern gaben. Ende der Neunziger, als er noch als Ingenieur arbeitete und Häuser baute, schloss er einen Importvertrag für amerikanische Kunststoffleisten ab. Nur wenige Tage danach schoss der Dollarkurs unerwartet nach oben und verdoppelte sich. Plötzlich zahlte er für die Leisten mehr, als er für sie verlangen konnte. Also ließ er seine Firma pleitegehen. "Meine Ehe ging darüber zu Bruch. Und dann starb auch noch Johanna", sagt Cohn. Seit einer missglückten Pockenimpfung in der Kindheit war Cohns kleine Schwester ein Pflegefall. "Sie konnte nicht sprechen, sich nicht selber anziehen oder waschen." Später litt sie unter Epilepsie. Sie starb mit 38 Jahren, an der Überdosis eines Medikaments. Ein Ärztefehler. Das war der große Bruch in seinem Leben. "Ich war an einem Punkt, an dem ich gesagt habe: Vielleicht ist es nicht verkehrt, Schluss zu machen. Vielleicht ist es sogar sehr nicht verkehrt."

Er hat dann einen anderen Weg gewählt. Nahm Gesangs- und Schauspielunterricht und nannte sich William Cohn. "Irgendwann hast du das Recht, dir einen Namen zu geben, der zu deiner Identität passt." Über Markus Kühne redet er ein bisschen wie über einen Menschen, den es nicht mehr gibt.

In der Ringbahn holt Cohn plötzlich sein Telefon heraus und beginnt zu filmen, aus dem Fenster, aber auch sein Gegenüber. Ungefragt. Er mache das manchmal, für ein Videotagebuch. Die verschiedenen Clips wird ihm ein Bekannter dann zusammenschneiden. 365 Minuten für 365 Tage, ein Film über sein Jahr. Regisseur, Darsteller und Hauptfigur: William Cohn.

Der Zug fährt in die Station Hermannstraße ein, tiefstes Neukölln, vielleicht wird es hier ja doch noch interessant. Da schaut Cohn plötzlich auf die Uhr. Er müsse jetzt los, zum Flieger, leider. Elf Stationen haben wir geschafft, ein Drittel der vereinbarten Strecke.

Zurück vorm Regent in Berlin-Mitte verabschiedet sich William Cohn mit freundlichem Handschlag. Er sagt, er habe sehr viel Spaß gehabt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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