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Wassermangel: Auf dem Trockenen

Aus der ZEIT Nr. 32/2018
In der Schweiz war Wasser immer im Überfluss vorhanden. Das hat sich geändert. Wie geht das Land damit um?

Was für die Armee eine Übung ist, ist für die Kühe auf der Alp Oberchäseren bei Amden ein Ernstfall: Sie drohen zu verdursten. Weil die Vorräte aufgebraucht sind, hilft die Schweizer Luftwaffe und fliegt mit ihren Helikoptern das ersehnte Wasser in die Höhe. Das tut sie in diesen trockenen Tagen und Wochen nicht nur im Kanton St. Gallen, sondern auch in Appenzell-Innerrhoden und Glarus.

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Die Schweiz, das Wasserschloss Europas, der Quell der Flüsse Rhone, Rhein, Tessin und Inn, trocknet aus – schon wieder. Nach dem Jahrhundertsommer 2003, dem trockenen Frühsommer 2011 und dem Hitzesommer 2015 erlebt das Land heuer erneut eine Extremsituation, wie sie eigentlich nur alle paar Jahrzehnte auftreten sollte.

Seit Monaten hat es zu wenig geregnet. Die Pegel der Flüsse und vieler Seen sind zu niedrig, die Wassertemperaturen teilweise so hoch, dass ein Fischsterben droht. Zudem herrscht im nördlichen Alpenraum sowie im Wallis große bis sehr große Waldbrandgefahr, mit Feuerverboten in fast allen Kantonen.

Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) spricht von "extremer Regenarmut" und "Rekordwärme". Die Schweiz erlebe die "niederschlagsärmste April-Juli-Periode seit fast 100 Jahren". Im Nordosten des Landes fehlt die Regenmenge von zwei ganzen Monaten.

"Wenn der Regen noch länger ausbleibt, dann erleben wir eine Extremsituation wie im Hitzesommer 2003", sagt Massimiliano Zappa. Er ist Hydrologe an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Der Sommer vor 15 Jahren gilt mit seinen Rekordtemperaturen, den Dürren und den Zehntausenden Hitzetoten als eine der größten Naturkatastrophen Europas.

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Früher schützten sich die Schweizer vor Wasser, heute kämpfen sie gegen Dürren

Ein trockener Sommer wie dieses Jahr, sagen Schweizer Klimaforscher wie Reto Knutti von der ETH Zürich, sei ein Vorbote dessen, was in einigen Jahrzehnten hierzulande normal sein wird. Laut den Klimamodellen nimmt in der Schweiz zwar der winterliche Niederschlag zu; er fällt dann meist als Regen, nicht als Schnee. Im Sommer aber regnet es künftig seltener – und weil gleichzeitig die Gletscher verschwinden, fehlt deren Schmelzwasser. Es wird noch trockener.

Lange konnte sich in der Schweiz niemand vorstellen, dass Quellen versiegen oder Bäche austrocknen würden. Hier, wo die Grundwasservorräte groß, die Seen zahlreich und selbst im Sommer die Flüsse voll sind. Sechs Prozent der Süßwasservorräte des Kontinents liegen in der Schweiz. Wasser war stets im Überfluss vorhanden. Ein Überfluss, der häufig zur Gefahr wurde. Seit Jahrhunderten wappnet sich das Land gegen Überschwemmungen und Hochwasser. Bereits im 15. Jahrhundert sind erste Gewässerkorrekturen zum Schutz vor Überschwemmungen dokumentiert, etwa bei der Engelberger Aa. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts begradigten die Schweizer fast alle Flüsse, legten die Sumpflandschaften trocken, bauten Stauseen und Wehre. In erster Linie, um Strom zu erzeugen, aber auch, um der Fluten besser Herr zu werden. Noch immer fließen Milliarden in den Hochwasserschutz.

An Trockenheit und Dürre dachte kaum jemand im Land. Dieses fehlende Bewusstsein war wohl der Grund, weshalb die Schweiz erst relativ spät damit begann, sich auf die wasserlosen Sommer einzustellen. Das glaubt der Wasserexperte und Chemiker Klaus Lanz vom unabhängigen Forschungsinstitut International Water Affairs in Evilard bei Bern. Lanz forscht seit Jahrzehnten zu Wasserthemen und sagt: "Über viele Jahre haben sich die Verantwortlichen in falscher Sicherheit gewiegt. Man hatte die Vorstellung, dass in der Schweiz das Wasser nie ausgeht."

Das Umdenken geschah erst, als das Wasser langsam knapp wurde, wie im Sommer 2003. "Das war der Warnschuss", sagt Wasserexperte Lanz. Bis dahin fehlten Maßnahmen gegen die Trockenheit.

Die Grundwasserreserven sind niedrig

Die Forschung erkannte Wissenslücken beim nachhaltigen Umgang mit den Schweizer Wasserressourcen. Um diese zu beheben, startete 2010 der nationale Forschungsschwerpunkt "nachhaltige Wassernutzung". Daraus ging etwa das Frühwarnsystem Drought-CH hervor. Es soll dabei helfen, Trockenheit und Niedrigwasser rechtzeitig zu erkennen. Im selben Jahr forderten Vertreter der Landwirtschaft vom Bund Maßnahmen zum Umgang mit Wasserknappheit. Endlich bewegte sich etwas.

"Aber dann regnet es wieder ein paar Sommer genug, und das Thema Trockenheit gerät etwas in Vergessenheit", sagt Klaus Lanz. Er fordert ein neues Verhältnis der Schweizer zum kostbaren Gut Wasser. "Wir müssen vom Überflussgedanken wegkommen."

Es gab in der Schweiz immer wieder trockene, heiße Sommer. Etwa 1976, als ganz Europa von überdurchschnittlicher Hitze betroffen war. Oder 1947, ein Sommer, in dem die Bauern riesige Ausfälle von Heu und Getreide erlitten. Extrem war die Dürre im "großen Sonnenjahr" von 1540, als es in Europa fast elf Monate lang kaum regnete. "Wiesen und Wälder waren gelb vor Hitze und das Erdreich warf hie und da große Spalten", steht dazu in den alten Chroniken der Stadt Zürich. "Die Wälder fingen an zu brennen, Brunnen und Bäche und alle Waldwasser vertrockneten völlig." Der Rhein konnte damals an einigen Stellen in Basel oder in Köln sogar zu Fuß überquert werden.

Das waren jedoch Ausnahmen. Und die Schweiz leidet auch in der aktuellen Trockenperiode nicht an chronischem Wassermangel wie etwa die Länder der Sahelzone. Die Trinkwasserversorgung funktioniert einwandfrei. Die Grundwasserreserven sind selbst in diesem Extremsommer ausreichend, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Die Bauern nehmen Wasser aus Seen und Flüssen, obwohl die Pegel niedrig sind

Dennoch hat sich die Situation verschärft. Vergangene Woche riefen einige Gemeinden wie etwa das zürcherische Urdorf ihre Bürger dazu auf, Wasser zu sparen, weil die Grundwasserreserven bedrohlich niedrig sind. Vor allem in höher gelegenen, abgeschiedenen Ortschaften, die oft nur von wenigen Quellen abhängig sind, kann bei längerer Trockenheit das Wasser versiegen.

Um mit der Wassernot besser umgehen zu können, haben sich in den vergangenen Jahren viele Regionen zu gemeinsamen Trinkwasserverbunden vernetzt. Die meisten Kantone entwickelten zudem eigene Wasserstrategien. So will Bern in den nächsten Jahren Speicherseen für die Wasserbewirtschaftung miteinbeziehen. Zürich empfiehlt effizientere Bewässerungsmethoden und revitalisiert seine Seen und Flüsse.

Beim Trinkwasserverbrauch ist die Schweiz ohnehin vorbildlich: Seit den 1970er-Jahren sank er von 500 auf rund 300 Liter pro Kopf und Tag. Zu verdanken ist dies vor allem sparsamen Geräten, einem verstärkten Bewusstsein in der Bevölkerung, aber auch der Abwanderung wasserintensiver Industriezweige ins Ausland.

Wo der Bedarf an Wasser jedoch steigt, ist in der Landwirtschaft. "Hier gibt es für die zunehmende Trockenheit noch keine gute Lösung", sagt Lanz. Bauern würden zur Bewässerung ihrer Gemüsefelder oft Bäche abpumpen oder das Grundwasser anzapfen. Solange genügend Regen fällt, geht das gut. Doch wenn es sehr trocken ist, wie in diesem Jahr, verschärfen sich die Konflikte – vor allem zwischen Bauern und den Gewässerschützern.

Der Kanton Thurgau hat den Bauern Mitte Juli verboten, Wasser aus Oberflächengewässern zu entnehmen – mit Ausnahme von Rhein und Bodensee. Die Pegel der restlichen Flüsse waren zu niedrig. Im Kanton Zürich reagierten die Behörden mit einer außergewöhnlichen Maßnahme: Bauern dürfen seit vergangener Woche bestimmte "leistungsfähige Gewässer" wie den Zürichsee oder die Flüsse Limmat, Rhein oder Reuss anzapfen, um ihre Felder zu bewässern. Der Kanton spricht von einer "Notsituation". Im Zürcher Furttal planen die Bauern sogar, künftig Wasser aus der Limmat über den Berg zu pumpen, weil sie ab 2022 den stark beanspruchten Furtbach nicht mehr anzapfen dürfen.

Neue Ideen braucht es beim Anbau

Wasserexperte Lanz sagt: "Es ist paradox: Auf die zunehmende Trockenheit haben die Bauern ausgerechnet mit dem Ausbau der Bewässerung reagiert." Noch immer gehe die Landwirtschaft fälschlicherweise davon aus, dass Schweizer Seen und Flüsse unerschöpfliche Reservoire seien. Dabei sind der Walensee und der Bodensee derzeit weit unter Normalpegel, ihre Zuläufe sind zu niedrig, die Wassertemperaturen zu hoch. "Gerade kleinere und mittlere Seen leiden Stress, man sieht es ihnen bloß nicht so deutlich an", sagt Lanz. So verringert sich bei niedrigem Pegel die Durchfließgeschwindigkeit, und die Wassertemperatur steigt.

Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft brauchen die Schweizer Bauern jährlich 144 Millionen Kubikmeter Wasser, um ihre Felder zu gießen, vor allem im Rhonetal, in der Broye-Ebene, in der Ostschweiz um die Thur und im Bieler Seeland. Ein Viertel der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche gilt gemäß einem Bericht der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope als bewässerungsbedürftig. Tendenz steigend.

Mehr bewässern, wenn die Sommer immer trockener werden: Kann das gut gehen? Stephan Müller, Leiter der Abteilung Wasser beim Bundesamt für Umwelt, beschwichtigt: "Davon sind wir noch weit entfernt", sagt er. "Wenn die Schweiz nicht genügend Wasser hat, wer dann?" Man wisse, dass in den großen Flüssen und Seen genug Wasser sei. "Die Landwirtschaft müsste in Transportleitungen investieren", sagt Müller. Damit sie das Wasser dorthin leiten könne, wo es tatsächlich gebraucht werde.

Müller sagt, der Bund sei auf künftige Trockenheit vorbereitet: "Da wurden in den vergangenen 15 Jahren intensiv Maßnahmen entwickelt und Instrumente zur Verfügung gestellt." Auch in der Forschung sei das Thema eigentlich abgehakt, und der Gewässerschutz sei durch die Restwasservorschriften gewährleistet. Nun liegt es an den Kantonen, in einer Trockenperiode den richtigen Umgang mit dem Wasser zu finden. Denn sie verfügen über die entsprechenden rechtlichen Kompetenzen.

Neue Anbaumethoden und Versicherungen anstatt mehr Bewässerung

Allerdings hat die Schweiz noch immer kein Warnsystem, das Trockenperioden längerfristig voraussagt. Bisher sind Prognosen nur auf fünf Tage hinaus möglich. Das Bafu hat deshalb beim Bundesrat die Entwicklung eines System beantragt, das Prognosen von bis zu sechs Wochen erstellen soll. Weil sich aber vor allem die Bauern kritisch äußerten – sie halten das System für nicht praxistauglich –, wurde das Projekt diesen Frühling zurückgestellt.

Wasserforscher Lanz fordert ein grundlegendes Umdenken in der Landwirtschaft, statt die Bewässerung für viel Geld auszubauen und große Gewässer anzupumpen. "Es kann nicht sein, dass man in der Landwirtschaft in immer trockeneren Sommern einfach noch mehr Wasserreserven anzapft." Das führe letztlich zu einer gefährlichen Abhängigkeit, unter der am Ende alle litten: die Bauern wie die Natur.

Neue Ideen braucht es zum Beispiel beim Anbau: weg von bewässerungsintensiven, hin zu hitze- und trockenresistenten Kulturen. So sieht die Klimastrategie des Bundesamts für Landwirtschaft die Züchtung von frühreifen oder tiefwurzelnden Pflanzen vor. Auch den Anbau gänzlich neuer Sorten wie Soja oder Hirse ziehen einige Bauern bereits in Betracht.

Noch effizienter wäre eine Versicherung gegen Trockenheit. Ähnlich wie beim Hagel sollten sich Bauern gegen Ernteverluste durch Dürre versichern können. "Das schützt die Gewässer vor Übernutzung und die Bauern vor Verlusten", sagt Lanz. Für Acker- und Grasland existiert diese Möglichkeit bereits. Nicht aber für Obst- und Gemüsekulturen, die am ausgiebigsten bewässert werden. Lanz ist sich sicher: Nach diesem Sommer wird eine solche Lösung zur Debatte stehen.

Kurzfristig hilft den Bauern und der Natur allerdings nur eines: ausgiebige Regenfälle. Diese sind weiterhin nicht in Sicht. Laut MeteoSchweiz bleibt es noch bis Mitte August heiß und trocken. Immerhin: Die Schweizer Luftwaffe wird nicht außer Übung kommen.

Hören Sie, was die Dürre im Alpenraum anrichtet. In der neuesten Folge des Podcasts Servus. Grüezi. Hallo.

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