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Bundeskanzlerin: Mein Angela-Merkel-Gefühl

Aus der ZEIT Nr. 45/2018
Plötzlich wird der Abschied von der Kanzlerin real. Für unsere Autorin ist das eine Zäsur, auch im eigenen Leben.
Im Sommer besuchte Angela Merkel Dresden. War da die Welt eigentlich noch in Ordnung? © Monika Skolimowska/dpa/pa

Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Mein Angela-Merkel-Gefühl © ZEIT ONLINE

Politische Bilanzen schreiben andere, mein Abschied soll persönlich sein. Auch deshalb gebe ich gern zu, dass ich vor diesem Tag, also vor dem Tag, an dem Angela Merkel ihren Rücktritt ankündigen würde, immer ein wenig Angst hatte. Selbst wenn er in den vergangenen Wochen beharrlich näher zu kommen schien. Manchmal war diese Angst kleiner, in anderen Momenten war sie größer. Aber ohne Angela Merkel wäre dieses Land nicht zu meinem geworden, ohne sie hätte ich darin als Frau, als Ostdeutsche keinen Platz gefunden. Oder anders gesagt: mich wahrscheinlich sehr viel unsicherer gefühlt.

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Ihre Entscheidung, nicht noch einmal für den Vorsitz der CDU zu kandidieren und auch das Amt der Bundeskanzlerin nach dem Ende der Legislatur niederzulegen, hat Angela Merkel mit jener Größe und Würde verkündet, die ich vermissen werde. Für mich ist ihre Kanzlerschaft eine große, wichtige Zeit gewesen, die mich geprägt hat, mich sicher noch lange beschäftigen wird. Das Ende dieser Kanzlerschaft wird auch eine Zäsur in meinem Leben sein. Nicht nur, weil Angela Merkel eben die erste Frau und Ostdeutsche war, die da vor 13 Jahren ins Kanzleramt eingezogen ist, sondern weil stimmte, was zuletzt fast in Vergessenheit geraten ist: Angela Merkel war – ist – als deutsche Bundeskanzlerin neben wenigen anderen leader of the free world. Das auszusprechen ist den Amerikanern stets leichter gefallen als uns. Aber dennoch, Merkels spröder Glanz, ihr so unglamouröser Glamour hat auch auf jene abgefärbt, die ihn stets bestritten haben. Wir alle wurden größer darin.

Mein Deutschland-Gefühl, es ist in Wahrheit ein Angela-Merkel-Gefühl. Ich bin in dieses Gefühl eingezogen wie andere in ein Haus. Ich habe darin genauso selbstverständlich gewohnt wie auch das Kind. Es ist uns mit den Jahren wie zu einer zweiten Haut geworden. Ist es nicht das, was wir Heimat nennen? Ist es nicht das, wonach wir immer suchen, wonach wir uns sehnen? Mit Patriotismus hat das nichts zu tun, für männlichen Patriotismus hat sich Angela Merkel nie geeignet. Er schien nur in kurzen Momenten auf, wenn sie etwa im Fußballstadion saß und nach einem Tor der Nationalelf die Arme in die Höhe riss wie ein ungestümes Kind. In diesen Momenten konnte ich herzhaft lachen und Deutsche sein, in diesen Momenten bin ich es gern gewesen. Auch diese Momente werde ich vermissen.

Und die, wenn sie im Bundestag sprach, wenn sie nach manch durchkämpfter Nacht am folgenden Morgen in einem Fernsehstudio stand und mit Ruhe und Sachlichkeit erklärte, mit welchen nächsten Schritten man welche Vorhaben angehen würde. Sachpolitik gehörte zu jenen Dingen, mit denen mir bei ihr nie langweilig wurde. Sie konnte den Milchpreis erklären, die transatlantischen Beziehungen und das Kindergeld. Den Atomausstieg hat sie einfach durchgezogen, auch okay. Es schien nach Fukushima der richtige Moment. Dass sie die CDU in die Mitte rücken würde, mir war es recht. Ich habe diese Partei, von der wohl im Nachhinein niemand wirklich wird sagen können, ob es je die richtige für Angela Merkel war, nur ihretwegen gewählt. Ich wollte mit ihr noch lange in diesem Deutschland zu Hause sein.

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Ich mag ihre Augenringe, die manchmal größer, manchmal kleiner sind, für mich sind es Augenringe des Vertrauens. Ich mag, wenn sie ihre Hände zu einer Raute faltet, wenn sie sie im Reden in der immer gleichen Bewegung öffnet und wieder schließt. Ich mochte es, wenn sie auf Obama, Putin, Macron oder wen auch immer traf. Stets lief sie, ihre rechte Hand weit ausgestreckt, auf den anderen zu, immer mit einem offenen Blick, manchmal ein bisschen peinlich berührt, wenn die Männer sie allzu fest umarmen wollen. Ich kann es nicht anders sagen, aber ich war in diesem Merkelschen Trippeln durch die Welt mit ihr unterwegs. Als sie den Dalai Lama im Kanzleramt empfing, als sie in Jerusalem erklärte, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson, als sie mit Putin wieder nächtelang um eine Einigung in der Ukrainekrise rang. Ich konnte mir niemand anderen an ihrer Stelle vorstellen.

Keiner stand in all den Jahren ihren Mann wie sie. Was hat sie nicht alles stoisch ertragen! Weggelächelt beinahe. Was für einen Panzer muss sie sich angelegt haben, um so weit zu kommen. In ihren frühen Jahren als Ministerin war alles an ihr im besten Falle komisch, unpassend eigentlich: Klamotten, Frisur, Lächeln, Gesten. Als sie 2005 endlich Kanzlerkandidatin wurde, haben viele, zu viele Journalisten gefragt: Kann die das überhaupt?

"Wir schaffen das" war ein Kompliment an uns

Und haben natürlich nicht jene Parteivorsitzende und Oppositionsführerin gemeint, die die CDU nach der Spendenaffäre um Helmut Kohl am Leben gehalten hat, nein: Man hat natürlich die Frau und Ostdeutsche gemeint.

Kann eine Frau das? Kann eine Ostdeutsche das? Auch in diesen Momenten fühlte ich mich mitgemeint, auch in diesen Momenten wurde mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, wie viel mehr eine Frau leisten musste, wie viel mehr Leistung von ihr erwartet wurde. Es wird vielen Frauen so gegangen sein. Das wird einer der Gründe sein, weshalb es ihr in all den Jahren so schwerfiel, auch öffentlich eine Frau zu sein, auch öffentlich zu ihrer ostdeutschen Herkunft zu stehen. Wie sehnsüchtig habe ich all die Jahre auf mehr gehofft, auf mehr gewartet. Als ich ihr einmal, das einzige Mal persönlich begegnete, führte sich mich in ihrem Büro zu einem großen Schachbrett, das ihr auf einer Reise geschenkt worden war. Die Dame in diesem Spiel war größer als alle anderen Figuren, sie zeigte auf sie und sagte schelmisch: Die Dame ist am Zug.

Auf einer großen Bühne hat sie leider äußerst selten so gesprochen, nur in den vielen Porträts, die über sie erschienen, war immer zu lesen, wie schlagfertig und witzig sie sein könne. Vielleicht werden wir eines Tages erfahren, ob diese Scheu in ihrem Charakter liegt oder ob sie sie schlicht für eine nötige Anpassungsstrategie an eine männlich und westdeutsch dominierte Gesellschaft hielt.

Viele Ostdeutsche haben ihr diese Zurückhaltung nicht verziehen. Und so weiß ich, dass ich mich mit diesem Text vor allem in den Augen einiger meiner ostdeutschen Landsleute ziemlich lächerlich mache. Ich habe deren Wut auf den Marktplätzen gesehen, ich habe ihre Pfiffe und "Merkel muss weg"-Schreie mehr als einmal gehört. Sie klangen ohrenbetäubend. Angela Merkel war in solchen Momenten nicht zu beneiden, sehr einsam stand sie da ihren eigenen Leuten gegenüber. Natürlich waren auch das historische Momente.

War deren Wut mein Ansporn? Kam daher mein Respekt für sie? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich bis zuletzt die Hoffnung nicht aufgeben wollte. Darauf, dass dieser Spalt sich wieder schließt, dass sie ihn wieder wird schließen können. Nicht nur, damit ich diese beiden Enden, die gleichsam die beiden Enden meiner Herkunft sind, eines Tages wieder werde zusammenbringen können. Ihren Weg in die Machtzentren der Welt und die Wut der Ostdeutschen, die sie hinter sich ließ. Das ist auch eine nicht unwesentliche Geschichte unserer Gegenwart. Sie bleibt vorerst ungelöst.

Ihre Entscheidung, die deutschen Grenzen im Sommer 2015 in Anbetracht der Hunderttausenden von Flüchtlingen nicht nur nicht zu schließen, sondern damit eine Willkommenskultur zu stiften, das bleibt der strahlendste Moment ihrer Kanzlerschaft. Ich sage das, obwohl ich weiß, dass es das Land zerrissen hat und noch immer zerreißt. Dass es der Grund dafür ist, dass sie nun ihren Rückzug angekündigt hat. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir eines Tages feststellen werden, dass sie recht hatte. Dass ihr "Wir schaffen das"-Satz das größte Kompliment gewesen ist, dass sie uns machen konnte. Sie hat uns Deutschen damit ein Stück ihrer Größe und Würde als Auftrag zurückgegeben. Und wir werden es schaffen, nun auch ohne sie.

Eigentlich sagt man das nur über Männer. Aber nun sage ich es über sie: Angela Merkel ist ein großer Staatsmann. Eine große Staatsmännin. Oder nein, sagen wir doch am besten gleich: Angela Merkel ist eine große Staatsfrau.

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