FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Dürresommer: Heu-Noon im Norden

Aus der ZEIT Nr. 02/2019
Nach dem Dürresommer ist das Futter knapp. Pferdebesitzer fürchten um das Wohl ihrer Tiere, Landwirte schützen sich vor Dieben. Nur ein Bauer bei Cuxhaven hat clever vorgesorgt.

Es dämmert bereits, als Hans-Hermann Ropers über seinen Hof in der Nähe von Cuxhaven hetzt, vorbei an einer dröhnenden Maschine, die grüngoldene Heuquader ausspuckt, vorbei an zwei Lastwagen, auf denen steht: "Alle Tiere sind froh, Ropers liefert Heu und Stroh".

Ropers, volles weißes Haar und weiche Gesichtszüge, führt zu einer großen Halle und redet dabei so schnell, dass nur Atempausen ihn unterbrechen: "Mein Opa hat Land gekauft, mein Vater, ich, meine Söhne kaufen Land. Nun wissen wir, wofür es gut ist. Alle brauchen Heu – und ich bin einer der wenigen, der welches hat." Früher habe er ja noch die Spedition und den Fruchthof gehabt, aber da schrumpften die Margen, "die Butter aufs Brot wird immer dünner". Da müsse man umsatteln, umdenken. "Wenn alle Kartoffeln anbauen, baue ich keine Kartoffeln an, sondern mache Heu."

Anzeige

Hans-Hermann Ropers erntet es auf 550 Hektar, "auf bestem Elbe-Marschland", wie er sagt. Von hier aus liefern er und seine beiden Söhne Heu- und Strohballen in die ganze Republik und darüber hinaus. Im Moment, so sagt der 61-Jährige, sei Heu "das Gold der Landwirtschaft".

Weil es monatelang nicht regnete, brachte der erste Heuschnitt im Frühsommer nur halb so viel Ertrag ein wie sonst. Gleiches beim zweiten und dritten Schnitt. Zusätzlich hat die gleißende Sonne am wolkenlosen Himmel das Gras versengt. Deshalb müssen viele Tiere zusätzlich gefüttert werden, obwohl sie zum Grasen auf der Weide stehen.

Kühe können leicht mit Alternativen gefüttert werden, etwa mit Maissilage, Pferde hingegen nicht. Daher trifft die Heuknappheit besonders die eine Million Pferdebesitzer in Deutschland, vor allem die im Norden und im Osten, wo kaum Regen gefallen ist. Sie müssen sich etwas einfallen lassen, um ihre empfindlichen und wertvollen Tiere zu versorgen. Manche ordern das Heu per Spedition aus Bayern, aus Österreich oder aus Polen. Andere fahren, den Anhänger hinterm Auto, selbst von Hof zu Hof, um Kosten zu sparen. Denn der Preis ist seit dem Frühsommer von rund 40 Euro auf bis zu 100 Euro pro Rundballen gestiegen.

Anzeige

Diejenigen, die nicht rechtzeitig vorgesorgt haben, fürchten, am Ende des Winters mit leeren Raufen dazustehen. Raufe, so heißt das Gestell, in das Heu gelegt wird, damit die Tiere sich bedienen können. Deshalb steht seit Monaten beim Heuhändler Ropers das Telefon nicht still. "Die E-Mails drucke ich nur noch aus und hefte sie weg", sagt er, während er die Tür zu der Halle öffnet und die Stufen einer schmalen Holztreppe betritt.

Dass er noch Heu hat, liegt an der Größe der Flächen, die er bewirtschaftet. Außerdem hat Ropers das ganze Jahr über Heu zugekauft, hat seine Vorräte aufgefüllt: "Andere machen viel Klein-Klein, aber ich bin Kaufmann, bei mir läuft das über die Menge."

Es liegt aber auch an einer waghalsigen Entscheidung aus dem Jahr 2015. Damals baute er sich eine Heutrocknungsanlage auf den Hof, ebenjene Anlage, in der Ropers nun emporsteigt. "Manche dachten, der Ropers, der spinnt. Und entweder wäre ich mit der Investition komplett baden gegangen, oder sie zahlt sich eben richtig aus", sagt er und grinst.

"Dann gibt es einen Heukrieg!"

Normalerweise trocknet Heu nach dem Mähen bis zu sechs Tage draußen. Bei Ropers nur maximal drei, die restlichen in der Anlage. "Wir sind damit fast vom Wetter unabhängig. Die Stromkosten sind der einzige limitierende Faktor", sagt Ropers. Deshalb konnte er 2017, als es sehr feucht war, durchgehend Gras mähen, trocknen und Vorräte in seinen Scheunen anhäufen. Dieses Jahr half ihm der trockene Sommer, Wiesen zu befahren und zu mähen, die sonst zu nass sind. Und im Oktober, November, nachdem doch noch etwas Regen gefallen war, konnte er eine Ernte durchtrocknen – während bei den meisten anderen Landwirten im September Schluss war.

"Wenn der Winter lang wird, dann gibt es einen Heukrieg!", prognostiziert Ropers. Das mag übertrieben klingen. Doch die Heuknappheit setzt mancherorts schon jetzt kriminelle Energien frei.

Monika Herrmann hat das selbst erfahren müssen. Die Stiefel der 40-Jährigen schmatzen über die aufgeweichte Einfahrt der Klinkerscheune im Nordosten Hamburgs. Begleitet von zwei Hunden geht sie hinüber zu einer Koppel, auf der das Pony Rodi und das Großpferd Chicago an einer Raufe stehen und mit ihren Kiefern gelbgrüne Halme zermahlen. Idyll auf einem Pferdehof.

Doch Herrmann sieht die Szene etwas anders: Hunderte Kilometer habe sie die letzten Monate hinter dem Lenkrad gesessen, ist quer durch Norddeutschland gefahren, habe Dutzende E-Mails geschrieben und Preise verhandelt. Damit Rodi, Chicago und die 28 anderen Pferde des Hofes jetzt etwas zu kauen haben.

Nicht immer lief dabei alles glatt: Im Juli habe sie bei einer Landwirtin aus der Nähe von Elmshorn 200 Ballen bestellt, die die Pferde über den Winter gebracht hätten. 500 Euro habe sie angezahlt, die erste Fuhre mit zwölf Ballen im August abgeholt. Als sie am nächsten Tag wiederkommen wollte, sei niemand mehr ans Handy gegangen – und die übrigen Ballen hätten wieder im Internet gestanden: zum doppelten Preis. "Ich war so wütend", sagt Herrmann.

In den Herbstmonaten, als noch Ballen auf den Feldern lagen, häuften sich dann Berichte von Diebstählen in den Lokalzeitungen: Bei Putlitz in Brandenburg seien 88 Ballen von der Weide gerollt worden (Märkische Allgemeine), bei Salzwedel in Sachsen-Anhalt 58 (Volksstimme), bei Wulften in Niedersachsen immerhin sechs (Göttinger Tageblatt). Als die ZEIT bei den Inhabern von einem Dutzend Pferdehöfen in Nord- und Ostdeutschland nachfragt, wird deutlich: Jeder kennt jemanden, dem Ballen abhandengekommen sind. Einige Landwirte haben die Ballen deswegen nah an die Wohnhäuser geholt, manche Überwachungskameras installiert.

"Bei uns ist Diebstahl kein Problem", sagt Monika Herrmann und nickt mit dem Kopf zu ihren zwei fast hüfthohen Hunden: "Die würden das merken." Viel eher ein Problem sei, an hochwertiges Heu zu kommen. Oft sei dieses Jahr in die Ballen geraten, was dort nicht hineingehört: Binsen, Farne, Schilf.

Einige Bundesländer haben wegen der Trockenheit die sogenannten ökologischen Vorrangflächen zur Heuernte freigegeben. Das sind Wiesen, die von Landwirten als Brachen angelegt werden, um die Artenvielfalt zu fördern – und Anspruch auf bestimmte EU-Zuschüsse geltend zu machen. Werden diese Flächen gemäht, kann die Heuqualität leiden – im schlechtesten Fall geraten Giftpflanzen wie der Sumpfschachtelhalm oder das Jakobskreuzkraut in das Futter.

"Die Pferde fallen nicht sofort tot um, aber die Giftstoffe lagern sich ab", sagt Herrmann. Sie muss garantieren, dass alle Pferde auf dem Hof gutes Futter bekommen. "Ich kann den Pferden ja nicht irgendetwas geben, dann werden sie krank."

"Pferde brauchen ständig kaufähiges Material"

Einfach ersetzen durch Kraft- oder Trockenfutter lasse sich das Heu nicht, sagt Ingrid Vervuert. Sie ist Fachtierärztin für Tierernährung und Privatdozentin an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. "Pferde sind Pflanzenfresser, die sich sehr lange mit der Futteraufnahme beschäftigen. Und Heu ist der Hauptanteil der Futterration", sagt Vervuert. 14 bis 18 Stunden am Tag mahlen die Pferde darauf herum.

Füttert man zu viel Kraftfutter, fehlt ihnen die Beschäftigung. "Sie brauchen ständig kaufähiges Material. An einem Kilo Hafer frisst ein Pferd aber nur zehn Minuten", erklärt Vervuert. Fehlt das Material zum Kauen, können Verhaltensstörungen die Folge sein, zum Beispiel knabbern die Tiere dann am Holz ihrer Box herum. Außerdem steigt das Risiko für Magengeschwüre, wenn weniger Speichel produziert wird, der als Puffer für die Magensäure dient. Und auch die Darmflora der Pferde kommt durcheinander, wenn ausschließlich Kraftfutter oder Stroh gefüttert wird, sodass Koliken entstehen können.

"Ich sehe jedoch nicht, dass nun allen Pferden eine Mangelernährung droht. Man muss nur schlau kombinieren", sagt Vervuert. Sie hat schon im September ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie Hinweise zur Fütterung während der "Versorgungsengpässe" gibt. Pferde könnten beispielsweise an Stroh gewöhnt und das Heu damit um ein Drittel gestreckt werden. Möhren und Rübenschnitze ergänzten den Speiseplan. Und manchen Pferden täte auch eine leichte Diät gut. "Über einen gewissen Zeitraum kann man mit der Knappheit ohne Nachteile für das Tier umgehen."

Doch weil niemand so genau weiß, wann im neuen Jahr der erste Heuschnitt kommen und wie ertragreich er sein wird, und weil die Pferdehöfe lieber etwas Puffer haben, fährt bei Hans-Hermann Ropers nun täglich ein Lastwagen vom Hof.

Er hat die Holztreppe hinter sich gelassen und steht nun auf einer Balustrade etwa zehn Meter über dem Boden. Darunter ist die Halle in drei Boxen unterteilt. Unter der Decke läuft eine Schiene, auf der ein ausfahrbarer Kran mit einer überdimensionierten Heugabel befestigt ist. Während der Saison strömt 30 Grad warme Luft von unten in die Boxen hinein und nimmt die Nässe aus dem Heu. Dann wird die Luft wieder entfeuchtet und von zwei Ventilatoren erneut in die Boxen geblasen. "Wie beim Haareföhnen", schwärmt Ropers. Jetzt ist das letzte Heu vom November getrocknet, die Anlage ist ausgeschaltet. Nur ein paar meterhohe Haufen liegen auf dem Boden der Boxen, wie Laub in einem leeren Schwimmbecken.

"Alle brauchen Heu, ich hab es", sagt er nicht ohne Stolz mit Blick in die Halle. Auch wenn er die Kredite noch abbezahlen müsse, für die Heutrocknungsanlage, für die neuen Traktoren: Spränge Ropers nun in einen der grüngelben Heuberge hinein, es würde aussehen, als spränge Dagobert Duck in seine Goldtaler.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Startseite
Anzeige