FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINEFacebookFlipboardMailFacebook MessengerPockettwitterWhatsappZ+
Anzeige

Günter Nooke: "Der Zeitgeist war so"

Aus der ZEIT Nr. 10/2019
Der Bürgerrechtler Günter Nooke findet: Man hätte die ostdeutschen Probleme viel früher lösen können – die Nachwende-Ministerpräsidenten wollten nur nicht über "den Osten" sprechen. Hat man zu lange geleugnet, dass die neuen Länder gemeinsame Nöte haben?
"Manche waren von der Einheit so berauscht, dass sie sagten: Das dürfen wir auf keinen Fall gefährden, indem wir weiter in Ost und West unterscheiden." © Espen Eichhöfer/OSTKREUZ für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr Nooke, Sie sind nicht nur ein langjähriger Weggefährte von Angela Merkel und Afrika-Beauftragter der Bundeskanzlerin – sondern auch einer der letzten Bürgerrechtler, die noch in der Bundespolitik aktiv sind. Freut es Sie, dass zurzeit wieder oft von Ostdeutschland die Rede ist, von ostdeutschen Bedürfnissen?

Anzeige

Günter Nooke: Es verwundert mich eher, um ehrlich zu sein. Ich erinnere mich an ganz andere Zeiten. Zeiten, in denen man vom Osten am liebsten nicht redete. Als ich vor zwei Jahrzehnten, im Jahr 2000, Sprecher der ostdeutschen CDU-Abgeordneten wurde, habe ich das erlebt.

ZEIT: Was genau erlebten Sie da?

Nooke: Ich erhob Forderungen für die neuen Länder, aber das kam nicht bei allen gut an. Unter anderem bei so einigen in meiner Partei. Ich weiß noch, dass ich damals eine Rede im Bundestag hielt. Ich hatte einen Antrag namens "Im Osten was Neues" erarbeitet, es ging um den Aufbau Ost. Ganz selbstverständlich habe ich von Ostdeutschland gesprochen. Denn ich finde: Wer den Osten nicht benennt, der kann auch nichts für ihn fordern. Einen Tag später fuhr ich nach Thüringen zu einem Besuch beim damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel.

ZEIT: Was sagte der zu Ihnen?

Anzeige

Nooke: Bernhard Vogel bat mich, nicht diese "Ostkarte" zu ziehen. Er war der Meinung, dass wir sonst der Spaltung des Landes das Wort redeten. Nach dem Motto: Wir haben die Mauer überwunden, wir wollen jetzt die Einheit feiern, und die Unterschiede zwischen Sachsen und Bayern sind keine anderen als zwischen Schleswig-Holstein und Bayern.

ZEIT: Was haben Sie entgegnet?

Nooke: Ich war der Meinung, dass es Probleme gibt, die alle neuen Länder betreffen. Diese Probleme waren damals sogar noch offensichtlicher als heute. Es gab fast fünf Millionen Arbeitslose im Land, davon überproportional viele im Osten. Schon da war absehbar, dass die gebrochenen Erwerbsbiografien irgendwann einmal ein riesiges Rentenproblem darstellen werden. Dass die neuen Länder ihre Fürsprecher benötigen. Für mich hatte das nichts mit neuer Spaltung zu tun, sondern mit politischem Handwerk. Zu viele Positionen in den neuen Ländern wurden schon damals von Westdeutschen besetzt.

ZEIT: Wer außer Bernhard Vogel hatte noch ein Problem mit Ihrer Forderung nach Hilfe für den Osten?

Nooke: Der Zeitgeist war so. Keiner wollte die umbenannte Ostpartei PDS unterstützen, ich auch nicht. Manche waren von der Einheit so berauscht, dass sie sagten: Das dürfen wir auf keinen Fall gefährden, indem wir weiter in Ost und West unterscheiden. Ich kann mich auch erinnern, dass Helmut Kohl mich einmal für meinen Einsatz kritisiert hat. "Nehmen Sie sich ein Beispiel an Vera Lengsfeld", erklärte er mir.

ZEIT: Warum?

Nooke: Weil Frau Lengsfeld, die damals meiner Fraktion angehörte, vor allem die SED kritisierte – und für alles verantwortlich machte, was schieflief im Osten. Das war natürlich bequem. Kritik an der SED wollten die Westdeutschen hören, aber Kritik an der aktuellen Lage im Osten? Besser nicht. Dabei finde ich bis heute: Wenn man Wähler gewinnen will, muss man sich um sie kümmern. Viele Ostdeutsche sind in der DDR sozialisiert worden, haben Kindergeburtstage gefeiert und Urlaube gemacht, haben eigene Lebensgeschichten. Diese Art von Leben, das kann man nicht einfach abschneiden. Diktatur ist vor allem eine politische Erfahrung. Für die meisten Menschen wird der Alltag aber nicht zuerst und vor allem durch Politik bestimmt.

ZEIT: Die prägenden Nachwende-Ministerpräsidenten versuchten, jeweils eine starke regionale Identität zu schaffen. Kurt Biedenkopf schwärmte von seinem Sachsen, Bernhard Vogel von seinem Thüringen. Haben sich Ostdeutsche nach 1990 nicht genau das gewünscht: etwas anderes zu sein als die Ex-DDRler, die Ossis eben?

Nooke: Einige Jahre nach der Einheit verbreitete sich so eine Stimmung, ja. Nach dem Motto: Jetzt müssen wir uns hier im Osten mal selber sortieren, wir können nicht immer noch weitere Wünsche an den Westen formulieren. Das war ein Denkfehler. Die Bayern wären nie solch einem zweifelhaften Verhalten verfallen! Die reden deswegen so viel über Bayern, weil sie ständig Forderungen für sich erheben und diese damit auch durchsetzen. Heute brechen neue Konflikte zwischen Ost und West auf. Ich finde das ein bisschen frustrierend. Und ja, ich bin der Meinung: Vielleicht haben auch die aus Westdeutschland kommenden Ministerpräsidenten einen Anteil daran, dass nicht vor zwanzig Jahren in dieser Sache mehr erreicht wurde.

"Eigentlich bin ich gegen Quoten"

ZEIT: Spielte es eine Rolle, dass Biedenkopf und Vogel ursprünglich aus dem Westen kamen?

Nooke: Das müssen Sie die beiden fragen. Aber ich glaube schon, dass man nicht gerne über etwas redet, das man nicht ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Beide waren erfolgreiche Ministerpräsidenten, die ihre Länder hervorragend aufgebaut haben. Ich will ihre Lebensleistung nicht schmälern. Es geht mir nur darum, ein Verständnis zu entwickeln für das, was damals falsch gemacht wurde, weil wir uns nun wieder ähnliche Fragen stellen müssen. Reden wir von Ostdeutschland, oder sagen wir, Ostdeutschland gibt es gar nicht mehr? Und da sage ich eben: Es war ein Fehler, dass nach der Wiedervereinigung Sachsen, Thüringer, Brandenburger eher für sich gekämpft haben.

ZEIT: Welche Folgen hatte es, allein das Wort Ostdeutschland zu vermeiden?

Nooke: Weitreichende. Die neuen Länder haben sich zwar insgesamt gut entwickelt. Aber es sind Fehler gemacht worden bei der Einheit und in den Jahren danach. Die Ansiedlung von großen Wirtschaftsunternehmen ist nicht gelungen, es gibt bis heute keinen ostdeutschen Dax-Konzern. Auch die Besetzung von wichtigen Positionen mit fähigen Leuten ist nicht immer geglückt. Ganz abgesehen davon, dass die allermeisten Chefposten in den neuen Ländern nach wie vor Westdeutsche innehaben.

ZEIT: Nach 1990 brauchte man Expertise aus dem Westen.

Nooke: Heute frage ich mich manchmal: Warum wurden zum Beispiel die Professorenstellen nur mit Westdeutschen besetzt? Vielleicht hätten wir in der Volkskammer mehr Wissenschaftler aus dem Ausland, zum Beispiel aus der damaligen Sowjetunion, ganz schnell einladen sollen, damit sie von März bis Oktober 1990 neue Lehrstühle aufbauen – und unsere eigenen Leute an- und einweisen, dann zu übernehmen.

ZEIT: Inzwischen diskutiert das Land über eine Ostquote. Was denken Sie darüber?

Nooke: Heute befinden wir uns in einer Situation, in der sich der Osten vielfach nicht repräsentiert und verstanden fühlt. Wir, also meine Generation, hat es nicht geschafft, dieses Problem zu lösen, und jetzt müssen die Jüngeren mal sehen, wie sie das anstellen. Eigentlich bin ich gegen Quoten.

ZEIT: Aber?

Nooke: Allein den Umstand, dass wir diese Debatte führen, finde ich schon gut. Vielleicht nützt es etwas.

ZEIT: Sehen Sie sich denn als Ostdeutschen?

Nooke: In Abgrenzung zur SED habe ich mich, solange die Mauer stand, bewusst einen Deutschen genannt, nicht etwa einen DDR-Bürger. Auch das Ostgejammer der PDS in den Neunzigern hat mir nicht gefallen. Aber gerade deswegen wollte ich Herrn Gysi dieses Thema nicht überlassen. Klar, ich bin auch ein Ostdeutscher.

ZEIT: Sie wurden im Jahr 2000 Vize-Chef der CDU-Fraktion, Angela Merkel wurde Parteivorsitzende. Deswegen riefen Journalisten schon das Ende der Bonner Republik aus, Sie beide hätten die Debatten über den Osten verändern können.

Nooke: Na ja, als Angela Merkel CDU-Vorsitzende wurde, hat sie natürlich relativ wenig vom Osten geredet. Das war auch internen Machtkonstellationen geschuldet, sie musste ja sehen, dass sie als Chefin der Bundespartei Akzeptanz findet und Unterstützer.

ZEIT: Ist das der Grund dafür, dass Angela Merkel im Osten heute nicht gerade geliebt wird?

Nooke: Das glaube ich nicht, sie wurde doch sehr geschätzt. Erst im Herbst 2015, nachdem so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, hat sich die Wahrnehmung der Politik von Frau Merkel verändert.

ZEIT: Sie haben einiges mit Angela Merkel gemeinsam. Beide kommen Sie aus Brandenburg. Sie aus Forst in der Lausitz, Merkel aus der Uckermark. Beide studierten Sie Physik in der DDR, bauten 1989 den Demokratischen Aufbruch auf, gingen in die Politik. Sind Sie Freunde?

Nooke: Ich bin nicht ihr engster Vertrauter. Aber wir kennen uns schon lange und arbeiten seit Jahren zusammen.

ZEIT: Wo haben Sie beide sich kennengelernt?

Nooke: Es gab im September 1989 eine öffentliche Veranstaltung in Templin, auf der wir uns erstmals begegnet sind. Einige Monate später begegnete ich Angela Merkel zum zweiten Mal. Ich saß im Büro des Demokratischen Aufbruchs, da klopfte sie an und fragte, ob sie mitmachen kann. "Geh mal da rein", habe ich ihr gesagt und sie ins nächste Büro gewinkt. Von da an war sie unglaublich engagiert. Länger kannte und kenne ich ihren Bruder, er ist Wissenschaftler, hat ebenfalls in Leipzig Physik studiert.

"Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben?"

ZEIT: Der Demokratische Aufbruch fusionierte im Sommer 1990 mit der CDU, Angela Merkel machte in der Partei schnell Karriere. Sie aber wechselten zunächst zu Bündnis 90. Warum?

Nooke: Das hatte mehrere Gründe. Mir hat es unter anderem nicht gepasst, dass wir bei den Wahlkämpfen zur Volkskammerwahl im März 1990 nur die bekannten westdeutschen Politiker auf die Bühne geholt haben. Im Sinne eines eigenständigen Weges in die Einheit fand ich das ein bisschen schade. Und ich hatte den Eindruck, dass wir unseren gerade gewonnenen Einfluss schon wieder abgeben. Das bestätigte sich später auch in der Volkskammer, die ja 1990 erst- und letztmals frei gewählt wurde.

ZEIT: Und ihren Einfluss an den Westen abgab?

Nooke: Es saßen viele Leute in der Volkskammer, die Politik naturgemäß nicht gelernt hatten: Naturwissenschaftler, Ärzte, Theologen. Vielleicht waren wir nicht raffiniert genug. Die Staatsverträge, die Währungsunion – da sind jeweils so viele Passagen drin, in denen der Osten erklärt, worauf er freiwillig verzichtet! Das lag auch an uns Ostdeutschen selber, das haben wir Ossis selber versiebt. Viele von uns wollten in die Einheit und dachten, wenn es dann so weit ist, brauchen wir uns um nichts mehr zu kümmern. Aber so funktioniert Politik nicht. Wir haben uns viel zu früh schon von Beamten aus Bonn in die Entscheidungsfindung hineinreden lassen. Hätten wir mehr politische Erfahrung gehabt, wäre die Einheit anders verlaufen.

ZEIT: Die Idee, dass eine Treuhand sich um die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft kümmern solle, geht auch auf Sie zurück.

Nooke: Ja, aber unsere Idee der Anteilsscheine am Volkseigentum war etwas völlig anderes als das, was dann ablief. Wir hätten die unrentablen Betriebe schneller dichtgemacht, dafür die ostdeutschen Unternehmer-Typen früher und stärker unterstützt. Nur ein Beispiel: Auf meinem Arbeitsweg in Brandenburg eröffnete damals ein Mann aus Baden-Württemberg einen Bratwurstverkauf im Campinganhänger. Das hätte auch ein Ossi machen können. Aber kein Ossi hatte die 10.000 D-Mark für den Campinganhänger. Es fehlte das Startkapital.

ZEIT: Viele Bürgerrechtler waren frustriert, dass ihre Möglichkeiten, mitzureden, kleiner wurden. Dass auf ihre Ideen kaum mehr gehört wurde. Sie selbst wechselten 1996 doch noch in die CDU, zusammen mit Vera Lengsfeld und Angelika Barbe, die zuvor auch anderen Parteien angehörten. Heute haben sich Lengsfeld und Barbe, ähnlich wie viele andere 89er, eher der Neuen Rechten zugewandt. Was, glauben Sie, ist der Grund dafür?

Nooke: Ich habe nicht so einen engen Kontakt zu beiden. Vielleicht liegt es daran, dass einer, der das Gefühl hat, nicht mehr alles sagen zu können, was er denkt, in eine Art Gegenreaktion gerät. Sodass er plötzlich Dinge deutlicher sagt, die er so vielleicht gar nicht meint.

ZEIT: Ist es denn so, dass man nicht mehr alles sagen kann, was man denkt?

Nooke: Man darf schon alles sagen, aber man bekommt auch schnell einen Stempel aufgedrückt.

ZEIT: Sie sind seit dem Jahr 2010 Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin – und standen vor einigen Wochen selbst in der Kritik. Wissenschaftler warfen Ihnen vor, stereotype Bilder über Afrika zu verbreiten, weil Sie von "Clanstrukturen" sprachen und von geringerer Arbeitsproduktivität wegen der hohen Temperaturen. Haben Sie da einen Fehler gemacht?

Nooke: Ich bin immer dafür offen, inhaltlich zu diskutieren: Ist das richtig, was ich gesagt habe? Stimmen die Fakten? Deswegen hatte ich die Vertreter des Fachverbandes Afrikanistik zu einem Gespräch eingeladen, das auch für Journalisten zugänglich war. Ich habe gesagt, was mich geärgert hat, etwa dass mit Totschlagargumenten hantiert wurde: mit dem Wort "Rassismus". Und die Interviewaussagen von mir belegt. Aber inzwischen haben wir uns, wie gesagt, ausgetauscht, und deswegen will ich die Debatte jetzt aus der Ferne nicht mehr weiterführen.

ZEIT: Als Afrikabeauftragter ist es Ihre Aufgabe, auch autoritäre Machthaber zu besuchen. In der Wendezeit haben Sie es selbst kritisiert, wenn westliche Staatschefs sich mit DDR-Offiziellen getroffen haben. Denken Sie daran in Ihrem heutigen Amt mitunter zurück?

Nooke: Ja, natürlich. Ich frage mich jedes Mal: Musst du jetzt ein schlechtes Gewissen haben? Oder hast du genug gesagt, genug kritisiert? Ich sitze ja wirklich auch mit Diktatoren auf der Couch, und natürlich nutzen die diese Bilder in den Medien ihres Landes für ihre eigene Reputation und ihre Wahlkämpfe. Das ist schon eine Herausforderung. Als François Mitterrand im Dezember 1989 Hans Modrow besuchte, als hätte es keine Friedliche Revolution gegeben – da fand ich das blamabel. Aber ich bin prinzipiell der Meinung, dass man im Gespräch bleiben sollte. Weil man sonst erst recht nichts ändern kann.

Startseite
Anzeige