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Geldanlage: Knausern für die Rente mit 40

Lohnt es sich, sparsam zu sein, um früh in Rente zu gehen? Ja, finden Anhänger der Bewegung FIRE. Sie legen den Großteil ihres Gehalts an, um nicht so lange zu arbeiten.
Lars Hattwig, 48 Jahre, bezeichnet sich als "finanziell frei". © Marcel Maffei für ZEIT Online

Doch, sagt Lars Hattwig, er habe sich schon manchmal knausrig gefühlt. Wenn er im Supermarkt die billigsten Lebensmittel kaufte oder den Besuch bat, sich nicht so lange die Hände zu waschen. Und als er die LED-Lampen in seiner Wohnung installierte, die weniger helles Licht geben und dafür langfristig weniger Strom verbrauchen. "Aber das war nur eine Phase", sagt er. Für eine Weile lebte der 48-Jährige aus Berlin von ein paar Hundert Euro im Monat und investierte bis zu 70 Prozent seines Einkommens in Wertpapiere.

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Das Ziel: Finanzielle Freiheit

Sparen war zum Sport für ihn geworden. Sein Ziel bestand darin, ein Leben zu haben, zu dem Arbeit nicht mehr zwingend dazugehören muss. Vor vier Jahren hat er seinen Job als Meteorologe aufgegeben. Rund zwei Jahrzehnte hatte er in dem Beruf gearbeitet, zuerst im Schichtdienst, später als Abteilungsleiter. Die Aufgabe habe ihm durchaus Freude gemacht, sagt er. Aber noch mehr Spaß bereite es ihm, spontan eine Radtour zu machen, an den See zu fahren oder einen YouTube-Kanal zu betreiben. Hattwig ist "finanziell frei", wie er es nennt. Jahrelang lebte er so sparsam und konnte so viel Geld in Kapitalanlagen stecken, dass er heute von Zinseinnahmen und Dividenden leben kann.

Hattwig hat das Prinzip befolgt, das in den USA unter dem Namen FIRE bekannt wurde: Financial Independence, Retire Early; finanziell unabhängig werden, um sich frühzeitig in den Ruhestand verabschieden zu können. In Deutschland bezeichnen sich viele Anhänger der Bewegung als Frugalisten. Der Begriff leitet sich vom lateinischen und auch im Englischen genutzten Wort "frugal" ab und bedeutet so viel wie "einfach" oder "sparsam". Die Frugalisten entscheiden sich für ein Leben, das nach dem Gegenteil dessen klingt, was Abreißkalender und Poesiebücher predigen: Carpe diem, lebe jeden Tag, als könnte es dein letzter sein. Wer nach der finanziellen Unabhängigkeit strebt, schränkt sich im Hier und Jetzt ein, um schon vor dem Renteneintrittsalter nicht mehr arbeiten zu müssen. "Mich hat es vor allem gereizt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen", sagt Frugalist Hattwig.

Wie viele Menschen in Deutschland frugal leben, ist unklar. Es gibt keinen Dachverband, in dem sich die Anhänger der Bewegung organisieren. Außerdem ist nicht definiert, ab welcher Sparquote jemand ein Frugalist ist. Zu den Anhängern der Bewegung gehören Männer und Frauen, die sich seit zwei, drei Jahren vermehrt online austauschen, zum Beispiel in Finanzforen auf Facebook. Viele der Blogbetreiber sind in den Dreißigern und männlich, es gibt aber auch Studenten, die noch sparsamer leben, als man das in dieser Lebensphase ohnehin schon muss.

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Wie viel Geld braucht man zum Leben?

Als Vorreiter der Bewegung gilt der kanadische Blogger Peter Adeney, besser bekannt unter seinem Pseudonym und dem gleichnamigen Blog Mr. Money Mustache. Der Softwareingenieur, inzwischen Mitte vierzig, setzte sich mit Anfang 30 zur Ruhe, um eine Familie zu gründen. Um sein Ziel zu erreichen, sparte er, ein Gutverdiener, über einige Jahre hinweg einen sechsstelligen Dollarbetrag an. Irgendwann hatte er eine Summe erreicht, die hoch genug war, um von den Kapitalerträgen leben zu können, ohne die Gesamtsumme antasten zu müssen. Wie hoch der Kapitalstock insgesamt sein muss, hängt davon ab, wie viel Geld man zum Leben braucht.

Viele Frugalisten gehen von 400.000 bis 600.000 Euro aus. Sie legen die Annahme zugrunde, dass sich mit Investitionen in Aktien und Anleihen vier Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaften lassen. Um von diesen vier Prozent leben zu können, ohne das Kapital aufzuzehren, sparen sie auf eine Summe hin, die beim 25-Fachen ihrer Jahresnettoausgaben liegt. Wer beispielsweise 1.500 Euro im Monat ausgibt, bräuchte insgesamt 450.000 Euro für sein Leben.

Seit einigen Jahren schart die FIRE-Bewegung auch in Deutschland immer mehr Anhänger um sich. In Onlineforen tauschen sich Berufstätige darüber aus, wie sie schneller "finanziell frei" werden, außerdem berichtet eine Reihe von Frugalisten davon, wie sie ihr Ziel erreichen wollen oder bereits erreicht haben. Lars Hattwig ist einer der Blogger, die im Internet ihr Wissen mit anderen teilen. Mit Affiliate-Links, also bezahlten Links auf andere Seiten, mit eigenen E-Books und Onlineseminaren nehmen sie zusätzlich Geld ein.

Mit freundlicher Unterstützung des Kapitalismus

Lars Hattwig ließ sich nicht von anderen inspirieren, als er vor 16 Jahren beschloss, sparsamer zu leben. Der Diplommeteorologe war damals Anfang 30, er verdiente nicht schlecht, rund 2.000 Euro netto. Trotzdem hatte er sein Konto nicht zum ersten Mal überzogen, als der Geldautomat an einem Tag im Jahr 2003 keine Scheine mehr ausspuckte. "Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob ich die Dinge, für die ich Geld ausgebe, wirklich brauche", erinnert sich Hattwig. Er hörte mit dem Rauchen auf, kündigte längst vergessene Zeitschriftenabos und verkaufte sein Auto, das er in der Hauptstadt ohnehin kaum nutzte.

Wenn Sparen zum Sport wird

Plötzlich rutschte er nicht mehr ins Minus, sondern konnte stattdessen Geld zur Seite legen. Der Ehrgeiz packte ihn. Ein Ehrgeiz, nie wieder finanzielle Probleme zu haben. Er investierte in Aktien und zwar zu einer Zeit, in der viele andere Menschen in Deutschland sich entschieden, das Ersparte lieber wieder unters Kopfkissen zu legen. Auf dem Neuen Markt, dem gehypten Börsensegment der Technologieaktien, waren die Kurse um die Jahrtausendwende tief gefallen. Allein mit den Aktien der Telekom hatten die Deutschen Millionen verloren.

Ohne viel Erfahrung mit Wertpapieren zu haben, machte Hattwig instinktiv alles richtig und kaufte sie nach dem Platzen der Blase zu günstigen Kursen. Als diese im Jahr 2008 während der Finanzkrise erneut abstürzten, blieb er ruhig, verkaufte nicht – und profitierte abermals. Hattwig setzt heute wie viele FIRE-Anhänger vor allem auf passive Indexfonds, sogenannte ETFs, die breit gestreut in verschiedene Aktien investieren und vergleichsweise wenig kosten.

Er hat inzwischen "mehrere Hunderttausend Euro" angespart, wie er sagt. Monat für Monat erhält er Zinsen aus Anleihen und Dividenden aus seinen Aktien. Außerdem nimmt er mit seinem Blog und seinen Büchern einen Betrag ein, der "nicht zu unterschätzen" sei, sagt er. "Ich lebe von 2.000 Euro im Monat." Genauso viel habe er früher auch verdient, nur sei sein Umgang mit Geld nie so normal gewesen wie heute. Erst verprasste er es, dann wurde er zum Knauser. "Heute schaue ich im Supermarkt nicht mehr auf den Preis", sagt Hattwig. Seinen Job habe er anfangs vermisst, "doch inzwischen ist das Kapitel abgeschlossen". Jetzt besteht seine Arbeit darin, zu investieren, seinen Blog zu betreiben, sein Wissen weiterzugeben. "Das begeistert mich genauso, wie mich in meinem alten Job das Wetter begeistert hat", sagt er.

"Die Menschen verzichten nicht auf Konsum, um die Welt zu retten, sondern um nicht mehr arbeiten zu müssen."
Eike Wenzel vom Institut für Trend- und Zukunftsforschung

Ein Leben mit weniger Konsum hat ihn wohlhabend gemacht – mit freundlicher Unterstützung des Kapitalismus. Dieser Widerspruch gehört zur FIRE-Bewegung. Fast einhellig kritisieren die Anhänger ein Leben im Überfluss, investieren aber in den Kapitalmarkt, bei dem kontinuierliches Wachstum zum Geschäftsmodell gehört. "Die Menschen verzichten nicht auf Konsum, um die Welt zu retten, sondern um nicht mehr arbeiten zu müssen", sagt Eike Wenzel vom Institut für Trend- und Zukunftsforschung in Heidelberg. Er hat die Frugalisten in einer Studie über unterschiedliche Lebensstile schon vor einigen Jahren als schwankend "zwischen Engagement und Resignation" beschrieben.

Den Trend, im Hier und Jetzt viel Geld zurücklegen zu können, um früher in den Ruhestand gehen zu können, sieht er kritisch. "Das hat auch eine spießige, fast reaktionäre Komponente", sagt er. Wer frugal lebe, verhalte sich nicht zwingend progressiv und autonom, sondern ziehe sich gewissermaßen in den eigenen Bunker zurück. "Das kann auch eine Absage an den Staat und die Gesellschaft sein", sagt Wenzel.

In Onlineforen diskutieren Anhänger der Bewegung auch über radikale Schritte, die dem Trendforscher recht geben. Sie berichten davon, in andere Länder auswandern zu wollen, um geringere Lebenshaltungskosten zu haben oder weniger Steuern zahlen zu müssen. Geo-Arbitrage nennt sich das – und es soll die Menschen noch schneller ans Ziel bringen, "finanziell frei" zu sein. Keine GEZ! Geld zurücklegen und trotzdem luxuriös leben! Was einige Ratgeber im Internet anpreisen, klingt je nach Lesart nach paradiesischen Zuständen oder einer ungemütlichen Mischung aus Steuerflucht, Politikverdrossenheit und Light-Kolonialismus.

"Geografisch, zeitlich und finanziell unabhängig"

"Geografisch, zeitlich und finanziell unabhängig", das wollte auch Lars Hattwig sein. Doch als Rückzug aus der Gesellschaft betrachtet er sein Lebensmodell nicht. "Ich bin auch ohne meinen alten Job weiterhin gern ein Teil der Gesellschaft", sagt er. Radikale Schritte sieht Hattwig eher kritisch. Die Menschen müssten nicht gleich umziehen, um früher in den Ruhestand treten zu können – man könne bei den kleinen Dingen des Alltags mit dem Sparen anfangen: "Muss es wirklich jeden Morgen das belegte Brötchen oder der Coffee to go sein?", fragt Hattwig.

Nein, findet Sabrina Volk. Wobei sie sich noch immer gern ab und zu einen Kaffee auf die Hand kauft. "Ich bin keine Hardcorefrugalistin", sagt sie. Und beweist zugleich, dass man nicht streng asketisch leben muss, um an später zu denken. Die 38-Jährige wohnt in Hannover und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Universität. "Ich liebe meinen Beruf", sagt Volk. Ihr Ziel sei es nicht, nicht mehr zu arbeiten. Sondern nicht mehr arbeiten zu müssen.

Sabrina Volk geht es um die theoretische Möglichkeit, nicht mehr arbeiten zu müssen

Damit entkräftet sie die Kritik, die beispielsweise der bekannte Investmentbanker Gerd Kommer am Konzept der "finanziellen Freiheit" übt. Der Autor, der mit seinen Büchern über ETFs die Indexfonds für die breite Masse bekannt machte und viele Frugalisten zu ihrer Anlagestrategie inspirierte, verriss die Bewegung in einem Blogbeitrag vor einem guten Jahr regelrecht. Damit würden "Entbehrung und Geiz" als vermeintliche Unabhängigkeit "aufgehübscht" und die Arbeit als Angestellter "als Gefängnis dargestellt, aus dem man entkommen muss".

Doch Sabrina Volk fühlt sich nicht wie eine Gefangene. Sie möchte sich vielmehr die theoretische Möglichkeit schaffen, schon vor dem Renteneintrittsalter kein Geld mehr verdienen zu müssen oder die Wochenstunden reduzieren zu können. Und sie will nicht in die Altersarmut rutschen, von der viele Frauen betroffen sind, weil sie nicht Vollzeit arbeiten konnten oder sich von einem Mann abhängig gemacht haben. "Es geht mir um die Freiheit", sagt die promovierte Pädagogin. Von den rund 2.500 Euro, die sie netto verdient, bekommt sie 40 Prozent gar nicht erst zu sehen. 1.000 Euro fließen per Dauerauftrag zu Beginn jeden Monats in verschiedene ETF-Sparpläne und Investitionskonten. Bekommt sie Geld vom Finanzamt oder vom Energieversorger zurück, behält sie es nicht ein, sondern legt es zusätzlich an.

Sabrina Volk hat ihr Auto abgeschafft und wohnt in einer Wohnung, die mit knapp 40 Quadratmetern so klein ist, dass gar nicht erst viele Möbel hineinpassen. "Das Angebot beeinflusst den Bedarf", sagt Volk. Seit sie keine Newsletter von Onlineshops mehr abonniert habe, komme sie erst gar nicht mehr in Versuchung, dort Kleidung einzukaufen, die sie eigentlich gar nicht brauche.

"Ich habe mich anfangs regelrecht reingestürzt in FIRE und mir gar nichts mehr gegönnt."
Sabrina Volk, 38 Jahre

Gleichzeitig hat Volk – ähnlich wie Hattwig – erkannt, dass das Streben nach der Freiheit zum Exzess werden kann. "Ich habe mich anfangs regelrecht reingestürzt in FIRE und mir gar nichts mehr gegönnt", sagt sie. Auf das teure Glas Rotwein verzichtete sie, denn es hätte sie von ihrem Ziel entfernt. "Inzwischen bin ich deutlich entspannter", sagt Volk. Zwar trägt sie noch immer alle Ausgaben in ein digitales Haushaltsbuch ein, auch das Brötchen für 35 Cent – aber wenn sie Lust auf das Glas Wein oder den Latte macchiato hat, mit Freunden essen gehen oder zum Friseur möchte, dann gibt sie Geld dafür aus.

Rund 500.000 Euro Kapital bräuchte sie, um nicht mehr arbeiten zu müssen und ihren jetzigen Lebensstandard zu halten, hat Volk ausgerechnet. Wie viel sie schon hat, wisse sie nicht, sagt sie. Auf ihr Wertpapierdepot schaut sie nur selten, denn ganz genau möchte sie es gar nicht wissen. "Es gibt im Leben so viele Unwägbarkeiten", sagt sie. Deshalb wolle sie sich lieber nicht darauf verlassen, dass es mit der finanziellen Unabhängigkeit klappt. Und wenn doch? Dann möchte sie mehr reisen, öfter ihre Freunde und Familie besuchen und sich noch mehr mit Geldanlage auseinandersetzen.

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