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Selbstoptimierung: Wann ist Erholung eigentlich Arbeit geworden?

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Unternehmen erwarten, dass Mitarbeiter ihr Stresslevel selbst senken. Woher das kommt, erklärt die Soziologin Greta Wagner.
Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen alles über den Kopf wächst? © Lubitz + Dorner/​plainpicture

Gestresst, überlastet und viel zu viel Druck – das kennt fast jeder. Eine neue Studie behauptet jetzt: Auch die digitalen Hilfsmittel, die uns eigentlich entlasten sollen, stressen. Jeder fünfte Arbeitnehmer fühlt sich davon sogar stark belastet. Aber was stresst uns eigentlich an der Arbeit? Seit wann sprechen alle von Stress? Und woher rührt das Gefühl, sich individuell um den eigenen Stress kümmern zu müssen? In den Konzepten von Achtsamkeit und Resilienz verbirgt sich die neoliberale Idee der Eigenverantwortung, sagt die Soziologin Greta Wagner.

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ZEIT ONLINE: Frau Wagner, wie geht es Ihnen?

Greta Wagner: Gut, ich bin ganz ungestresst.

ZEIT ONLINE: Die meisten Menschen meines Umfelds antworten auf diese Frage mit: "Ganz gut, nur etwas gestresst." Warum sind denn alle so gestresst?

Wagner: Mit Stress werden sehr unterschiedliche Zustände kommuniziert. Die Beschreibung reicht von leichter Anspannung bis zu Gefühlen starker Überforderung, die auf lange Sicht auch krank machen können. Seit den Neunzigerjahren nimmt die Verwendung des Wortes zu. Das heißt nicht, dass Menschen in vorausgegangenen Epochen weniger Belastungen ausgesetzt waren. Aber jede Zeit hat ihre typischen Leiden. In unserer sind das Erschöpfung, Stress und Gefühle des Ungenügens.

Greta Wagner ist promovierte Soziologin am Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” in Frankfurt am Main. Bis vor Kurzem forschte sie am Institute for Advanced Study in Princeton. Sie publiziert zu Selbstoptimierung und Erschöpfung und führt aktuell ein Projekt zu den Ambivalenzen des Helfens in einer ungleichen Welt durch. © privat

ZEIT ONLINE: Aber empfinden die Verkäuferin in einer überfüllten Bäckerei, die Ärztin im OP-Saal und der Hartz-IV-Empfänger, der am Existenzminimum lebt, eigentlich den gleichen Stress?

Wagner: Es macht einen Unterschied aus, ob Stress ein temporärer Zustand ist, von dem man sich auch wieder erholen kann, oder ein Zustand, der auf andauernde Existenzangst verweist – ohne die Möglichkeit der Erholung. Man sollte also auf keinen Fall denken, dass wir alle in gleicher Weise psychisch von den ökonomischen Verhältnissen belastet sind. Die beschleunigte Gesellschaft betrifft uns zwar alle. Mit welcher finanziellen Ausstattung wir in ihr zurechtkommen müssen, ist allerdings entscheidend dafür, wie sehr wir unter ihr leiden. Insofern: Nein, es ist nicht der gleiche Stress. Doch können sich Angehörige unterschiedlicher Milieus mit dem Zustand identifizieren, den er bezeichnet – gerade, weil der Begriff so vage ist.

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"Die Freizeit soll als Erholung von der Arbeit effektiv genutzt werden."
Greta Wagner

ZEIT ONLINE: Bedeutet Stress eigentlich Angst?

Wagner: Stress hat Überschneidungen mit dem Gefühl von Angst, ist aber als Konzept viel jünger. Die Forschung dazu beginnt in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts in der US-amerikanischen Militärpsychiatrie. Als Alltagsempfindung popularisiert hat sich Stress aber erst seit den Siebzigerjahren und das in viel breiterer Weise. Zu dieser Zeit galt Stress als Ursache für alle möglichen Leiden und wurde gleichzeitig als Modethema kritisiert. Soziologisch ist Stress auf zwei Ebenen interessant: Zum einen diskursiv, insofern seit den Siebzigerjahren ein neues Sprechen über empfundene Belastungen durch Arbeit und Leistungsdruck Verbreitung findet. Zum anderen der Sache nach, insofern dieses Sprechen über Stress mit realen Veränderungen unserer Arbeits- und Lebenswelt korrespondiert.

ZEIT ONLINE: Um mit Stress zurechtzukommen, kann man Übungshefte für mehr Achtsamkeit im Alltag, Dankbarkeitstagebücher und Ratgeber kaufen. Solche Bücher locken mit Versprechen wie Entspannt schaffst du alles! oder Den Alltag entschleunigen lernen! Stimmt etwas nicht mit mir, wenn mich schon das Ausrufezeichen in diesen Titeln stresst?

Wagner: Ihre Intuition, dass es hierbei nicht nur um Erholung geht, sondern auch eine Aufforderung zur Anstrengung kommuniziert wird, ist richtig. Die Ausrufezeichen, die Sie ansprechen, verweisen auf die unausgesprochene Pflicht, die in vielen Arbeitsverhältnissen besteht, sich um die Regeneration der eigenen Ressourcen zu kümmern und dafür zu sorgen, dass man nicht krank wird – vor allem nicht psychisch krank, denn hier drohen die längsten Fehlzeiten. Durch Achtsamkeitsübungen die Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit eigenverantwortlich zu ziehen, ist nicht nur persönlich von Vorteil, sondern auch Teil der Anforderungen im Job. Die Freizeit soll als Erholung von der Arbeit effektiv genutzt werden. In Vorstellungsgesprächen wird beispielsweise oftmals die Frage gestellt: "Was tun Sie denn für Ihre eigene Erholung?"

"Die Einstellung von mehr Personal würde den Stress oft effektiver mindern, aber zu höheren Kosten."
Greta Wagner

ZEIT ONLINE: Erholung ist also zur Arbeit geworden?

Wagner: Ja, Stressmanagement gehört zur Arbeit am Selbst, die von Arbeitgebern auch mitunter erwartet wird. Denken Sie zum Beispiel daran, dass es Unternehmen gibt, die Yogaräume einrichten.

ZEIT ONLINE: Es gibt auch Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen sogenannte mindfulness trainings anbieten – auf Deutsch schlicht Achtsamkeitstrainings. Ist das nicht eigentlich sehr nett?

Wagner: Klar, viele Mitarbeiterinnen schätzen das auch. Die Idee der Achtsamkeit stammt aus der buddhistischen Lehre, wird jedoch seit den Siebzigerjahren auch zur Reduktion von Stress eingesetzt und dabei von ihren religiösen Wurzeln losgelöst. Große Verbreitung findet sie in den Tech-Unternehmen des Silicon Valley. Aber diese Strategien sind ambivalent, weil sie den Angestellten sehr viel Eigenverantwortung dafür übertragen, einen individuellen Umgang mit organisational verursachten Problemen zu finden. Oftmals würde die Einstellung von mehr Personal den Stress effektiver mindern, aber zu höheren Kosten. Mit mindfulness trainings lernen die Arbeitenden, Stress durch Termindruck und internationale Konkurrenz selbst auszugleichen, indem sie an ihrer eigenen psychischen Belastbarkeit arbeiten. Dieses kulturelle Muster findet sich eben in vielen Bereichen der Gegenwartsgesellschaft: Wer trotz Achtsamkeitstraining noch gestresst ist, ist selbst schuld.

Ist Stress nicht auch ein Statussymbol?

ZEIT ONLINE: Aber jenseits von Schuld – ist Stress nicht auch ein Statussymbol? 

Wagner: Natürlich verweist Stress auf ein gewisses Maß an Aktivität und dabei handelt es sich um einen hochgeschätzten Wert in der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft. Passivität und Antriebslosigkeit sind verpönt und treffen, wenn überhaupt, nur noch im Rahmen medizinischer Diagnosen auf Verständnis. Jemand, der ständig im Stress ist, scheint mir aber dennoch nicht unbedingt mit einem Statusgewinn rechnen zu können, weil er oder sie die Anforderungen an Zeitmanagement, an eigenverantwortliche Grenzziehungen und an wirksame Erholung verfehlt.

ZEIT ONLINE: Bedeutet das, dass unser heutiger Stress ein anderer ist als der der Siebzigerjahre?

Wagner: Die Ansprüche an die Flexibilität der Menschen haben sich gewandelt, das zeigt sich zum Beispiel in viel brüchigeren Berufsbiographien. Auch die Digitalisierung verursacht neue Anpassungsprobleme. Insbesondere mehrere Arbeiten gleichzeitig erledigen zu müssen und die Verdichtung der Arbeitszeit werden als Stressoren erlebt. In den Unternehmen haben sich Organisationsformen entwickelt, die sich durch flachere Hierarchien, flexiblere Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung auszeichnen und in der das kreative Potential der Beschäftigten viel stärker gefragt ist.

"Frauen werden häufiger wegen Burn-out krankgeschrieben."
Greta Wagner

ZEIT ONLINE: Empfinden Frauen eigentlich mehr Stress als Männer?

Wagner: Frauen übernehmen nach wie vor einen Großteil der Fürsorgearbeit in den Familien und sind damit einer Doppelbelastung ausgesetzt. Aus soziologischen Paarstudien, wie sie beispielsweise an der TU Darmstadt durchgeführt wurden, weiß man, dass der Bereich des Privaten für Frauen viel weniger als Bereich der Regeneration dient als für Männer, die in heterosexuellen Partnerschaften leben. Die Rollenaufteilung in der Care-Arbeit ist noch immer sehr klassisch – und das selbst dann, wenn die Frau in einer Partnerschaft die Hauptverdienerin ist. Das spiegelt sich auch in den Erschöpfungsdiagnosen: Frauen werden häufiger wegen Burn-out krankgeschrieben. Das verweist jedoch nicht auf ihre vermeintliche psychische Labilität, sondern darauf, dass der Bereich des Privaten für sie nicht vorrangig Erholung, sondern auch eine Menge Arbeit birgt.  

ZEIT ONLINE: Als Patentlösung gegen den Stress gilt neben der bereits erwähnten Achtsamkeit die sogenannte Resilienz: die Idee also, dass man durch die Stärkung persönlicher Ressourcen psychische Widerstandskraft in Krisenzeiten erlangt. Wie ordnen Sie dieses Konzept ein?

Wagner: Die Resilienzforschung ist in den Fünfzigerjahren entstanden. Man hat versucht, Faktoren zu ermitteln, die eine relativ große psychische Widerstandfähigkeit nach biografischen Katastrophen erklären können. Diese Idee wird auf die Situation moderner Arbeit übertragen und das bedeutet, die subjektiven Ressourcen von Arbeitsnehmerinnen zu stärken, damit sie durch anfallenden Stress nicht krank werden. Sie sollen zum Beispiel die Fähigkeit erlernen, sich in ihrer Freizeit ad hoc entspannen zu können, um in Stressphasen nicht auszubrennen. Die Verbreitung des Konzepts der Resilienz wird zurecht dafür kritisiert, dass es den Fokus ganz im Sinne der Zeit eher auf den Umgang mit Katastrophen legt, anstatt darauf, sie zu vermeiden. 

ZEIT ONLINE: Aber die Idee, mit Krisen gut umgehen zu können, komme, was wolle, klingt doch erst einmal verlockend?

Wagner: Ja, und sie trifft die Arbeitsrealität in vielen Unternehmen. In vielen Unternehmen ändert sich alles ständig, Abläufe, Hierarchien, Teams, Projekte. Mitarbeiterinnen klagen darüber, dass es keine Routinen gibt, an die sie sich gewöhnen können. Ich habe einmal vor Führungskräften eines Chemiekonzerns gesprochen. Viele Teilnehmerinnen aus dem Publikum beschwerten sich darüber, dass, sobald sie sich ihre Arbeit zu eigen gemacht hatten, die nächste Organisationsreform bevorstand. Vor diesem Hintergrund erscheint die innere Einstellung, die alles mit Gelassenheit annimmt, für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer attraktiv. Die Frage, wie man Arbeit so gestalten kann, dass sie Gefühle von Überforderung erst gar nicht kreiert, gerät dabei aus dem Fokus. Die Verantwortung liegt also wieder im individuellen Handeln und nicht in der Organisationsstruktur. Dieses kulturelle Muster findet sich in allen Lebensbereichen wieder.

"Institutionen, die die Sicherheit gewähren, nicht durch das soziale Netz zu fallen, senken das Stressniveau."
Greta Wagner

ZEIT ONLINE: Wie neu ist dieses kulturelle Muster denn?

Wagner: Es gewinnt seit den Neunzigerjahren an Bedeutung und zeigt sich seit den frühen Tausenderjahren auch in Reformprojekten wie der Agenda 2010: Eigenverantwortung für die Altersvorsorge, Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit, Lockerung des Kündigungsschutzes, Einführung der Hartz-IV-Gesetze. Der Umbau der Gesellschaft, in der Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit und Krankheit zunehmend individuell und nicht kollektiv getragen werden sollen, ist das, was man gemeinhin als Neoliberalisierung der Sozialordnung bezeichnet.

ZEIT ONLINE: Welche Alternative gäbe es denn zum eigenverantwortlichen Umgang mit Stress?

Wagner: Die Frage scheint mir eher, welche Auslöser von Stress man in einer solidarisch organisierten Gesellschaft vermeiden kann. Institutionen, die die Sicherheit gewähren, nach Schicksalsschlägen, Krankheit oder wenn der Erfolg mal ausbleibt, nicht durch das soziale Netz zu fallen, senken auch das Stressniveau. Nehmen Sie das Beispiel der Gesundheitsversorgung. Ich war gerade für ein Jahr in den USA, wo es keine allgemeine Krankenversicherung gibt und viele Menschen mit der ständigen Angst vor Krankheit oder einem Unfall leben. In einer Gesellschaft, in der Markt und Wettbewerb als Lösung fast aller Probleme favorisiert werden, muss man für den Erhalt und den Ausbau solidarischer Institutionen kämpfen.

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